Viele ältere Menschen haben Angst vor Unfällen. Das macht es Versicherern leicht, ihnen eine Senioren-Unfallversicherung zu verkaufen. Manchmal ist der Abschluss ganz sinnvoll.

Ein schwerer Sturz – und plötzlich ist man auf fremde Hilfe angewiesen, kommt womöglich nie wieder richtig auf die Füße. Diese Vorstellung ist besonders für ältere Menschen bedrohlich.

Die Versicherungswirtschaft verspricht zumindest finanzielle Abhilfe. Viele Unternehmen haben spezielle Policen für die „Generation 55 plus“ entwickelt. Die meisten gewähren dem Versicherten eine lebenslange monatliche Rente, wenn er durch einen Unfall einen dauerhaften gesundheitlichen Schaden davonträgt.

Ein Geschäft mit der Angst oder ein sinnvolles Angebot? Finanztest hat die Angebote einiger Versicherer zusammengetragen und festgestellt: Eine solche Versicherung kann sinnvoll sein. Rentner haben zwar keinen krankheitsbedingten Einkommensausfall zu befürchten, wohl aber Mehrkosten.

Sie benötigen oft nicht nur Hilfe im Alltag und Pflege, sondern müssen beispielsweise auch die Wohnung behindertengerecht umbauen oder in ein Heim umziehen. Die gesetzliche Pflegeversicherung ist zwar für solche Fälle gedacht, aber sie deckt bei weitem nicht alle entstehenden Kosten.

Die Seniorenversicherung ist aber keine Rundum-Sorglos-Police. Denn meist handelt es sich um reine Unfallversicherungen. Sie zahlen nur, wenn der Kun­de einen Un­fall erleidet.

Der Sturz von der Treppe ist ver­sichert, der Schlaganfall meist nicht.

Rente plus Hilfeleistungen

Neben der monatlichen Rente und oft auch einer einmaligen Sofortzahlung sichern viele Anbieter dem Kunden für die ersten sechs Monate nach dem Unfall Hilfeleistungen zu.

Sie stellen beispielsweise eine Haushaltshilfe zur Verfügung, die putzt, wäscht und Einkäufe erledigt. In Kooperation mit Hilfsorganisationen wie den Johannitern gewähren einige auch eine Versorgung mit „Essen auf Rädern“ sowie Pflegeleistungen und anderen Service.

Manche Versicherer vermitteln die Hilfeleistungen nur. Der Kunde braucht dann zwar nicht selbst eine Putzhilfe oder einen Pflegedienst zu suchen, muss diese Dienste aber bezahlen.

Sinnvolle, aber teure Extras

Seniorenversicherungen sind oft deutlich teurer als eine reguläre Unfallversicherung. Schließt eine Frau mit 60 Jahren ab, zahlt sie ungefähr zwischen 200 und 700 Euro Beitrag im Jahr. Ein Mann muss mit etwa 200 bis 500 Euro rechnen.

Gute „normale“ Unfallversicherungen sind für 60-Jährige dagegen bereits ab rund 100 Euro im Jahr zu bekommen. Allerdings dürfte es ein 80-Jähriger schwer haben, einen Vertrag zu bekommen. Denn viele Versicherer führen bestehende Verträge von Kunden nicht mehr weiter, wenn sie 75 Jahre alt geworden sind, oder nur zu schlechteren Bedingungen als zuvor. Die Seniorenpolicen dagegen können bis ins hohe Alter abgeschlossen werden, sofern der Kunde nicht schon schwer krank oder pflegebedürftig ist.

Die Gesellschaften Signal Iduna, Ideal und Barmenia haben gar keine Altersgrenze festgelegt, die Nürnberger nimmt Kunden immerhin bis zu 88 Jahren an.

Wann zahlt die Versicherung?

Üblicherweise erkennen die Versicherer einen Unfall nur dann an, wenn die versicherte Person durch ein „plötzlich von außen auf den Körper einwirkendes Ereignis“ einen bleibenden Gesundheitsschaden erleidet.

Zieht sich ein Mensch mit brüchigen Knochen einen Oberschenkelhalsbruch zu, indem er einfach nur versucht, vom Stuhl aufzustehen, wäre das nach den Versicherungsbedingungen kein Unfall.

In ihren Seniorenangeboten versichern aber viele Anbieter den Oberschenkelhalsbruch mit, auch wenn er nicht durch einen Unfall im Sinne der Bedingungen entstanden ist. Das ist eine wichtige Leistungsergänzung, denn gerade dieser Knochenbruch führt in vielen Fällen zu einer bleibenden Behinderung.

Den Grad der Invalidität messen die Versicherer nach einer so genannten Gliedertaxe. Das ist eine Skala, in der jeder Schädigung ein Prozentwert zugeordnet wird. Zum Beispiel entspricht der Verlust der Sehfähigkeit auf einem Auge nach der Gliedertaxe der meisten Versicherer einer Invalidität von 50 Prozent. Die Skalen sind aber unterschiedlich je nach Unternehmen und Versicherungstarif.

Meist zahlt der Versicherer erst ab einer Invalidität von 50 Prozent eine lebenslange monatliche Rente. Das zeigt unsere Tabelle.

Dabei gibt es aber ein Problem: Waren die von dem Unfall betroffenen Körperteile oder -funktionen bereits erheblich vorgeschädigt, berücksichtigt der Versicherer dies bei der Einstufung der Invalidität und reduziert gegebenenfalls die Leistung.

Wenn also beispielsweise der durch einen Unfall auf einem Auge erblindete Kunde bereits vorher sehbehindert war, gesteht ihm die Versicherung möglicherweise nicht die für eine Unfallrente nötigen 50 Prozent Invalidität zu. Das ist in der Unfallversicherung üblich.

Bei ihren Seniorenprodukten bieten manche Versicherer Abhilfe: Die Signal Iduna verzichtet in ihrer Tarifvariante Senioren darauf, Vorschäden anzurechnen.

Senioren als Markt der Zukunft

Die Seniorenversicherungen verkaufen sich prächtig: So konnten Allianz und Volksfürsorge, die ihre Seniorenangebote erst seit wenigen Monaten auf dem Markt haben, zusammen bereits mehr als 120 000 Verträge verkaufen. Auch andere Anbieter drängen verstärkt auf den Senioren-Markt.

In Veranstaltungen wie zum Beispiel dem Senioren-Kongress des „Instituts für Senioren-Ökonomie“ werden Versicherungsverkäufer mit Buchtiteln wie „Seniorenmarkt: 1 000 Euro Provision an einem Vormittag“ auf die neue Zielgruppe eingeschworen. Denn die heute 50- bis 60-Jährigen haben so viel Geld wie keine andere Bevölkerungsgruppe.

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