Die Verkehrsopferhilfe entschädigt Unfallverletzte, wenn der Schuldige nicht versichert ist oder nicht zahlen kann.

Eigentlich wollte Gerlinde Baum* nur schnell etwas einkaufen. Es war ein regnerischer Januarabend im hessischen Hanau. Als die 78-Jährige das Ende des Zebrastreifens schon fast erreicht hatte, wurde sie plötzlich von einem heranrasenden roten Kleinwagen erfasst und in die Luft geschleudert. Von einem lauten Knall berichten Zeugen später. Frau Baum selbst hat keine Erinnerung.

Der Fahrer des Wagens gab nach dem Unfall Vollgas. Trotz einiger am Unfallort gefundener Glasscherben, die auf einen Fiat Panda hinwiesen, konnte er bis heute nicht ermittelt werden.

Im Krankenwagen wurde die alte Dame sofort ins künstliche Koma versetzt und mit Beckenbruch, Schädelprellung und Hirnblutung ins Krankenhaus gebracht. Sechs Wochen musste sie dort bleiben. Noch heute, mehr als eineinhalb Jahre später, hat Gerlinde Baum Schmerzen beim Laufen und klagt über ständige Kopfschmerzen. Vor dem Unfall arbeitete sie einmal in der Woche als Haushälterin. Das geht nicht mehr.

Fahrerflucht: Hilfe für Geschädigte

Viele Unfallopfer wären in dieser Situation finanziell leer ausgegangen. Wer soll schließlich Schmerzensgeld zahlen, wenn der Täter nicht gefasst wird? Doch Gerlinde Baum bekam 10 000 Euro, weil sie auf den Rat der Polizei hörte: „Wenden Sie sich an die Verkehrsopferhilfe in Hamburg.“

Die alte Dame hatte Glück, dass sie überhaupt von der Verkehrsopferhilfe (VOH) erfuhr. Denn der gemeinnützige Verein ist recht unbekannt. „Selbst viele Rechtsanwälte kennen uns nicht. Dabei haben die Geschädigten einen ­gesetzlichen Anspruch auf unsere Leistung“, erklärt Rudolf Elvers, Leiter des Hamburger Büros der Verkehrsopferhilfe.

Der Verein erhält sein Geld von allen in Deutschland tätigen Autohaftpflichtversicherern. Je größer sein Markt­anteil, desto mehr zahlt ein Unternehmen in den Fonds ein.

Schon 1955 wurde ein Fahrerfluchtfonds gegründet, der die Opfer entschädigte. Ein Anspruch auf die Leistung bestand damals aber noch nicht. Erst mit der Gründung der Verkehrsopferhilfe im Jahr 1963 erhielten die Geschädigten einen Rechtsan­spruch. Zudem ersetzte der Fonds von da an nicht mehr nur Körper-, sondern in begrenztem Umfang auch Sachschäden.

Heute leistet die Verkehrsopferhilfe nicht nur bei Fahrerflucht Ersatz, sondern auch in anderen Fällen. Sie zahlt zum Beispiel, wenn das Fahrzeug des Gegners nicht versichert ist oder der Haftpflichtversicherer des Unfallgegners Insolvenz beantragt hat.

Außerdem springt sie ein, wenn jemand einen Schaden vorsätzlich und widerrechtlich verursacht hat und kein Geld hat, um dafür zu bezahlen. Überfährt ein eifersüchtiger Ehemann seinen Widersacher aus Rache mit dem Auto oder rast ein Selbstmörder absichtlich in den Gegenverkehr, haben die Verletzten oft nur so eine Chance auf Entschädigung. Bei vorsätzlichen Taten kommt nämlich der Haftpflichtversicherer nicht für Schäden auf.

„Mit Fahrerflucht müssen wir uns aber nach wie vor am häufigsten auseinander setzen. Dabei leistet die Polizei gute Arbeit. Die Aufklärungsquote ist gerade in Verbindung mit Personenschäden sehr hoch“, lobt Elvers.

Seit 2003 hilft die Verkehrsopferhilfe in besonderen Fällen auch bei Unfällen im Ausland. Hat ein deutscher Autofahrer beispielsweise im EU-Ausland einen Unfall, an dem er nicht schuld ist, kann er sich an den Schadenregulierungsbeauftragten des ausländischen Versicherers in Deutschland wenden. Reagiert dieser nicht sach- oder fristgerecht, kann der Geschädigte sein Geld von der Verkehrsopferhilfe bekommen.

Nur für Kraftfahrzeug-Unfälle

Egal, aus welchem Grund der Verein einspringen muss: Er zahlt nur, wenn der Schaden durch den Gebrauch eines Kraftfahrzeugs oder eines Anhängers verursacht wurde. Kosten für Schäden, an denen Fußgänger, Radfahrer oder ­Inlineskater schuld sind, übernimmt er nicht.

Zudem muss die Verkehrsopferhilfe nur zahlen, wenn der Geschädigte gegen niemanden sonst Ansprüche geltend machen kann. Womöglich ist ja doch beim Unfallverursacher etwas zu holen. „Wir wollen dem Opfer helfen, nicht den Verursacher entlasten“, erklärt Elvers.

Hat der Verursacher kein Vermögen, muss die Vollkaskoversicherung des ­Geschädigten den Blechschaden, seine Rechtsschutzversicherung die Anwaltskosten und seine Krankenversicherung die Behandlungskosten übernehmen. Nur wenn diese – aus welchen Gründen auch immer – nicht zahlen müssen, ist die Verkehrsopferhilfe an der Reihe.

Wenn der gemeinnützige Verein zahlen muss, tut er das, als wäre der Unfallgegner versichert, und zwar mit den gesetzlichen Mindestdeckungssummen. Bis zu 2,5 Millionen Euro gibt es für einen Verletzten, der bleibende Schäden davonträgt oder für die Hinterbliebenen eines Getöteten. Höchstens 7,5 Millionen Euro zahlt die Verkehrsopferhilfe, wenn bei dem Unfall drei oder mehr Personen verletzt oder getötet wurden. Maximal 500 000 Euro gibt es für Sachschäden.

Bei Unfällen mit Fahrerflucht gelten jedoch Einschränkungen: So übernimmt die Verkehrsopferhilfe keine Kosten für das Abschleppen oder für einen Mietwagen. „Schließlich könnte man aus fast jedem Schaden eine Unfallflucht konstruieren“, sagt Elvers.

„Auf europäischer Ebene wird aber beabsichtigt, in Zukunft Fahrzeugschäden zu ersetzen, wenn es obendrein zu beträchtlichen Personenschäden gekommen ist.“ Sonstige Sachschäden wie an Kleidung, Ladung und Gepäck, aber auch Schäden am Mauerwerk eines Hauses werden bei Unfallflucht jedoch ersetzt, wenn sie über 500 Euro liegen.

Schmerzensgeld gibt es nur, wenn die Verletzungen den Betroffenen dauernd und erheblich beeinträchtigen. So wie bei Gerlinde Baum, die die Folgen ihres Unfalls noch heute täglich zu spüren ­bekommt.

Die Verkehrsopferhilfe zahlt allerdings meist weniger, als der Geschädigte von der gegnerischen Versicherung bekäme. „Es gibt keine gesetzlichen Vorschriften, die die Höhe des Schmerzensgeldes regeln. Wenn die VOH ersatzpflichtig ist, setzen die Richter oft einen niedrigeren Betrag fest“, sagt Hans-Jürgen Gebhardt, Vorsitzender der Verkehrsanwälte im Deutschen Anwaltverein. Daher überweist der Verein manchmal nur rund drei Viertel des sonst üblichen Schmerzensgeldes auf das Konto des Geschädigten.

Muss die Opferhilfe einspringen, beauftragt sie ein deutsches Versicherungsunternehmen mit der Regulierung des Schadens. „Bei mir hat sich die Allianz um alles gekümmert. Bis ich das Geld bekommen habe, hat es zwar fast ein Jahr gedauert, doch im Großen und Ganzen verlief die Angelegenheit unbürokratisch“, sagt Gerlinde Baum.

Die Überweisung dauert oft eine Weile, weil die VOH genau prüft, ob sie überhaupt zuständig ist. „Bei einem nicht versicherten Fahrzeug kann es beispielsweise sein, dass der letzte Versicherer noch nachhaftungspflichtig ist“, erklärt Rechtsanwalt Gebhardt.

Innerhalb von drei Jahren melden

Lediglich 1 886 Unfallopfer wandten sich im vergangenen Jahr an die Verkehrsopferhilfe. Verglichen mit fast vier Millionen Haftpflichtschäden, die es pro Jahr in Deutschland gibt, eine kleine Zahl. Dabei lohnt es sich, sich an den Verein zu wenden: 2003 bekamen mehr als zwei Drittel der Antragsteller Geld. 508 Anträge lehnte die Verkehrsopferhilfe ab, weil sie nicht zuständig war.

Ansprüche gegen die Verkehrsopferhilfe verjähren erst nach drei Jahren. Wer auf den Kosten für einen nicht verschuldeten Unfall bisher sitzen geblieben ist, sollte dort rasch nachfragen.

Anwalt Gebhardt berichtet von einem Fall, bei dem eine Frau die Verjährungsfrist knapp verpasst hat. Sie hätte rund eine Million Mark bekommen. Bei einem Unfall hat sie ihren Mann verloren und war selbst schwer verletzt. „Damals hat niemand daran gedacht, dass der Verein verpflichtet gewesen wäre zu zahlen, weil der Unfallgegner unerkannt geflüchtet war“, so Hans-Jürgen Gebhardt. 

* Name von der Redaktion geändert.

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