Vermögensanalyse Test

Ernst Lehbergers Vermögen steckt zum größten Teil in Immobilien. Das eigene Wohnhaus und die vermietete Eigentumswohnung hat er auch für die Altersvorsorge gedacht.

Die privaten Vermögensverhältnisse ­gehören zu den Tabuthemen in Deutschland. Dabei hätten die Depots vieler Anleger Transparenz bitter nötig, denn sie sind alles andere als ideal. Finanztest zeigt, wie Anleger ihr Vermögen analysieren und besser strukturieren können.

Ernst Lehbergers Wertpapierdepot ist nicht gerade das, was Normalanleger als solide bezeichnen würden. Der 43-jährige Physiker hatte sich zur Zeit des Börsenbooms vom Aktienfieber infizieren lassen und vorwiegend Papiere gekauft, die aus heutiger Sicht hochspekulativ sind.

Neben einem Indexzertifikat auf den Euro Stoxx und Aktien wie Daimler-Chrysler und Deutsche Börse hält er einen Internet-Aktienfonds und etliche Werte des ehemaligen Neuen Marktes: von A wie Alphaform bis W wie Web.de.

Auch wenn Ernst Lehbergers Depot nicht typisch ist, hat es Parallelen zu vielen anderen. Selbst eher vorsichtige Anleger besitzen noch Aktien, die sie heute nie und nimmer kaufen würden. Aber sich von den Depotleichen zu trennen, kommt für die meisten nicht infrage.

Dabei wäre ein radikaler Schnitt oft die beste Lösung. Jede einzelne Position sollte auf den Prüfstand und gegebenenfalls ersetzt werden. Doch vielen Anlegern mangelt es neben der Entschlossenheit am Wissen, wie sie es besser machen könnten.

Finanztest zeigt, wie Anleger Chancen und Risiken ihrer Geldanlagen beurteilen können und was sie im Einzelnen tun müssen, um sie zu optimieren. Am ­Anfang steht die umfassende Bestandsaufnahme des vorhandenen Vermögens.

Die Verfügbarkeit entscheidet

Vermögensanalyse Test

Rendite, Sicherheit und Liquidität: Zwischen diesen Polen lassen sich alle Geldanlagen einordnen. Kein Investment erfüllt alle drei Kriterien gleichermaßen. Finanztest hat hier das klassische Dreieck um die Bequemlichkeit erweitert.

Dreh- und Angelpunkt unserer Überlegungen ist die Verfügbarkeit einer Anlage, die so genannte Liquidität. Sie gehört zu den Eckpunkten des „magischen Dreiecks“, das als Basis aller Geldanlagen gilt.

Doch viele Anleger unterschätzen die Bedeutung der Verfügbarkeit. So ergab ­eine Emnid-Umfrage, dass jeder vierte Sammler von Briefmarken, Münzen oder anderen Objekten sein Hobby gleichzeitig als Wertanlage ansieht.

Das Problem dabei: Der zugrunde gelegte Wert kann sich schnell als Illusion entpuppen, wenn weit und breit kein Käufer den entsprechenden Preis zahlen will. Sammler tun gut daran, die schönen Seiten ihres Hobbys in den Vordergrund zu rücken, die ein schnödes Depotkonto niemals ersetzen kann.

Wenn aber plötzlich Bargeld gefragt ist, hilft die Briefmarkensammlung ebenso wenig wie der Schiffsfonds, den der Anleger sich aus steuerlichen Gründen zugelegt hat. Dagegen könnte er Aktien, Investmentfonds oder Anleihen jederzeit verkaufen, selbst wenn der Zeitpunkt unter Umständen ungünstig ist.

Ein Grenzfall sind Immobilien. Das eigene Häuschen ist für viele die wichtigste Geldanlage. Man kann seine Immobilien zwar beleihen, aber dafür binden sie viel Kapital. Auch lassen sich Häuser, Eigentumswohnungen und Grundstücke nicht pauschal klassifizieren. Jeder Fall muss einzeln analysiert werden. Für unsere weiteren Betrachtungen haben wir sie deshalb nicht berücksichtigt.

Im Folgenden geht es nur um liquides Vermögen. Wir halten diesen Ansatz für den vernünftigsten, obwohl auch andere Sichtweisen möglich sind.

So betrachtet Ernst Lehberger seinen Immobilienbesitz als ausreichende Sicherheit. Er wohnt im eigenen Haus und hat eine vermietete Eigentumswohnung. So konnte er die Hälfte seines liquiden Vermögens in Aktien und Aktienfonds stecken, ohne sich übertriebene Sorgen machen zu müssen. Die andere Hälfte hat er für Notfälle auf einem Tagesgeld- und einem Girokonto geparkt.

Nicht jeder Hausbesitzer hat ein derartiges Polster. Und die Wertentwicklung seiner Immobilie ist kaum vorherzusagen. Was sie in 20 oder 30 Jahren bringen wird, lässt sich nicht abschätzen. Dagegen weiß ein Anleihenkäufer, der seine Papiere bis zur Fälligkeit hält, recht genau, wie sich sein Geld vermehren wird, und kann damit planen. Einen unerwarteten finanziellen Engpass kann er einfacher überbrücken als ein Anleger, dessen Vermögen größtenteils in Immobilien steckt.

Bilanzieren ohne Scheuklappen

Ehe sie mit der Planung beginnen, sollten Anleger reinen Tisch machen. Für das weitere Vorgehen brauchen sie einen Überblick über alle liquiden Anlagen, vom Tagesgeldkonto über Fonds und Zertifikate bis zu Aktien und Pfandbriefen. Auf der Sollseite erscheinen die Schulden – von der Überziehung des Girokontos bis zum Raten- und Wertpapierkredit.

Um für Notfälle gewappnet zu sein, sollten etwa drei Netto-Monatsgehälter jederzeit verfügbar sein. Bei größeren Depots gelten 5 bis 10 Prozent des Wertes als sinnvolle Barreserve. Diese Summe auf dem Girokonto zu lassen, wäre Verschwendung. Besser parkt man sie auf einem gut verzinsten Tagesgeldkonto oder in einem Geldmarktfonds.

Über eine Inventur seines Depots denkt auch Ernst Lehberger seit längerem nach. Eilig hat er es aber nicht, da er sein liquides Vermögen nicht für die Altersvorsorge benötigt. Wer nicht in einer so komfortablen Situation ist, sollte handeln und die Vermögensbilanz bald in Angriff nehmen.

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