Auto­finanzierung Meldung

Verbraucherschützer und Anwälte haben in den Kredit- und Leasing­verträgen fast aller Auto­banken Fehler gefunden. Die Folge: Käufer, die ihren Wagen nach dem 10. Juni 2010 mit einem vom Händler vermittelten Kredit- oder Leasing­vertrag finanziert haben, dürfen ihn zeitlich unbe­schränkt widerrufen. Sie erhalten dann Anzahlung und Raten zurück. Im Gegen­zug müssen sie das Auto zurück­geben. Wer den Kredit­vertrag nach dem 12. Juni 2014 abge­schlossen hat, dem werden wohl nicht mal die gefahrenen Kilo­meter abge­zogen.

Kredit­verträge – unvoll­ständig und wider­sprüchlich

Rechts­anwalt Dr. Christof Lehnen aus Trier fand im Zuge des VW-Skandals heraus: Die VW-Bank hat bei der Information ihrer Kredit­kunden geschludert. Als er darauf­hin die Verträge weiterer Auto­banken prüfte, zeigte sich: Sie sind ebenfalls fehler­haft. Teils fehlen Angaben, zu denen die Bank Kunden gegen­über gesetzlich verpflichtet ist. Teils sind die Informationen unvoll­ständig, wider­sprüchlich und verwirrend. Einzel­heiten zu Fehler in VW Bank-Kredit­verträgen erklärt die Anwaltskanzlei Kraus Ghendler Ruvinskij unter Die häufigsten Fehler in Autokredit-Verträgen. Die Interes­sengemeinschaft Widerruf stellt dar, was bei Leasingverträgen wichtiger Autobanken gilt. Betroffen sind zumindest die nach dem 10. Juni 2010 abge­schlossenen Kredit- und Leasing­verträge aller wichtigen Auto­banken (siehe Tipps).

Will­kommene Chance für Fahrer von Diesel­skandal-Autos

Die Folge der Banken-Fehler: Kredit- und Leasingnehmer können ihre Verträge auch heute noch widerrufen. Tun sie das, muss die Bank bisher gezahlte Raten und die Anzahlung erstatten. Die Kunden müssen im Gegen­zug das Auto zurück­geben. Bei Verträgen, die ab dem 13. Juni 2014 abge­schlossen wurden, müssen Kunden nicht einmal einen Ausgleich für den Wert­verlust oder eine Entschädigung für die mit dem Auto gefahrenen Kilo­meter zahlen. Nur die – zumeist geringen – Kreditzinsen bekämen sie nicht zurück. Hintergrund: Am 13. Juni 2014 traten verbraucherfreundliche Gesetzes­änderungen in Kraft. Für Fahrer von Diesel-Skandal-Wagen dürfte das Widerrufs­recht wie gerufen kommen: Der Widerruf von ab 13. Juni 2014 geschlossenen VW-Bank-Kredit­verträgen bringt vom VW-Skandal Betroffenen mehr als Sach­mangelklagen gegen den Händler oder Schaden­ersatz­klagen gegen den Hersteller. Dort müssen sich Käufer von Skandal­autos in der Regel eine Entschädigung für gefahrene Kilo­meter anrechnen lassen (FAQ Abgasskandal).

Klare Worte von der Richterin

Rechts­anwalt Lehnen hat bereits in verschiedenen Fällen vor Land­gerichten über Klagen seiner Mandanten gegen die VW-Bank verhandelt – zuletzt vor dem Land­gericht in Berlin. test.de hat die Verhand­lung beob­achtet. Die Vorsitzende Richterin Marianne Voigt erklärte dem VW-Bank-Anwalt: „Wenn die Belehrung nicht korrekt ist, dann kann kein Anspruch auf Nutzungs­wert­ersatz bestehen.“ Mit anderen Worten: Wenn die Bank ihre Kunden unzu­reichend über Rechte und Pflichten informiert, sind Kunden mit Krediten oder Leasing­verträgen ab dem 13. Juni 2014 unschlagbar billig gefahren. Sie bekommen bei Widerrufs ihre Zahlungen an die Bank zurück und können das gebrauchte Auto ohne Weiteres zurück­geben.

Für den VW-Konzern geht es um viel Geld

Lehnen und der VW-Bank-Anwalt Michael Schlüter wollen jetzt über eine außerge­richt­liche Einigung verhandeln. Gestritten wird um einen vom VW-Skandal betroffenen Wagen ohne korrekte Abgas­reinigung (FAQ Abgasskandal). „Vielleicht ist das ja Anlass für die Beklagte, sich groß­zügig zu zeigen“, gab Richterin Marianne Voigt dem Banken­anwalt Schlüter mit auf den Weg. Er ist Partner der renommierten Kanzlei Schlüter, Meyer-Degering & Partner aus Braun­schweig und war eigens für die Verhand­lung nach Berlin gereist. Das zeigt: VW nimmt die Kredit­widerrufs­klagen offen­bar sehr ernst. Üblicher­weise wird für Gerichts­verhand­lungen ein am Gerichts­ort ansässiger Rechts­anwalt als Vertreter geschickt, statt Spitzen­anwälte mit Stundensätzen von 300 bis 400 Euro auf Reisen zu schi­cken. Tatsäch­lich geht es für den Volks­wagen-Konzern um viel Geld: Die VW-Bank hatte am Ende 2015 einen Bestand von 2,15 Millionen Finanzierungs­verträgen. Die Forderungen aus diesen Verträgen beliefen sich auf 23,3 Milliarden Euro. Vermutlich entfällt ein erheblicher Teil davon auf wegen unzu­reichender Verbraucher­informationen immer noch widerrufliche Kredit­verträge.

Tipps und Muster­brief für Betroffene

Wenn sich Banken mit Kunden außerge­richt­lich einigen, hilft das anderen Kunden nicht. Ein öffent­liches Urteil, das ihnen Argumente für den eigenen Rechts­streit liefern würde, gibts dann nicht mehr. Auch sonst ist meist nichts mehr zu hören. Bestand­teil solcher Einigungen ist nämlich in der Regel auch eine Verpflichtung zur Verschwiegenheit. Betroffene Kunden sollten die Flinte aber keinesfalls ins Korn werfen, wenn sie ihre Rechte geltend machen wollen. test.de bietet Tipps und einen Musterbrief.

VW-Bank nimmt Stellung

Inzwischen hat die VW-Bank Stellung genommen. Das laufende Verfahren in Berlin werde das Unternehmen nicht kommentieren, erklärte Presse­sprecher Marc Siedler. „Bislang wurde noch keiner entsprechenden Klage gegen die Volks­wagen Bank GmbH und ihre Zweig­nieder­lassungen Audi Bank, Seat Bank und Skoda Bank statt­gegeben. Allerdings wurden mehrere Klagen rechts­kräftig abge­wiesen“, ergänzte er. Bei den rechts­kräftig abge­wiesenen Klagen handelte es sich allerdings um Fälle, bei denen die Kunden der Bank den Vertrag erst lange nach der Abwick­lung widerrufen hatten. Es gibt nach Kennt­nis der test.de-Rechts­experten kein rechts­kräftiges Urteil zu VW-Bank-Kredit­verträgen, wonach die Pflicht­angaben und die Widerrufs­information voll­ständig und korrekt sind.

„Widerrufs­belehrungen erfolgen ordnungs­gemäß“

Der VW-Bank-Sprecher meint trotzdem: „Die von uns erteilten Widerrufs­belehrungen erfolgen ordnungs­gemäß. Unser Haus verwendet das vom Gesetz­geber vorgesehene Widerrufs­muster. Für den Fall, dass das gesetzliche Muster verwendet wird, gilt die Widerrufs­belehrung als richtig.“ test.de hält die Rechts­auffassung der VW-Bank für falsch. Die VW-Bank hat die Gestaltungs­hinweise zum gesetzlichen Muster­text nicht genau genug beachtet – weshalb die Widerrufs­belehrung eben nicht als richtig gilt.

Die Meldung ist erst­mals am 21. April 2017 auf test.de erschienen. Sie wurde seitdem mehr­fach ergänzt und aktualisiert, zuletzt am 19. Oktober 2017.

Dieser Artikel ist hilfreich. 266 Nutzer finden das hilfreich.