Menschliche, oft allzu menschliche Verhaltensweisen entscheiden über Plus und Minus in den Aktiendepots von Profis und Amateuren.

Natürlich haben schon immer einige Zeitgenossen behauptet, dass die an der Börse alle verrückt sind, getrieben von Gier, Überheblichkeit und unberechenbaren Emotionen. Seit einigen Jahren glauben auch ernsthafte Wissenschaftler, dass die Akteure an den Börsen dieser Welt weit vom rationalen Handeln entfernt sind.

"Behavioral finance" ­ verhaltenswissenschaftliche Finanztheorie ­ nennt sich die junge Forschungsrichtung mit einigen Professoren in den USA und ersten Ansätzen in Deutschland. Behavioral Finance geht davon aus, dass Menschen nur beschränkt rational handeln und zu bestimmten, immer wiederkehrenden Fehlern neigen. Deshalb untersuchen Forscher psychologische und ökonomische Faktoren gleichzeitig, um dem täglichen Wahnsinn auf die Spur zu kommen, der Anleger Jahr für Jahr viel Geld kostet.

Die Erkenntnisse aus Tests und Untersuchungen sind ernüchternd und für Profis wie Amateure an den internationalen Kapitalmärkten wenig schmeichelhaft. Rationale Anlageentscheidungen, moderne Portfoliotheorien, ausgeklügelte wissenschaftliche Grundlagen und Modelle für Börsengeschäfte? Von wegen.

Falsche Selbsteinschätzung

Meistens schätzen sich private Investoren als klüger und kompetenter ein, als sie es in der Realität sind. Sie glauben, den Markt besser zu kennen als andere Anleger, und überschätzen dabei häufig ihre Fähigkeit, den Kurs einer Aktie richtig einstufen zu können.

Dieses Phänomen der Selbstüberschätzung ist an den Märkten von immenser Bedeutung. Denn nur durch Anleger, die überzeugt sind, die künftige Entwicklung ziemlich genau vorhersagen zu können, kommt ein reger Handel an den Börsen zustande. Käufer und Verkäufer kommen immer im festen Glauben zusammen, der jeweils andere mache ein schlechtes Geschäft. Besonders anfällig für diese Überheblichkeit sind nach amerikanischen Untersuchungen übrigens Männer.

Die Selbstüberschätzung funktioniert sogar bei den meisten Anlegern im Nachhinein ­ Prognosen, die sich als falsch erweisen, werden schon kurze Zeit später verdrängt und vergessen. Statt aus Fehlern zu lernen, werden Fehleinschätzungen auch noch zu einem späteren Zeitpunkt zu Wahrheiten schöngeredet.

Was der Bauer nicht kennt ...

In ihrem Wahn, sich an den Märkten auszukennen, setzen Anleger trotz aller Bekenntnisse zu internationaler Streuung der Vermögenswerte weltweit vorwiegend auf heimische Aktien. Nach Angaben der "Financial Times Deutschland" legen deutsche Privatinvestoren rund 85 Prozent ihres Vermögens in heimischen Werten an, bei Amerikanern und Japanern sind es sogar 95 Prozent.

Die Investoren glauben nicht nur, heimische Werte besser als ausländische zu kennen. Sie ordnen den bekannteren Aktien dann auch noch höhere Renditen und geringere Risiken zu. So unterstellten deutsche Testanleger amerikanischen Aktien eine um bis zu 4 Prozent geringere Rendite und ein 10 Prozent höheres Risiko als deutschen Papieren. Umgekehrt schrieben amerikanische Anleger den deutschen Aktien 2 bis 4 Prozent weniger Rendite und 5 Prozent mehr Risiko zu.

Was im Volksmund mit der Spruchweisheit "Was der Bauer nicht kennt ... " ausgedrückt wird, lebt an den Finanzmärkten weiter.

Verlustaktien wie Blei im Depot

Jeder Mensch ärgert sich über Niederlagen und kein Mensch gibt Fehler gerne zu. An der Börse führt diese Psycho-Macke dazu, dass Profihändler wie Anlageamateure ausgerechnet an Verlust bringenden Aktien hartnäckig und unbeirrbar festhalten. Mit dem Verkauf einer Aktie unter dem Einstandskurs würden Anleger ihren Fehler zugeben und "einen Verlust realisieren". Stattdessen hoffen sie inständig, dass der Kurs wieder das Kaufniveau erreicht.

Ganz anders hingegen das Verhalten bei Kursgewinnen. Selbst wenn die Kurse nur geringfügig klettern, werden Aktien verkauft, auch wenn es sich dabei um viel versprechende Anlagen handelt. Die Neigung, Verlust bringende Werte im Depot zu behalten und Gewinne möglichst rasch zu realisieren, ist durch umfangreiche Studien belegt, selbst bei erfahrenen Anlegern.

Die Tendenz, Gewinneraktien zu früh und Verliereraktien zu spät abzustoßen, wird als Dispositionseffekt bezeichnet. Börsenerfahrene Anleger können sich dieses Phänomen leicht erklären. Die Freude über Kursgewinne ist oft mit der Angst vermischt, dass sie schon beim nächsten Blick in den Kursteil wieder verschwunden sein könnten. Sicher ist der Gewinn erst nach dem Verkauf. Verluste zu realisieren bedeutet hingegen das endgültige Eingeständnis, sich falsch entschieden zu haben.

Verzerrte Wahrnehmung

Vor allem bei der Aufnahme von Informationen spielt die Psyche den Anlegern häufig einen Streich. So haben Investoren nach Erkenntnissen von Forschern der Universität Mannheim große Probleme, das Risiko von Anlagemöglichkeiten korrekt einzuschätzen. Die gestörte Risikowahrnehmung wird dazu noch von Anlageberatern, aber auch privaten Freunden und Bekannten beeinflusst. Doch selbst Finanzanalysten begehen bei der Bewertung von Informationen systematisch Fehler. So werden neue Informationen in manchen Situationen unterbewertet, in anderen wird ihnen ein zu großes Gewicht beigemessen.

Wenn sich Anleger erst einmal eine Meinung gebildet haben, folgen typische Fehler bei der Informationsverarbeitung. Wer fallende Kurse erwartet, nimmt vor allem negative Nachrichten wahr. Dagegen sind diejenigen, die auf steigende Kurse setzen, bei negativen Informationen fast taub ­ und suchen nur noch positive Nachrichten, die ihre Entscheidung stützen.

Joachim Goldberg, Leiter der Bereiche Technische Analyse und Behavioral Finance bei der Deutschen Bank, hat bereits computergestützte Handelsprogramme entwickelt, die den psychologischen Gefahren bei der Geldanlage nicht unterliegen. Der Computer, so sein Argument, hängt nicht an früheren Entscheidungen, kann mit neuen Informationen unbelasteter umgehen und verspürt keinen sozialen Druck auf Entscheidungen.

Wie aufgrund emotionaler Faktoren falsche Entscheidungen zustande kommen, lässt sich, so Goldberg, besonders deutlich beim Abstieg des Euro seit seiner Einführung Anfang 1999 ablesen. "Keiner konnte sich damals leisten, gegen den Euro zu spekulieren", sagt Goldberg. In der Öffentlichkeit wären Spekulanten, die damals auf den Absturz der neuen Währung gesetzt hätten, als Euro-Gegner gebrandmarkt worden. Später habe dann niemand als erster seine Position mit Verlust auflösen wollen. Begleitet von Lobgesängen der Politiker wurden stattdessen Argumente für einen baldigen Anstieg des Euro gesammelt. Signale, die für eine weitere Talfahrt der neuen Währung sprachen, wurden hingegen konsequent ignoriert.

Gefühle im Griff?

Um den eigenen Erfolg bei der Geldanlage und beim Investment in Aktien zu steigern, müssen private Anleger vor allem ihre Gefühle in den Griff bekommen. Nur so, da sind sich die Experten des Behavioral Finance einig, können Aktionäre die Klippen bei der Geldanlage erfolgreich umschiffen. So stellten sie bei einer Untersuchung von Handelsstrategien der letzten 30 Jahre in Deutschland fest, dass gewiefte Privatanleger Renditen erzielten, die im Durchschnitt 4 bis 8 Prozent über der Gesamtmarktentwicklung lagen.

Die Mannheimer Wissenschaftler: "Der Erfolg dieser Handelsstrategien wird unter Berücksichtigung von plausiblen, vielfach nachgewiesenen Erklärungsansätzen aus den Verhaltenswissenschaften verständlich." Besonders erfolgreiche Investoren, so auch das Ergebnis aktueller Untersuchungen in den USA, informieren sich nicht nur intensiver und zielgerichteter, sondern sie üben bei ihren Anlageentscheidungen vor allem Disziplin.

Gerade in Stresssituationen jedoch fällt es Aktionären schwer, sich selbst im Zaum zu halten und noch rational zu entscheiden. Lieber wird dann auf verfügbare Reaktionsmuster zurückgegriffen, neue Informationen werden kaum aufgenommen.

Selbst alte Hasen werden bei Kursstürzen von unseligen Erinnerungen und dem Gedanken an Angsterlebnisse der Vergangenheit eingeholt. Dagegen hilft nur regelmäßiges Training ­ oder der Totalausstieg. Verzweifelten Anlegern rät Behavioral-Finance-Forscher Weber deshalb auch schon mal, die Geldanlage in die Hände von Profis zu legen und selbst lieber zum Tennisspielen zu gehen.

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