Nach der Entdeckung und Sicherstellung von vergiftetem Guarkernmehl bei mehreren deutschen Lebensmittelherstellern stellt sich jetzt heraus: Das mit den Giften Dioxin und PCP verseuchte Verdickungsmittel ist offenbar stärker belastet als zunächst bekannt. Die Folge: In Lebensmitteln wie Joghurt oder Speiseeis kann der gesetzliche Grenzwert für das Pestizid Pentachlorphenol (PCP) deutlich überschritten sein. Für den Verbraucher besteht nach Ansicht der Behörden dennoch keine akute Gefahr. Der Anteil des aus der Guar-Pflanze gewonnenen Zusatzstoffs beträgt in fertigen Nahrungsmitteln weniger als zwei Prozent.

Hersteller schlug Alarm

Das vom indischen Exporteur India Glycols Limited gelieferte verunreinigte Guarkernmehl gelangte über die Schweizer Firma Unipektin nach Deutschland. Der Hersteller von Lebensmittelzusätzen hatte die Verseuchung selbst festgestellt und Alarm ausgelöst. Das europäische Schnellwarnsystem informierte die deutschen Behörden am Mittwoch, 25. Juli. 14 Betriebe in acht Bundesländern hatten das giftige Verdickungsmittel erhalten. Neun Tage später, am 3. August, haben Bund und Länder die erforderlichen Überwachungsmaßnahmen in einer Telefonkonferenz koordiniert. Bei der Suche nach dem verseuchten Guarkernmehl wurden die Fahnder bisher bei Verarbeitern in vier Bundesländern fündig: Rheinland-Pfalz, Brandenburg, Hessen und Baden-Württemberg.

Fahndung nach Lieferungen

In Hessen sperrte die betroffene Firma die noch vorhandene Ware, etwa fünf Tonnen. Weitere 240 Tonnen hatte sie jedoch schon an Firmen in Bremen, den Niederlanden, Belgien, Luxemburg und Österreich ausgeliefert. In Baden-Württemberg haben mindestens drei Lebensmittelbetriebe das beanstandete Guarkernmehl erhalten. Der verseuchte, als E 412 bezeichnete Zusatzstoff ging auch an zwei rheinland-pfälzische Lebensmittelhersteller. Sie erhielten 1 500 und 1 600 Kilogramm. Die größere Lieferung ist bereits komplett verarbeitet. Von der kleineren Sendung brachte der Betrieb mehr als die Hälfte in Sicherheit. Von der restlichen, bereits verarbeiteten Ware waren bereits etwa 190 Kilo ausgeliefert. In Brandenburg bekamen Firmen in drei Kreisen 100 Tonnen Giftmehl. Die Behörden stellten sie vollständig sicher. Meldungen, nach denen allein in Brandenburg 2 000 Tonnen des Stoffes beschlagnahmt wurden, dementierte ein Sprecher des Verbraucherschutzministeriums.

Behörden sehen keine Gefahr

Bereits ausgelieferte Ware riefen die Lieferanten zurück. Ob trotzdem Produkte mit verunreinigtem Guarkernmehl in deutschen Ladenregalen liegen oder lagen, ist unklar. Wahrscheinlich seien keine verunreinigten Lebensmittel in den Verkauf gelangt, zitiert die Frankfurter Rundschau Ursula Huber, Sprecherin des Bundesverbraucherschutzministeriums. Gegenüber dem Tagesspiegel erklärte Huber allerdings, „dass keine Chargen mit belasteten Lebensmitteln mehr im Verkehr sind“. Auf jeden Fall ist die Sprecherin sicher: „Für den Verbraucher besteht keine Gefahr“, sagte sie. Guarkernmehl sei nur in geringen Mengen in Lebensmitteln enthalten. Das bestätigt Rückstandschemiker Wolfgang Mathar vom Bundesinstitut für Risikobewertung (BFR): In der Regel werde Guarkernmehl Zwischenprodukten zugesetzt. Zum Beispiel Fruchtzubereitungen für Joghurt. Darin beträgt der Anteil des Verdickungsmittels weniger als zwei Prozent. Im Endprodukt, dem fertigen Joghurt, ist Guarkernmehl nur noch im Promillebereich enthalten.

Grenzwerte überschritten

Die Belastung des Guarkernmehls mit Dioxinen und PCP ist unterschiedlich hoch. In Stuttgart und Freiburg ermittelten Labore PCP-Gehalte zwischen 2,13 und 33,4 Milligramm pro Kilogramm Guarkernmehl. In Hessen fanden die Prüfer sogar 80 Milligramm pro Kilogramm des giftigen Pilzbekämpfungsmittels. Das bedeutet: Im Extremfall beträgt der PCP-Gehalt in verzehrfertigem Joghurt 0,8 Milligramm pro Kilogramm. Das ist 80-mal mehr als zulässig. Für PCP in Lebensmitteln gilt die allgemeine Höchstmenge von 0,01 Milligramm pro Kilogramm. Auch die tolerierbare tägliche Aufnahmemenge (TDI-Wert) kann in Einzelfällen überschritten werden, so Mathar vom Bundesinstitut für Risikobewertung. Ein akutes Gesundheitsrisiko stelle eine einmalige Überschreitung nicht dar.

Rätsel um Dioxin-Gefahr

Das verseuchte Guarkernmehl enthält laut Bundesinstitut für Risikobewertung bis zu 738 Picogramm pro Gramm. Experten halten das für einen sehr hohen Wert. Wie gefährlich diese Belastung für den Verbraucher ist, lasse sich jedoch nicht sagen. Für Dioxine existieren keine gesetzlichen Höchstmengen in pflanzlichen Lebensmitteln. Der Höchstgehalt für Dioxine in Milch beträgt zwar 3 Picogramm pro Gramm Fett. Dieser Wert lässt sich aber auf Mischprodukte nicht übertragen. Fest steht allerdings: Schon minimale Spuren von Dioxin sind schädlich. Nach Ansicht des BFR ist die Dioxin-Belastung der Bevölkerung ohnehin schon zu hoch.

Guarkernmehl, PCP und Dioxine: Hintergrund

Dieser Artikel ist hilfreich. 483 Nutzer finden das hilfreich.