Seit In-Kraft-Treten der Gesundheitsreform bezahlen die gesetzlichen Krankenkassen (GKV) rezeptfreie Arzneimittel in der Regel nicht mehr. Das soll etwa eine Milliarde Euro einsparen. Ausnahmen hat der Gemeinsame Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen verabschiedet: Diese „Kleine Positivliste“ regelt, welche für eine Behandlung notwendigen rezeptfreien Arzneimittel die Kassen in Zukunft noch bezahlen. Sie enthält 44 Wirkstoffgruppen zur Behandlung schwerwiegender Erkrankungen.

Erstattung nur bei Vorlage bestimmter Bedingungen

Die Verordnungsfähigkeit aller Mittel der „Kleinen Positivliste“ ist auf bestimmte Krankheitsbilder und Situationen begrenzt. Die Bedingungen lauten: Es muss sich um eine „schwerwiegende Erkrankung“ handeln, das Mittel muss „Therapiestandard“ sein. Eine Krankheit ist schwerwiegend, wenn sie lebensbedrohlich ist oder die durch sie verursachte Gesundheitsstörung die Lebensqualität auf Dauer nachhaltig beeinträchtigt. Ein Mittel gilt als Therapiestandard, wenn der therapeutische Nutzen zur Behandlung der schwerwiegenden Erkrankung dem allgemein anerkannten Standard der medizinischen Erkenntnisse entspricht. Der Arzt hat, wie bei jeder Verordnung, die Diagnose als Begründung in der Patientendokumentation aufzuzeichnen.

Beispiele: Azetylsalicylsäure und Johanniskraut

Die bekanntesten Wirkstoffe, die diese Bedingungen erfüllen, sind etwa Azetylsalicylsäure (bis 300 mg pro Tablette) zur Nachbehandlung eines Herzinfarkts, Johanniskraut bei mittelschweren depressiven Verstimmungen, Jodid bei Schilddrüsenerkrankungen, Kalzium in Kombination mit Vitamin D bei schwerer Osteoporose und Flohsamen bei der entzündlichen Darmkrankheit Morbus Crohn. Die verordnungsfähigen und von den Kassen zu bezahlenden Selbstmedikationsmittel müssen im Prinzip für die jeweiligen Indikationen zugelassen sein. Darüber gibt der Beipackzettel Auskunft.

Auch homöopathische und anthroposophische Mittel

Die Liste enthält auch homöopathische und anthroposophische Mittel. Die Aufnahme erfolgte aber nicht vorrangig aus medizinischen Gründen, sondern weil „besondere Therapierichtungen“ laut Sozialgesetzbuch aus dem Leistungskatalog der GKV nicht ausgeschlossen werden dürfen. Homöopathische Zubereitungen nennen zwar in der Patienteninformation in der Regel keine konkreten Indikationen, unterliegen aber ebenso wie die anthroposophischen Mittel ebenfalls Einschränkungen: So erstatten die Kassen die Kosten nur dann, wenn ihr Einsatz – wie bei allen anderen Arzneimitteln der Ausnahmeliste – bei bestimmten schwerwiegenden Erkrankungen als Therapiestandard gilt. Beispiel: Gingko-Blätter-Extrakt zur Behandlung von Demenz. Diese Hürde dürfte in der Praxis nach Maßstäben der wissenschaftlich begründeten Medizin für viele pflanzliche, homöopathische und anthroposophische Arzneimittel nur schwer zu nehmen sein. Es handelt sich allerdings um einen kleinen Teil des Medikamentenmarktes: Diese Mittel schlagen bei den Kassen im Jahr mit nur 60 Millionen Euro zu Buche. „Klassische“ Arzneimittel kosten dagegen mehr als 23 Milliarden.

Kritik an der Liste

Die „Kleine Positivliste“ hat Kritik auf sich gezogen: Die Zahl der Ausnahmen sei zu knapp ausgefallen, bemängelt Henning Fahrenkamp vom Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie. „Drei Millionen gesetzlich versicherte Neurodermitis- oder Schuppenflechte-Kranke müssen künftig tief in die eigene Tasche greifen“, sagt Ralf B. Blumenthal vom Berufsverband der Deutschen Dermatologen. Neben Mitteln mit Salicylsäure, die in der Liste auftauchen, gehören solche mit Harnstoff sowie Balneo-Therapeutika zur Standardtherapie. Die aber sind nicht erwähnt. Auch pflanzliche Prostata- und Beruhigungsmittel sind nicht gelistet.

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