Sachversicherung: Gut für Schussel und Schlamper

Ob Auto oder Hausrat – wenn Kunden einen Schaden grob fahrlässig herbeiführen, können sie künftig trotzdem Geld von ihrer Versicherung bekommen.

Das neue Versicherungsvertragsgesetz stärkt die Rechte der Kunden besonders in der Auto-Kaskoversicherung, bei Hausrat-, Reisegepäck- und anderen Sachversicherungen.

Der wichtigste Punkt: Haben Versicherte ihre Pflichten verletzt, verlieren sie nicht mehr automatisch die komplette Versicherungsleistung. Künftig soll es darauf ankommen, wie schwer der Fehler war, den sie begangen haben. Das Alles-oder-nichts-Prinzip verschwindet.

Der eine ist bei Rot mit überhöhter Geschwindigkeit über die Kreuzung gerast und hat dabei sein Auto zu Schrott gefahren. Dem anderen wurde sein Notebook geklaut, das er während eines Gangs zur Toilette im Gepäckfach des ICE liegenließ.

Bisher erhielten beide kein Geld von der Versicherungsgesellschaft. In Zukunft soll das Unternehmen seine Leistung nicht mehr komplett streichen, sondern „in einem der Schwere des Verschuldens entsprechenden Verhältnis“ kürzen.

Der Fahrgast, der seinen Computer am Platz liegenlässt, wird von seinem Hausratversicherer wohl einen größeren Teil des Schadens ersetzt bekommen, der Ampelraser von seinem Vollkaskoversicherer wahrscheinlich einen geringeren.

Richter könnten strenger werden

In den meisten Fällen ist die neue Regel gut für die Kunden. Es könnte aber sein, dass Richter in Zukunft manchmal einen Fall anders bewerten als bisher und der Kunde dann schlechter dasteht als zuvor.

Wie grobe Fahrlässigkeit rechtlich definiert ist, hat sich zwar nicht geändert. Aber manch ein Richter hat vielleicht bislang den Fehler eines Versicherten gerade noch als einfache Fahrlässigkeit durchgehen lassen, weil er wusste, dass dieser sonst keinen Cent von seiner Versicherung bekommt.

So beurteilte das Oberlandesgericht Düsseldorf es nicht als grob fahrlässig, dass eine Familie die Wohnung verließ und die Kerzen am Weihnachtsbaum brennen ließ. Die Eltern seien abgelenkt gewesen, weil ihr kleines Kind unbedingt sein neues Spielzeug draußen vor der Haustür ausprobieren wollte. Der Hausratversicherer musste für den Schaden durch den Zimmerbrand voll aufkommen.

Das könnte sich in Zukunft ändern. Strengere Richter sagen dann vielleicht: Offenes Feuer alleine zu lassen, ist grob fahrlässig – Weihnachtsstress hin oder her. Dann müsste der Versicherer nur einen Teil des Brandschadens ersetzen.

Wie viel Prozent der Versicherer dem Kunden für welches Fehlverhalten abziehen darf, ist nirgends geregelt. Wer sich ungerecht behandelt fühlt, muss das vor Gericht ausfechten – mit ungewissem Ausgang. Es dauert immer einige Jahre, bis es genügend Urteile hoher Gerichte gibt, an denen sich Streitende und Richter der unteren Instanzen in späteren Auseinandersetzungen orientieren können.

Die Tabelle unten zeigt deshalb nur Beispiele, wie ein Fall in Zukunft bewertet werden könnte. Was tatsächlich passieren wird, weiß heute noch niemand.

Keine Folgen hat grobe Fahrlässigkeit in der Privathaftpflichtversicherung. Sowohl die private Haftpflichtversicherung wie auch die Kfz-Haftpflichtpolicen greifen trotzdem, ebenso die Tierhalterversicherung. Das ist schon heute so und ändert sich auch nicht. Denn eine gekürzte Leistung würde hier ja die Opfer treffen und nicht die versicherte Person selbst.

Nur für Schäden, die jemand vorsätzlich verursacht, kommen die Haftpflichtversicherer nicht auf.

Keine Vorteile für Betrüger

Hintergeht ein Kunde den Versicherer absichtlich, stellt ihn das Gesetz auch in Zukunft nicht besser.

Jemand, der seiner Autoversicherung verschweigt, dass die Delle schon vor dem Unfall im Kotflügel war, oder jemand, der manipulierte Rechnungen einreicht, handelt nämlich nicht fahrlässig, sondern vorsätzlich. Er bekommt nach altem wie nach neuem Recht kein Geld von der Versicherungsgesellschaft. Er muss sogar mit einer Strafanzeige wegen arglistiger Täuschung oder Betrugs rechnen.

Kunde bekommt mehr erklärt

Mehr Papier vom Versicherer bekommen Kunden ab 2008 nicht nur beim Vertragsschluss, sondern auch bei jeder Schadensmeldung. Denn die Unternehmen müssen umfassender und häufiger darauf hinweisen, was passiert, wenn der Kunde eine vertragliche Pflicht verletzt.

Meldet jemand seinem Hausratversicherer einen Einbruch, dann muss dieser ihn schriftlich darauf aufmerksam machen, dass er den Vorfall sofort bei der Polizei anzeigen und der Versicherungsgesellschaft schnellstmöglich eine komplette Liste der gestohlenen Sachen einreichen muss. Außerdem muss die Gesellschaft ihm sagen, dass er Geld abgezogen bekommt, wenn er das versäumt.

Das klingt nach Bürokratie, hilft aber dem Kunden. Nicht nur, weil manche vielleicht sonst wirklich etwas verbummeln. Viel wichtiger: Wenn die Versicherungsgesellschaft das versäumt und den Kunden nicht schriftlich über die Folgen von Pflichtverletzungen belehrt, darf sie ihm später die Leistung nicht wegen einer solchen Nachlässigkeit kürzen.

Vor dem Abschluss neuer Verträge müssen die Versicherer den Kunden künftig besser über den Inhalt des Vertrags, die Höhe der Beiträge und über seine Rechte informieren.

Sind bestimmte Fälle von der Versicherung ausgeschlossen, von denen man erwarten könnte, dass sie versichert sind, muss der Versicherer den Kunden darauf aufmerksam machen. Gilt beispielsweise eine Police „europaweit“, muss der Versicherer darauf hinweisen, dass er trotzdem keinen Versicherungsschutz auf den Kanarischen Inseln gewährt.

Die umfassende Aufklärung ist bei Lebens-, Renten- und Berufsunfähigkeitsversicherungen und bei privaten Krankenversicherungen noch viel wichtiger als bei einer Hausrat- oder Autoversicherung. Denn die kann jeder leicht kündigen und bei einem anderen Unternehmen neu abschließen.

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