Vermögens-Check Test

Zug für Zug zum besseren Depot: Kluge Anleger überlegen sich eine langfristige Strategie, die sie dann diszipliniert befolgen.

Deutsche Anleger sind vorsichtig – viel zu vorsichtig. Mit etwas mehr Mut zum Risiko könnten sie ihre Renditechancen deutlich erhöhen: Statt kümmerlicher 3 bis 4 Prozent ist langfristig eine doppelt so hohe Jahresrendite drin.

Gebranntes Kind scheut das Feuer. Das gilt auch für deutsche Anleger, die sich in der Börseneuphorie die Finger verbrannt haben. Für viele ist seitdem jedes Risiko tabu. Damit verschenken sie die Chance auf höhere Renditen. So schafften viele Aktienfonds Welt in den vergangenen drei Jahren 12 bis 15 Prozent Wertzuwachs pro Jahr – manche sogar über 20 Prozent. Die Renditen von Zinsanlagen sind verglichen damit erbärmlich.

Unser Vermögens-Check zeigt, wie Schwung ins Depot kommt. Wer zu seinen Zinsanlagen 20 Prozent eines bewährten Aktienfonds Welt mischt, kann in manchen Jahren über 10 Prozent Wertzuwachs einstreichen. Auf lange Sicht sind Jahresrenditen von 7 bis 8 Prozent realistisch.

1. Zug: Depot bewerten

Um eine gute Depotmischung zu finden, müssen Anleger ihr Depot analysieren. Dabei helfen die von Finanztest entwickelten Chance-Risiko-Klassen. Sie ermöglichen es, unterschiedliche Anlagen nach einem einheitlichen Schema zu bewerten und die passenden Bausteine fürs Depot zu finden.

Dafür haben wir alle kurzfristig verfügbaren Anlagen nach ihren Chancen und Risiken eingruppiert – vom Tagesgeld in der Chance-Risiko-Klasse 0 (völlig sicher) bis zur Mobilcom-Aktie in der höchst ­riskanten Klasse 15 (siehe Tabelle „Deutsche und internationale Aktien im Chance-Risiko-Vergleich“). Da Chance und Risiko zwei Seiten derselben Medaille sind, könnte man es auch so ausdrücken: Klasse 0 bietet geringe, aber feste Renditen, Klasse 15 dagegen höchste ­Gewinnchancen ohne jede Gewähr.

Grundlage ist der maximale Verlust, den ein Investment innerhalb eines Jahres ­gemacht hat. Unser Analysezeitraum, die vergangenen fünf Jahre, ist ein idealer Gradmesser, denn viel stärker können ­Finanzmärkte kaum noch schwanken.

In den Tabellen „...im Chance-Risiko-Vergleich“ sind von Festverzinslichen über Einzelaktien bis zu Rohstoffen alle gängigen Anlageformen aufgeführt. Die Fonds gehören oft, aber nicht immer derselben Chance-Risiko-Klasse an wie der Markt, in den sie investieren. In den Tabellen Fonds im Dauertest steht zu jedem Fonds auch seine Chance-Risiko-Klasse.

Mit der Chance-Risiko-Klasse der einzelnen Posten können Anleger schnell das Gesamtrisiko ihres Depots bestimmen. Wie das genau geht, steht in „Selbst rechnen“.

2. Zug: Chancen verbessern

Vor allem langfristig orientierte Anleger sollten nicht ganz auf Aktien oder Aktienfonds verzichten  – vorausgesetzt, sie können es sich leisten. Das ist der Fall, wenn ­alle regelmäßigen Ausgaben durch Gehalt oder andere Einkünfte abgedeckt sind und ein Notgroschen in Höhe von etwa drei Monatsgehältern vorhanden ist. Sonst kann es passieren, dass ein finanzieller Engpass durch den Verkauf von Fondsanteilen überbrückt werden muss, obwohl diese gerade im Minus stehen.

Auch für Anleger, die ihre Ersparnisse­ ­irgendwann für einen Hausbau oder Wohnungskauf einsetzen wollen, sind Aktien ungeeignet. Deren Kursschwankungen untergraben die Planungssicherheit.

Alle anderen sollten sich mit einer Chance-Risiko-Klasse von unter 4 nicht zufrieden geben. Sie können ihre Anlagechancen verbessern und einen Teil in Aktien umschichten, ohne allzu viel zu riskieren.

Das Verlustrisiko, das wir für jede Anlage errechnet haben, ist als schlimmster anzunehmender Unfall nur ein theoretischer Anhaltspunkt. Ein Depot mit der Chance-Risiko-Klasse 6 etwa würde nur dann mit 20 Prozent ins Minus geraten, wenn sich jede einzelne Anlage zum selben Zeitpunkt von der schlechtesten Seite zeigt. Das aber ist sehr unwahrscheinlich.

3. Zug: Depotanteile festlegen

Finanztest empfiehlt für ein Depot ­einen Aktienanteil von mindestens 20 Prozent. Vor allem für den Einstieg sind Aktienfonds besser geeignet als Einzelaktien. Wer nur ein kleines Vermögen hat, erreicht mit ihnen die empfehlenswerte Streuung. Wer es mit Aktien versuchen will, sollte ­dafür mindestens 7 500 bis 10 000 Euro ab­zweigen können. Das reicht für fünf ­Positionen zu je 1 500 bis 2 000 Euro und ist bei sehr sorgfältiger Auswahl das Minimum für ­eine halbwegs ausgewogene ­Titelmischung.

Unsere Musterfälle zeigen an Beispielen, wie Depots verbessert werden können.

Musterfall 1: Das „Geldparkdepot“ der Chance-Risiko-Klasse 1. Manche Anleger haben sich in den vergangenen Jahren von Aktienfonds und Anleihen abgewendet und ihr Kapital vollständig in Geldmarktfonds geparkt. Viel mehr als ein Inflationsausgleich springt dabei nicht heraus.

Wir empfehlen, das Depot so umzubauen, dass die Chancen auf höhere Erträge deutlich erhöht werden. Wie viel riskantere Anlagen dafür zugemischt werden können, zeigt die Tabelle „Klug mischen“. Zum Beispiel würde ein 20-prozentiger Anteil der Chance-Risiko-Klasse 9 das Depot in die Klasse 4 hieven. Der Anleger müsste dazu ein Fünftel der Geldmarktfonds zum Beispiel in einen Aktienfonds Welt stecken. Damit hätte das Depot auf Jahressicht ein immer noch ­geringes Verlust­risiko von 10 Prozent, aber auch eine 11-prozentige Renditechance.

Musterfall 2: Das „Sicherheits“-Depot enthält nur Anleihen verschiedener Laufzeiten und landet in Chance-Risiko-Klasse 3. Anleger haben auf Jahressicht höchstens ein 7,5-prozentiges (Kurs-)Risiko, aber auch nur 8-prozentige Gewinnchancen.

Ersetzt der Anleger 20 Prozent der Anleihen durch Aktienfonds Welt, befördert er sein Depot in die Chance-Risiko-Klasse 5. Das Verlustrisiko bleibt mit 15 Prozent erträglich, und die Renditechance erhöht sich auf fast 18 Prozent. Jeder, der nicht kurzfristig auf sein Geld angewiesen ist, sollte über diese Möglichkeit nachdenken.

Gerade für gut situierte Anleger darf der Aktienanteil aber auch höher sein. Abhängig von der Anlagedauer und der Situation an den Finanzmärkten sind 30 bis 50 Prozent Aktien vertretbar.

4. Zug: ­Der Feinschliff

Mit der Entscheidung für verschiedene Chance-Risiko-Klassen ist das Gröbste ­erledigt. Allerdings bereitet den meisten Anlegern die anschließende Feinarbeit viel mehr Kopfzerbrechen. Wie sollen sie innerhalb der einzelnen Chance-Risiko-Klassen die passenden Anlagen finden?

Unsere Auflistung gibt einen Überblick über die wichtigsten Anlageformen und Märkte. Bei den zigtausend in Deutschland notierten Wertpapieren ist sie aber zwangsläufig unvollständig.

Wir empfehlen dem Normalanleger, sich auf die gängigen Anlageformen und auf bekannte Namen zu konzentrieren. Muss es unbedingt ein Aktiengeheimtipp sein oder tuts nicht auch eine Allianz- oder Microsoft-Aktie? Mit den von uns erfassten Märkten und Einzelwerten lässt sich ­jedes Risikoprofil mit Leben erfüllen.

Musterfall 3: Ein risikobereiter Anleger hat aus den Zeiten des Börsenbooms noch ziemlich viele Aktien in seinem 50 000-­Euro-Depot: 10 Prozent sind in ehemalige Neue-Markt-Favoriten investiert, 10 Prozent stecken in Aktien der Deutschen ­Telekom, insgesamt 20 Prozent in einem Biotechnologie- und in einem Internet-Aktienfonds. Weitere 10 Prozent des Depots nimmt der Aktienfonds Welt Templeton Growth in Beschlag. 30 Prozent sind in Geldmarktfonds und 20 Prozent in zweijährigen Bundesanleihen angelegt. Die Aktienquote findet der Anleger in Ordnung, die Mischung aber nicht.

Die heute oft bedeutungslosen Neue-Markt-Aktien haben, wie Mobilcom, die Chance-Risiko-Klasse 15, die beiden spekulativen Branchenfonds gehören der Klasse 14 an. Für das Gesamtdepot ergibt sich die Chance-Risiko-Klasse 9.

Wenn sich der Anleger von Einzelaktien und Branchenfonds trennt, hat er 20 000 Euro als „Risikokapital“ zur Verfügung. Damit könnte er weitere Templeton-Growth-Anteile und einen Top-Fonds aus der Welt- oder Europagruppe kaufen. Das Depot hätte dann Chance-Risiko-Klasse 8.

Er könnte aber auch Einzelaktien aus verschiedenen Ländern und Branchen kombinieren. Eine Mischung aus Eon, ­Celesio, BP, Nestlé, Johnson & Johnson, Takeda und Bank of America wäre nicht riskanter als ein Aktienfonds Welt.

Munter mischen

Bei der Berechnung von Mischungen müssen wir es bei reiner Mathematik belassen. Gegenläufige Kursentwicklungen der einzelnen Werte fallen durchs Raster. Daher ist in der Praxis das Risiko eines gemischten Depots fast immer niedriger, als die Aufrechnung der Chance-Risiko-Klasse ­jedes Einzelpostens erwarten lässt.

So hätte in unserem Musterfall 2 die Marktentwicklung der vergangenen fünf Jahre positiv aufs Depotrisiko durchgeschlagen. Trotz 20-prozentiger Beimischung eines Aktienfonds Welt wäre die Chance-Risiko-Klasse des Depots nicht, wie rechnerisch zu erwarten, auf 5 gestiegen, sondern unverändert bei 3 geblieben.

Ähnliches ergab sich für fast alle Depotmischungen, die wir als Beispiele berechnet haben. So sind auch die Depots unseres Aktienstrategietests in einer niedrigeren Chance-Risiko-Klasse als der Durchschnitt ihrer Einzelwerte.

Die Depots rangieren durchweg in Klasse 11, während viele der Einzelaktien höheren Klassen angehören. Nur das Trend­folgedepot konnten wir nicht berechnen, weil die in ihm enthaltene Aktie der Deutschen Börse noch keine fünf Jahre alt ist.

Ähnliche Erfahrungen wie bei den Strategiedepots machten wir bei der Kombination von Einzelaktien aus dem Dax mit ­einem guten Aktienfonds Welt. Deshalb unser Rat für Anleger: Das Depot munter mischen. Dann dürfens auch ein paar ­Aktien mehr sein.

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