Verzerrte Wahrnehmung der Börsenwirklichkeit

Finanztest sprach mit Prof. Dr. Martin Weber, Jahrgang 1952, Inhaber des Lehrstuhls für Finanzwirtschaft und Direktor des Instituts für Investment Banking an der Universität Mannheim.


Mit der Gruppe für Behavioral Finance wollen Sie das Verhalten der Anleger an den Finanzmärkten und Börsen mit Erkenntnissen der Verhaltenstheorie, der Psychologie und der Sozialforschung erklären. Klappt das?

Weber:

Ja. Die Forschung hat bereits seit Jahren eine ganze Fülle typischer Verhaltensauffälligkeiten zutage gebracht, irrationale Handlungsweisen von professionellen Börsianern ebenso wie von privaten Anlegern. Also im Prinzip nichts Neues. Aber erst in der jüngsten Zeit interessieren sich mehr und mehr Menschen für diese psychologischen Faktoren, die sich auf Kursentwicklungen und Renditechancen auswirken.

Können sich Anleger in ihren eigenen Verhaltensweisen denn überhaupt überprüfen und korrigieren?

Weber:

Ja, auch wenns meistens schwer fällt. Nehmen Sie als Beispiel den Dispositionseffekt, der Anleger dazu bringt, ausgerechnet an den Aktien hartnäckig festzuhalten, die Verluste bescheren. Ehe sich jemand eingesteht, dass er falsch investiert hat, hofft er lieber darauf, dass der Kurs der gefallenen Aktie wieder steigt ­ häufig vergebens. Da hilft nur eine Stoploss-Order, die eine Aktie automatisch beim Unterschreiten eines festgelegten Kurses aus dem Depot wirft. Oder der Zettel am Badezimmerspiegel, der den Anleger jeden Morgen mit der Aufforderung begrüßt: Aktien verkaufen, wenn der Kurs unter xy sinkt.

Aber an einmal getroffene Fehlentscheidungen und -einschätzungen möchten sich Anleger wohl nicht gern erinnern?

Weber:

Stimmt, dabei sollte man aus Fehlern doch bekanntlich lernen. Aber die meisten Anleger, auch Börsenprofis, die dafür hoch bezahlt werden, können sich an ihre falschen Einschätzungen und Erwartungen nicht einmal mehr erinnern. Die Menschen haben dann auf einmal ein ganz schlechtes Gedächtnis. Daher sollten Anleger, wenn sie sich für einen Kauf oder einen Verkauf eines Wertpapiers entscheiden, aufschreiben, warum sie das tun und was sie sich dabei denken. Mit diesen Notizen können sie zumindest zu einem späteren Zeitpunkt ihre eigenen Gedanken nachvollziehen ­ und womöglich gemachte Fehler dann besser analysieren.

Was sollen Anleger bei der Vielzahl von Anzeichen beschränkter Rationalität tun?

Weber:

Sie sollten zumindest versuchen, sich ganz persönlich und individuell über ihre eigenen unterbewussten Motive klar zu werden und diese subjektiven Verzerrungen dann zu korrigieren. Wem es gelingt, die irrationalen Entscheidungsmomente zu erkennen, der kann sie besser vermeiden und nachweislich erfolgreicher investieren.

Unter Webers Federführung bisher neun Forschungsberichte zu Themen wie "Der Dispositionseffekt. Vom merkwürdigen Charme der Verlierer" oder ­ aktuell ­ "Bleibe im Lande und rentiere dich kläglich: Der Home-Bias" erschienen (zum Einzelpreis von jeweils 10 Euro (19,56 Mark)).

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