Fast drei Monate nach einer Serie von Vergiftungen durch Badpflegesprays aus dem Penny-Angebot ist immer noch unklar, welcher Bestandteil der Produkte verantwortlich ist. Mindestens 110 Menschen hatten sich Ende März bei der Benutzung von „Magic Nano Bad- und WC-Versiegeler“ und „Magic Nano Glas- und Keramikversiegeler“ vergiftet. Eins ist nach Angaben des Bundesinstitutes für Risikobewertung (BfR) inzwischen sicher: So genannte Nanopartikel, die zunächst in Verdacht geraten waren, sind nicht verantwortlich. Die an der Produktion von „Magic Nano Bad- und WC-Versiegeler“ und „Magic Nano Glas- und Keramikversiegeler“ beteiligten Unternehmen haben nach BfR-Angaben erklärt, dass die Produkte überhaupt keine solchen rund 10 Mikrometer kleinen Partikel enthielten.

Keine festen Bestandteile im Spray

Den Versiegelungseffekt erklären die Unternehmen so: Beim Besprühen von Glas oder Keramik bilde sich ein hauchdünner Film, der die Flächen vor Verschmutzung schützt - daher auch das „Nano“ im Produktnamen. Partikel, also feste Bestandteile, seien in dem Spray allerdings nicht enthalten, erklärten sie gegenüber dem BfR.

Ursachenforschung noch ohne Ergebnis

Die Untersuchungen seien höchst kompliziert, erklärte BfR-Sprecher Jürgen Kundke. Alle bei der Analyse der Sprays bisher identifizierten Bestandteile seien bekannt und gelten als unproblematisch. Doch immer noch haben die beteiligten Unternehmen nicht alle Chemikalien genannt. Erst in der vergangenen Woche lieferte eins der Unternehmen noch weitere Informationen, nachdem die Behörde sich zuvor zur Verschwiegenheit verpflichtet hatte. Jetzt fehlen den BfR-Experten noch Informationen zu einigen wachsartigen Substanzen aus den Versiegelungssprays. „Offenbar haben Geschäftsgeheimnisse im deutschen Recht Vorrang vor Gesundheitsschutz“, ärgert sich Kundke über die fehlenden Informationen. In Zusammenarbeit mit dem Fraunhoferinstitut in Hannover sollen jetzt weitere Untersuchungen das Geheimnis um das Giftspray lüften. Ob und wann das gelingt, lasse sich allerdings nicht absehen, sagte Kundke.

Gefahr durch feine Zerstäubung

So viel steht nach den bisherigen BfR-Informationen fest: Einer der Faktoren bei den Vergiftungsfällen ist der feine Sprühnebel der Badpflegesprays. Als Pumpspray waren die Magic Nano-Flüssigkeiten schon seit längerem im Einsatz und führten zu keinerlei Problemen. Dabei entstehen Tröpfchen mit einem Durchmesser von 100 und mehr Mikrometern. Das Treibgas in den Magic-Nano-Sprays zerstäubt die Flüssigkeit jedoch zu bis weniger als 10 Mikrometer kleinen Tröpfchen. Diese können beim Einatmen bis ins so genannte Alveolar-Gewebe der Lunge gelangen. Dort wird der Sauerstoff aus der Luft ins Blut übertragen. Wenn giftige Chemikalien oder Partikel bis dorthin vordringen, reagiert die Lunge empfindlich. Gefährliche Vergiftungsfolge sind Ödem genannte Flüssigkeitsansammlungen, die im Extremfall tödlich sein können.

Manager in der Verantwortung

Vergiftungen durch Sprays sind schon häufiger aufgetreten. Zuletzt vergifteten sich die Benutzer von bestimmten Imprägnier-Sprays in der Schweiz. Besonders beunruhigend: Trotz intensiver Bemühungen von Behörden und Wissenschaftlern gelang es damals nicht, die genaue Ursache zu klären. In Deutschland sorgte bereits in den achtziger Jahren ein Lederspray für einen Vergiftungsskandal. Auch damals waren langwierige Forschungen nötig, bis es Wissenschaftlern gelang, bestimmte Silizium-Wasserstoff- und Fluor-Verbindungen als Ursache für die Vergiftungen zu identifizieren. Gerichte verurteilten gleich mehrere Manager des Herstellers wegen Körperverletzung zu hohen Geld- und sogar Freiheitsstrafen. Sie hatten den Verkauf des Sprays auch nach Bekanntwerden der ersten Vergiftungsfälle nicht gestoppt.

Chance auf Schadenersatz

Auch im Magic Nano-Fall ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts auf fahrlässige Körperverletzung und Verstoßes gegen das Lebensmittel-, Bedarfsgegenstände- und Futtermittelgesetzbuch. Betroffene Benutzer des Sprays haben gute Chancen auf Schadenersatz. Nach dem Produkthaftungsgesetz hat der Hersteller für die Folgen von Produktfehlern selbst dann Schadenersatz und Schmerzensgeld zu leisten, wenn ihm keinerlei Verschulden zur Last fällt.

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