Depotrisiko: Klasse beweisen

Vermögensanalyse Test

Patrizia Beringhoff ist unzufrieden mit der Zusammensetzung ihres Vermögens. Mit ihren Aktien und Aktienfonds hat sie herbe Verluste erlitten.

Mithilfe von Chance-Risiko-Klassen können ­Anleger prüfen, wie es um die Sicherheit ihres Depots steht. Wer dann mit einer Geldanlage unzufrieden ist, findet in der großen Finanztest-Übersicht die passenden Alternativen.

Patrizia Beringhoff fühlt sich nicht mehr wohl mit der Aufteilung ihres Vermögens. Zwar hat sie rund die Hälfte äußerst sicher, unter anderem auf einem gut verzinsten Tagesgeldkonto, angelegt, doch die andere Hälfte steckt in teils sehr riskanten Aktien und Aktienfonds.

Wenn es extrem schlecht läuft, könnte ein Depot dieses Zuschnitts innerhalb eines Jahres bis zu 30 Prozent an Wert verlieren. Da Patrizia Beringhoff das Geld auch für die Altersvorsorge und die Ausbildung ihrer Kinder benötigt, hätte sie gern mehr Sicherheit. Da hilft nur eins: Aktien oder Aktienfonds verkaufen.

Doch welche soll sie abstoßen? Von ­ihren guten Welt-Aktienfonds DWS Vermögensbildungsfonds I und Uniglobal will und sollte sie sich nicht trennen. Und die meisten anderen Investments stecken tief im Minus. Vor allem die Telekom- und comdirect-Aktien haben Patrizia Beringhoff kein Glück gebracht.

Depot neu strukturieren

Vermögensanalyse Test

Ernst Lehberger hat ein sehr riskantes Depot. Dank einer ausreichend hohen Barreserve muss er sich dennoch keine großen Sorgen machen.

Mit dem Verkauf der ungeliebten Positionen würde Patrizia Beringhoff die hohen Verluste unwiderruflich festschreiben – eine sehr schwere Entscheidung. So geht es vielen Anlegern.

Doch müssten sie heute ihr Depot neu zusammenstellen, würden sie weitaus sichere Anlagen wählen als die tatsächlich vorhandenen. Die Bilanz des gesamten Vermögens bietet eine ideale Gelegenheit, einen Schlussstrich unter die alten Anlagen zu ziehen und sie durch ein Depot zu er­setzen, das den heutigen Wünschen des Anlegers entspricht.

Hohe Rendite nie ohne Risiko

Ohne Risiko ist auf den Kapitalmärkten wenig zu holen. Die aktuelle Situation, in der Bundesanleihen mit zehn Jahren Laufzeit nicht einmal 4 Prozent pro Jahr abwerfen, zeigt das überdeutlich.

Und selbst innerhalb der sicheren Zinshäfen gibt es höhere Renditen nur für Anleger, die ein bisschen was riskieren. So bringen mehrjährige Sparbriefe ohne Kündigungsmöglichkeit stets ein paar Zehntel mehr als Anleihen mit vergleichbarer Laufzeit. Das ist die Prämie dafür, dass man nicht vorzeitig an sein Geld herankommt.

Da Chance und Risiko zwei Seiten einer Medaille sind, lassen sich Geldanlagen gut klassifizieren. Je höher die Gewinnchance einer Anlage, desto größer ist ihre Verlustgefahr, je sicherer ein Investment, desto weniger Renditechancen bietet es.

Finanztest hat diesen Zusammenhang in eine Skala mit Chance-Risiko-Klassen gepackt. Sie reicht von Klasse 0, die kein Risiko hat, bis zur Klasse 10 mit den höchsten Chancen und Risiken. Aus der Tabelle auf Seite 29 können Anleger ablesen, in welche Klassen ihre Aktien, Anleihen, Fonds oder Zertifikate gehören.

Selbst Siemens ist nicht sicher

Natürlich können wir die Zigtausend verschiedenen Anlagen nur ausschnitthaft abbilden. So beschränken wir uns bei Aktien auf die 110 Titel aus Dax, MDax,TecDax, die 50 Unternehmen des europaweiten Stoxx-Index und auf die 30 US-amerikanischen Dow-Jones-Firmen.

Namentlich erscheinen nur die Aktien mit einer kleineren Chance-Risiko-Klasse als 10. Nicht aufgeführt sind Aktien, die noch keine fünf Jahre an der Börse notiert sind, und solche, die in den vergangenen fünf Jahren zwischenzeitlich mehr als 60 Prozent verloren haben und deshalb in die riskanteste Anlagekategorie fallen.

Manche Anleger werden sich wundern, dass dazu auch Aktien wie Allianz, Daimler-Chrysler, Deutsche Bank oder Siemens gehören. Selbst diese Bluechips haben in der zurückliegenden Börsenkrise die Stabilität vermissen lassen und sind deshalb nicht in der Tabelle genannt. Gleiches gilt für die in Deutschland rege gehandelten Dow-­Jones-Werte Microsoft und Intel oder die Stoxx-Aktie Nokia.

Auch einige von Patrizia Beringhoffs Anlagen finden sich in Klasse 10 wieder. Neben ihren Aktien gilt das für die Aktienfonds Welt Metzler Wachstum International und Uni Mid&SmallCaps: Europa.

Jeder von Finanztest bewertete Fonds erhält eine eigene Chance-Risiko-Kennziffer. Sofern die Fonds unter den Top 50 eines großen Marktes rangieren, erscheinen sie in den Tabellen ab Seite 89. Bei schlechter platzierten Fonds oder Fonds aus nicht erfassten Regionen oder Branchen finden Anleger die Daten im Internet oder können sie per Fax abrufen. Nähere Informationen stehen auf Seite 86 rechts unten. Für indexnahe Fonds oder Zertifikate können Anleger die Risikoklassen der entspechenden Märkte zugrunde legen.

Vorteile der Klassengesellschaft

Die Klassengesellschaft der Geldanlagen hat große Vorteile. Ausgehend von ihrer persönlichen Risikoneigung können Anleger passende Investments finden. Innerhalb derselben Chance-Risiko-Klasse können sie die Anlagen austauschen.

Das funktioniert allerdings nicht in Klasse 10, die alle Anlagen mit einem höheren Verlustrisiko als 60 Prozent bündelt. Hier stehen neben Aktien und vielen Länder- und Branchenfonds auch hoch riskante Investments wie Optionsscheine und Hebelzertifikate.

Es leuchtet ein, dass sich die Comdirect- und Telekom-Aktien aus Patrizia Beringhoffs Depot nicht einfach durch einen Biotechfonds oder ein Hebelzertifikat auf den Dax ersetzen lassen. Innerhalb der höchsten Risikokategorie spielt die Anlageidee eine entscheidende Rolle. Die hat Patrizia Beringhoff zurzeit nicht und will deshalb erst einmal auf Einzelaktien verzichten.

Aus den Chance-Risiko-Klassen der Einzelanlagen und ihrem Anteil am Depot ergibt sich die Klasse für das gesamte Depot. Sie bezieht sich auf den schlimmsten Fall, dass alle Einzelinvestments den maximalen Verlust erreichen. Dieses Horrorszenario ist für die Planung sinnvoll, in der Praxis aber eher unwahrscheinlich.

Oft ergibt die Mischung mehrerer Einzelanlagen derselben Chance-Risiko-Klasse insgesamt eine niedrigere Klasse. Von Aktien weiß man, dass es risikomindernd wirkt, verschiedene Branchen, etwa Technologie und Pharma, zusammenzupacken.

Auch bei Länderfonds ist eine intelligente Mischung meist stabiler, als die einzelnen Risiken erwarten lassen. So lässt sich aus Aktienfonds Deutschland, Japan und Nordamerika ein Risiko mischen, das dem von Aktienfonds Welt entspricht.

Diese gegenläufigen Tendenzen machen sich auch Fondsmanager zunutze. Mit mehreren Dutzend Einzelaktien können sie bei einer klugen Strategie das Risiko von Länderfonds erheblich senken. Das ist der Grund dafür, dass viele Fonds eine niedrigere Chance-Risiko-Klasse haben als der Index, auf den sich die Angaben in unserer Tabelle beziehen.

Bequemlichkeit ist ein Argument

Ein weiterer großer Vorteil von Investmentfonds gegenüber Einzelaktien ist, dass sich Anleger wenig um sie kümmern müssen. Nach Auffassung von Finanztest reicht es, ihre Entwicklung etwa halbjährlich zu kontrollieren. Nur wenn der Fonds im Vergleich zu seinen Konkurrenten völlig aus dem Ruder läuft, heißt es dann unverzüglich handeln.

Noch bequemer sind Indexzertifikate. Ihre Entwicklung kann der Anleger verfolgen, indem er ab und zu in der Tageszeitung nach dem Indexstand schaut. Allerdings können so bequeme Anleger nicht hoffen, am Ende besser als der Index dazustehen. Nach Abzug der Spesen liegen sie sogar ein klein wenig darunter.

Auch bei allen anderen Investments sollten sich Anleger gut überlegen, wie viel Zeit sie ihnen widmen wollen. Finanztest hat deshalb in der Tabelle auf Seite 29 auch den Aufwand beurteilt. Unsere Einteilung in jährlichen, halbjährlichen, monatlichen und wöchentlichen Kontrollbedarf ist selbstverständlich recht grob. Im Einzelfall lässt sich auch darüber streiten.

Für Patrizia Beringhoff wäre es jedenfalls besser gewesen, nur relativ bequeme Anlagen zu wählen, da sie nicht die Zeit hat, Aktien oder Aktienfonds ständig zu beobachten. Vielleicht hätte ihr das sogar einige Verluste erspart.

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