Kaffee gehört dazu: Drei Stunden verbringen die Pflegebedürftigen pro Woche miteinander. Gespräche halten das Denken fit.

Bis zu 208 Euro zahlt die Pflege­versicherung für freiwil­lige Helfer, die Familien stunden­weise entlasten.

Sich beim Kuchen austauschen: Monika Metzner (72) leitet in Potsdam eine Betreuungs­gruppe für Demenz­kranke.

„Welche Sehens­würdig­keiten würden Sie einem Touristen empfehlen, der Ihre Stadt besucht?“ „Schloss Sans­souci“, kommt es gleich von mehreren Seiten. Donners­tag bei der Volks­solidarität in Potsdam: Zwölf Menschen mit Demenz sind hier regel­mäßig in einer Betreuungs­gruppe für drei Stunden am Vormittag zu Gast.

Mit dabei sind drei ehren­amtliche Helfe­rinnen und Gruppen­leiterin Monika Metzner: „Für jedes Treffen gibt es ein neues Thema, das Freude bringen und Erinnerungen wachrufen soll. Mal sprechen wir über Haus­halts­geräte, mal über Ostern oder eben über den Urlaub.“

Fotos, Post­karten, Gedichte und Lieder helfen den Gästen, sich an Vertrautes zu erinnern. Trainiert wird damit die nach­lassende Denk­fähig­keit. Denn alle sollen möglichst lange zu Hause wohnen und über ihr Leben selbst bestimmen können. Mit einer Demenz wird das immer schwieriger, denn Verhalten und Verständnis für andere Menschen verändern sich.

Die Gefahr: Rück­zug ins Private

Auch die Angehörigen, die sich um den Demenz­kranken kümmern, leiden. Denn die Krankheit fordert Zeit und Nerven. Als Folge ziehen sich die Familien­mitglieder oft zurück und haben kaum noch Kontakt zur Außen­welt. Der Preis ist hoch: Denn so bauen Demenz­kranke körperlich und geistig noch schneller ab, pflegende Angehörige stoßen an ihre Grenzen und erkranken häufig selbst. Sie können dann nicht mehr pflegen. Derart belastet sind nicht nur Demenz­familien. Auch die Pflege von körperlich einge­schränkten Menschen ist aufreibend und führt nicht selten zur Vereinsamung.

Geld für Unterstüt­zung im Alltag

Eine Leistung der gesetzlichen Pflege­versicherung soll Familien helfen, in Kontakt mit anderen Menschen zu bleiben, und pflegende Angehörige zumindest stunden­weise entlasten. Die zusätzlichen Betreuungs- und Entlastungs­leistungen erhalten Versicherte mit Pfle­gestufe und einge­schränkter Alltags­kompetenz, wenn sie zu Hause gepflegt werden. Es gibt sie neben dem Pflegegeld, wenn Angehörige sich kümmern, oder neben den Sach­leistungen, wenn der Pflege­dienst kommt. Seit 2015 bekommen alle Pflegebedürftigenden 104 Euro im Monat. Versicherte mit stark einge­schränkter Alltags­kompetenz erhalten 208 Euro. Ab 2017 werden es für alle 125 Euro sein. Mit dem Geld können Familien sich mehrere Stunden Betreuung und Unterstüt­zung leisten. Sie können es ganz unterschiedlich nutzen.

So können sie damit zum Beispiel nied­rigschwel­lige Betreuungs­angebote in Anspruch nehmen. Dazu gehören etwa:

  • Betreuungs­gruppen, in denen Demenz­erkrankte zusammen­kommen und die von einem Träger organisiert werden,
  • Alltags­begleiter, die zum Pflegebedürftigen nach Hause kommen, ihm Gesell­schaft leisten und ihn im Alltag unterstützen, und
  • Helfer, die ihn zum Arzt, beim Spazieren­gehen oder ins Theater begleiten.

Angebote für Entlastung und Betreuung

Stunden­weise Betreuung von Pflegebedürftigen mit und ohne Demenz und Entlastung für Angehörige bezahlt die gesetzliche Pflege­versicherung. Die Bundes­länder regeln das Angebot unterschiedlich. Auch vom Wohn­ort hängt es ab, welche Hilfen jemand nutzen kann. Die Helfer sind geschult und erhalten eine Aufwands­entschädigung. Die Pflegekasse zahlt nur landes­recht­lich anerkannte Angebote.

Art der Hilfe

Schwer­punkte

Betreuungs­gruppe

Stunden­weise Betreuung für Menschen mit Demenz und einge­schränkter Alltags­kompetenz an einem vom Träger fest­gelegten Ort. Geleitet wird der Kreis häufig von einer Fach­kraft, freiwil­lige Helfer unterstützen ihn dabei. Schwer­punkt ist Erinnerungs­arbeit.

Helfer­kreise

Geschulte Helfer kommen stunden­weise nach Hause und betreuen, begleiten oder unterstützen. Die Helfer sind über einen Träger organisiert und werden von einer Fach­kraft angeleitet.

Einzel­betreuung oder Kleingruppe

Ein bis drei Pflegebedürftige werden von einem Betreuer zu Hause betreut. Die Form findet sich häufig in ländlichen Regionen.

Hilfe aus der Nach­barschaft, etwa Nach­barschafts­helfer oder Alltags­begleiter, Pflege­begleiter

Freiwil­lige Helfer kommen nach Hause, informieren rund um die Pflege und unterstützen bei der Haus­arbeit, begleiten bei Ausflügen und Spaziergängen oder gehen mit zum Arzt. Sie sind je nach Bundes­land an einen Träger gebunden.

Familien­entlastende Dienste

Wohl­fahrts- und Behinderten­verbände bieten oft alltags­orientierte Dienste für Familien, die Angehörige mit Behin­derung haben.

Betreuungs­dienst

Individuelle Begleitung und Betreuung von Menschen mit Demenz in ihrem Zuhause.

Pflege­dienst

Geschulte Mitarbeiter und freiwil­lige Helfer unterstützen im Alltag und betreuen. Keine Über­schneidung mit der Arbeit der Pflegefach­kräfte, die Grund­pflege und haus­wirt­schaftliche Versorgung leisten.

Selbst­hilfe­gruppen

Pflegende Angehörige treffen sich zum Austausch und zur gegen­seitigen Unterstüt­zung in einer vom Träger organisierten Gruppe.

Hilfe von außen erleichtert das Leben

Das Ziel ist immer: Der Kranke soll seine Fähig­keiten erhalten und Kontakt zur Außen­welt haben. Pflegende Angehörige sollen mehr Zeit für sich haben und Abstand vom anstrengenden Alltag bekommen.

Helga Putlitz* ist eine von denen, die das Angebot nutzen. Sie pflegt ihren an Demenz erkrankten Mann seit 2010. Er hat eine Pfle­gestufe und besucht regel­mäßig eine Betreuungs­gruppe in Potsdam. Seine Frau sagt: „Dort fühlt er sich wohl, er ist unter Leuten und hat die Gelegenheit zu singen.“ Zusätzlich macht zu Hause einmal wöchentlich eine Helferin mit ihm Gymnastik. Beides finanziert Putlitz von den 208 Euro Entlastungs­betrag.

Gemein­sam Zeit verbringen

Welche Art der Entlastung für den Pflegebedürftigen sinn­voll ist, entscheiden er und sein Angehöriger. Abhängig ist das von dem, was er will und noch kann. Die Betreuungs­gruppe ist nicht für jeden geeignet. Manch einer hat Ängste oder ihm fehlt einfach die Lust, mitzumachen. „Wer die Gruppe nicht nutzen kann, hat die Möglich­keit der stunden­weisen Betreuung in den eigenen vier Wänden“, sagt Britta Kretzer, die in der Kontakt- und Beratungs­stelle Demenz der Volks­solidarität Potsdam arbeitet und rund 80 freiwil­lige Helfer koor­diniert.

Die ehren­amtlichen Alltags­begleiter gehen zum Beispiel mit einkaufen oder helfen im Garten. Wichtig ist: Der Helfer darf nicht die Tätig­keiten eines Pflege­dienstes wie Körper­pflege über­nehmen oder den Haushalt allein erledigen. Es geht darum, dass der Pflegebedürftige Zeit mit dem Helfer verbringt und der Pflegende so Zeit für sich erhält. Und wenn mal Haus­arbeit erledigt wird, dann nur gemein­sam.

Wer die Helfer sind

Die Helfer sind oft Ehren­amtliche, die eine Aufwands­entschädigung für ihre Unterstüt­zung bekommen. Familien­mitglieder bis zum zweiten Verwandt­schafts­grad wie Nichte oder Enkel können dieses Geld nicht erhalten.

Der freiwil­lige Helfer muss vorher eine Schulung besuchen, in der er etwas über das Krank­heits­bild Demenz erfährt, wie man mit demenz­kranken Menschen umgeht und was zu seinen Aufgaben gehört. Nach Abschluss des Kurses hat er die Qualifikation, Pflegebedürftige ehren­amtlich zu betreuen und zu unterstützen.

Wie viele Unterstüt­zungs­stunden sich eine Familie für 104 oder 208 Euro leisten kann, hängt vom Bundes­land und Angebot ab. Denn die Helfer erhalten unterschiedlich hohe Aufwands­entschädigungen.

In Brandenburg bei der Volks­solidarität in Potsdam kosten drei Stunden in der Betreuungs­gruppe 23 Euro. 9 Euro pro Stunde sind es, wenn ein Alltags­helfer ins Haus kommt.

Oft sind die ehren­amtlichen Helfer junge Rentner, die noch fit sind und sich gern engagieren wollen. Entscheidend ist, dass die Angebote für den Pflegebedürftigen wenig kosten, am oder in der Nähe des Wohn­orts statt­finden.

Jedes Land macht es anders

Längst nicht über­all gibt es so viele Angebote wie in Potsdam. Christian Heerdt vom Kuratorium Deutsche Alters­hilfe sagt: „Auch wenn die Bundes­länder im Moment versuchen, eine bessere Struktur aufzubauen, gibt es in Deutsch­land immer noch Regionen, in denen es kaum Anbieter gibt.“ Vieler­orts fehlen Fach­kräfte als Leiter und freiwil­lige Helfer. Zudem regelt das Landes-recht jedes Bundes­landes, wer über­haupt nied­rigschwel­lige Entlastungs- und Betreuungs­leistungen anbieten darf und wie stark Helfer einge­bunden sind. Die Helfer im Land Brandenburg gehören zu einem Helfer­kreis, der von mindestens einer Fach­kraft geleitet wird. Anders in Sachsen: Hier können Nach­barschafts­helfer eigen­ver­antwort­lich tätig sein, ohne direkte Bindung an eine Einrichtung oder einen Dienst.

Weiteren Topf nutzen

Vor allem für pflegende Angehörige ohne oder mit wenig professioneller Unterstüt­zung lohnt sich der Entlastungs­betrag von 104 oder 208 Euro im Monat. Sie können ungenutzte Leistungen auch rück­wirkend in Anspruch nehmen. Wird der Betrag in einem Kalender­jahr nicht ausgeschöpft, kann er auf Antrag bei der Kasse ins folgende Jahr über­tragen werden. Stichtag für den Antrag ist der 30. Juni des Folge­jahres.

Wenn der Entlastungs­betrag nicht ausreicht, können Angehörige auf eine weitere Finanzierungs­möglich­keit zurück­greifen: die Verhinderungs­pflege. Die Pflegekasse zahlt auf Antrag eine Vertretung, wenn die pflegende Person stunden- und tage­weise verhindert ist. Bis zu 1 612 Euro im Kalender­jahr sind dafür möglich.

*Name von der Redak­tion geändert.

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