Tor-Netz­werk: Komplizierte VPN-Alternative

Das Tor-Netz­werk bietet noch mehr Anony­mität als VPN-Dienste – deshalb ist es unter anderem bei Dissidenten, Whistleblowern und Kriminellen beliebt. Die Hand­habung ist allerdings so umständlich, dass die meisten Nutzer rasch aufgeben dürften.

VPN-Test - Hilf­reich gegen Hacker – VPN-Dienste im Vergleich

Auf check.torproject.org lässt sich prüfen, ob der Browser mit Tor verbunden ist. Dazu ist ein Spezial-Browser nötig – etwa der Tor-Browser.

Auf check.torproject.org lässt sich prüfen, ob der Browser mit Tor verbunden ist. Dazu ist ein Spezial-Browser nötig – etwa der Tor-Browser.

Wie Tor funk­tioniert

Der Begriff „Tor“ geht auf ein Konzept namens „The Onion Routing“ zurück. Wie eine Zwiebel besteht jede Tor-Verbindung aus mehreren Schichten – diese Schichten schützen den Nutzer, indem sie (genau wie bei VPNs) die Daten umleiten und verschlüsseln. Doch während VPNs die Daten „nur“ einmal umlenken, nehmen sie bei Tor einen Umweg über gleich drei Server. Diese sogenannten Knoten­punkte werden zufäl­lig ausgewählt. Jeder Knoten „sieht“ nur seine direkten Nach­barn, nicht die gesamte Verbindungs­kette. Das kaschiert die Identität aller Beteiligten, da sich Tor-Verbindungen von außen kaum voll­ständig nach­voll­ziehen lassen.

Beispiel: Peter aus Ulm schickt eine Mail an Sonja in Potsdam. Die Mail wird von Ulm aus zunächst nach Kanada (Server 1), dann nach Australien (Server 2) und schließ­lich nach Schweden (Server 3) geschickt, ehe sie bei Sonja in Potsdam ankommt. Server 1 hat zwar ein paar Infos über Peters Rechner und über Server 2, erfährt aber nichts von Server 3 oder von Sonja. Da die einzelnen Knoten­punkte stets zufäl­lig selektiert werden, würde Sonjas Antwort wahr­scheinlich eine ganz andere Route nehmen – beispiels­weise über Japan, Frank­reich und Argentinien.

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Tor leitet den Daten­verkehr des Nutzers mehr­fach um – hier unter anderem über Kanada und die Nieder­lande.

Tor leitet den Daten­verkehr des Nutzers mehr­fach um – hier unter anderem über Kanada und die Nieder­lande.

Was Tor von VPNs unterscheidet

Funk­tioniert auch ohne Nutzer­konto. Anders als bei den meisten VPN-Diensten ist für das Tor-Netz­werk kein Nutzer­konto nötig. Dadurch entfallen Identifikations­merkmale wie E-Mail-Adressen oder Zahlungs­daten. Allerdings sind Verbindungen über Tor aufgrund der mehr­fachen Umleitung meist deutlich lang­samer als via VPN – das mindert den Komfort beim Surfen spür­bar.

Geoblocking umgehen ist schwieriger. Da der Nutzer kaum Einfluss darauf hat, über welche Länder die Daten umge­leitet werden, lässt sich Tor nicht systematisch gegen Geoblocking einsetzen.

Eine Frage des Vertrauens. Ähnlich wie bei VPN-Diensten stellt sich auch bei Tor die „Vertrauens­frage“ – die Lage ist allerdings grund­legend anders: Nutzer von VPN-Diensten müssen einem kommerziellen Anbieter vertrauen, dass er ihre Daten fürsorglich behandelt. Das Tor-Netz­werk ist hingegen komplett dezentral, niemand hat die alleinige Kontrolle darüber – statt­dessen besteht es aus vielen Knoten­punkten, die von Mitgliedern des Netz­werks anonym betrieben werden. Hier muss der Nutzer also der Tor-Community vertrauen. Welche dieser beiden Varianten vertrauens­würdiger ist, lässt sich nicht pauschal sagen.

Auch Tor kann keine Anony­mität garan­tieren

Login beendet Anony­mität. Websites und Internetanbieter können relativ leicht erkennen, wenn jemand Tor verwendet. Welcher Nutzer genau dahinter steckt, ist zwar meist nicht auf den ersten Blick fest­stell­bar. Doch loggt sich der User via Tor in einen Account ein – etwa in soziale Netz­werke oder E-Mail-Konten – ist die Anony­mität perdu.

Leaks und Device Fingerprinting. Selbst ohne Anmeldung gibt es keinen hundert­prozentig verläss­lichen Daten­schutz: Ähnlich wie bei VPN-Diensten kann es zu tech­nischen Fehlern (Leaks) kommen, die Rück­schlüsse auf die Identität ermöglichen – zudem sind auch Tor-Nutzer nicht davor gefeit, anhand von Hard-und Software­daten ihrer Endgeräte erkannt zu werden (Device Fingerprinting).

Tor durch VPN ergänzen. Das können sich unter anderem staatliche Institutionen zunutze machen, die Tor relativ stark über­wachen, da das Netz­werk oft von Kriminellen miss­braucht wird. Aufgrund solcher potenzieller Schwächen empfehlen viele Experten, beim Surfen über Tor zusätzlich ein VPN einzusetzen.

Zugang ist einfach, Nutzen oft gering

Lange Zeit war es haupt­sächlich IT-Experten vorbehalten, das Tor-Netz­werk zu nutzen. Inzwischen ermöglichen aber Programme wie der Tor Browser, Orfox, Orbot oder Brave auch Laien, recht einfach Zugang zu erhalten. Solange es nicht um strenge Geheimhaltung geht, ist der Nutzen aber sehr begrenzt. Tor hat für die alltägliche Nutzung frei zugäng­licher Internet­seiten schlichtweg zu viele Nachteile: Es ist lang­sam, manche Funk­tionen von Websites werden blockiert und andere Seiten sperren Tor-Nutzer ganz aus. Zudem ist Tor in puncto Vielseitig­keit deutlich einge­schränkter als VPN-Dienste. Die von Tor erzeugte Anony­mität lässt sich – in geminderter Form – mit VPN-Diensten deutlich bequemer erreichen.

Dark Web: Sex, Drugs & Auftrags­morde?

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Knapp 3000 Dollar für 100 Gramm Crystal Meth? War uns zu teuer…

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Andere Domain-Endung. Die wohl größte Besonderheit des Tor-Netz­werks ist, dass es den Zugang zum sogenannten „Dark Web“ ermöglicht – also Seiten, die sich mit herkömm­lichen Browsern nicht aufrufen lassen und die von Google nicht gelistet werden. Die Adressen solcher Seiten enden nicht mit .de oder .com, sondern mit .onion.

Schlechte Seiten. Das Dark Web hat in der Öffent­lich­keit einen schlechten Ruf, da dort unter anderem Drogen, Waffen und Kinder­pornografie gehandelt werden – außerdem lassen sich Auftrags­morde und Hacker­angriffe ordern. Solche kriminellen Portale machen aber nur einen kleinen Teil des Dark Web aus.

Gute Seiten. Viele andere Seiten dort dienen vor allem der Informations­freiheit und Kommunikation von Menschen aus Staaten mit Internetzensur: In China etwa lassen sich über normale Internet­verbindungen weder Facebook noch die New York Times aufrufen – deshalb haben diese Unternehmen Dark-Web-Versionen ihrer Seiten aufgebaut. So wie das Tor-Netz­werk nicht identisch mit dem Dark Web ist, ist das Dark Web also nicht identisch mit Kriminalität.

Orientierung im Dark Web fällt anfangs schwer

Wer erst­mals im Dark Web surft, dürfte sich nur schwer zurecht finden. Diese Welt ähnelt dem Internet im Frühstadium: Ausgefeilte Such­maschinen sind Mangelware und Websites haben meist Adressen, die sich kein Mensch merken kann. Bei Facebook (facebookcorewwwi.onion) und der New York Times (nytimes3xbfgragh.onion) mag es irgendwie noch gehen, aber bei der Such­maschine „Grams“ dürfte es nur Gedächt­niskünst­lern gelingen: grams64rarzrk7rzdaz2fpb7lehcyi7zrrf5kd6w2uoamp7jw2aq6vyd.onion. Viele Links funk­tionieren gar nicht, sondern führen zu Fehler­meldungen. Welche Shops tatsäch­lich etwas verkaufen und welche einfach nur Bitcoins ohne Gegen­leistung abräumen wollen, ist schwer einzuschätzen.

Fazit: Nur für wenige Nutzer sinn­voll

Aufgrund dieser zahlreichen Schwierig­keiten ist das Tor-Netz­werk für den Alltag von Otto Normalsurfer wenig geeignet. Der tech­nische Aufwand und die Hinnahme der diversen Nachteile bei der Nutzung lohnen sich nur, wenn Geheimhaltung oberste Priorität hat – also vor allem für Dissidenten und Whistleblower.

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