Unternehmensbeteiligungen Meldung

Foto aus dem Jahr 1995 mit Jürgen Rinnewitz, Otto Graf Lambsdorff, Erwin Zacharias und Michael Hebig (von links) in einem Image­prospekt der Göttinger Gruppe.

Foto aus dem Jahr 1995 mit Jürgen Rinnewitz, Otto Graf Lambsdorff, Erwin Zacharias und Michael Hebig (von links) in einem Image­prospekt der Göttinger Gruppe.

Mit einem ausgeklügelten System zockte die Göttinger Gruppe Zehntausende Anleger ab.

Am Ende waren es 400 Anleger, die der Göttinger Gruppe den Garaus machten. Weil der Finanzkonzern ihre vor Gericht erstrittenen Schadenersatzansprüche nicht bezahlen konnte, erließ das Amtsgericht Göttingen 200 Haftbefehle gegen Manager des Konzerns. Die Haftbefehle sollen die Führung der Göttinger Gruppe um die Rechtsanwälte Jürgen Rinnewitz und Marina Götz zwingen, die Finanzen des Konzerns offenzulegen.

Doch für viele Anleger kommt das viel zu spät. Sie fühlen sich von Staat und Behörden im Stich gelassen. Denn Anzeichen dafür, dass es sich bei den Konzernchefs um eine üble Abzockertruppe handelt, gab es seit über einem Jahrzehnt.

Verbraucherschützer warnten immer wieder vor den riskanten und undurchsichtigen Beteiligungen des Firmenkonglomerats. Finanztest setzte die Göttinger Gruppe bereits 1994 wegen unseriöser Versprechen und irreführender Renditeangaben auf die Warnliste.

Trotz dieser massiven Warnungen ließ sich die deutsche Politprominenz von Johannes Rau über Helmut Kohl, Hans-Diet­rich Genscher und Otto Graf Lambsdorff mit den Konzernmachern Erwin Zacharias, Jürgen Rinnewitz und Michael Hebig fotografieren. Mit den Fotos, die in Prospekten veröffentlicht wurden, ließ es sich gut um Anleger werben. Auch ihre Sponsorentätigkeit konnte die Göttinger Gruppe gut nutzen. Sie war beim Schleswig-Holsteinischen Musikfestival vertreten, Partner der Länder Thüringen und Berlin und unterstützte den Bundesligisten VfB Stuttgart. Dass deren Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder auch Finanzminister Baden-Württembergs war, tat dem Image gut.

Warnungen halfen nichts

Ohne die Spenden der Göttinger Gruppe für Politik, Soziales und Kultur hätte sich das unseriöse Anlagemodell wohl nicht so lange gehalten. Denn Gründe, vor den Beteiligungen zu warnen, gab es viele:

  • 1994 war bereits klar, dass die Unternehmensbeteiligungen für Anleger verlustreich werden können. Namen wie Persönlicher Sachwertplan, Pensionssparplan oder Securente (sichere Rente) erweckten den irreführenden Eindruck, dass es sich um eine sichere Altersvorsorge handelt.
  • Seit 1995 gab es immer öfter Prozesse von Anlegern, die sich betrogen fühlten.
  • 1995 und 1996 trat der Konzern öffentlicher Kritik mit gutbezahlten Auftragsgutachten von Universitätsprofessoren und von Wirtschaftsprüfungsgesellschaften entgegen. Die Gutachter konnten nichts Falsches an dem Modell der in­einandergreifenden Gesellschaftsbeteili­gungen finden.
  • 1996 hatten die Göttinger die skurrile Idee, die in der Regionalliga Nord spielende Fußballmannschaft von Tennis Borussia Berlin in die erste Bundesliga zu hieven. Bezahlt wurde das Engagement von Anlegern. Was für den Konzern wegen der ­Trikotwerbung ein Gewinn war, wurde für Anleger schnell zur Abstiegspartie (siehe Finanztest 3/97). Insgesamt wurden 80 Millionen Mark in den Sand gesetzt.
  • 1999 stellte der damalige Chef der ­Finanzaufsicht, Wolfgang Artepoeus, Strafanzeige gegen die Göttinger Gruppe. Weil die Staatsanwaltschaft Braunschweig nicht ermitteln wollte, wandte er sich an den niedersächsischen Justizminister. Das daraufhin eingeleitete Verfahren konnte den von Politikern hofierten und gutetablierten Bossen des Konzerns jedoch nichts anhaben. Es wurde 2000 trotz Protests der Finanzaufsicht eingestellt.
  • 2001 wurde die hauseigene Partin-Bank durch die Finanzaufsicht wegen wirtschaftlicher Probleme geschlossen.
  • 2001 musste die Göttinger Gruppe einräumen, dass der Bilanzverlust der Securenta AG für 1999 über 100 Millionen ­Euro betrug. Anleger mussten Kürzungen ihrer Auszahlungen hinnehmen.
  • 2001 urteilte das Oberlandesgericht Köln, dass der Anlegerdienst „DFI-Gerlach-Report“ das unseriöse Anlagesystem der Göttinger Gruppe als „modifiziertes Schneeballsystem“ bezeichnen darf (Az. 15 U 58/94). Ein solches System unterstellt, dass die Ausschüttungen an Altanleger teilweise oder ganz mit den Einzahlungen neuer Sparer finanziert werden.
  • 2002 wurde Firmengründer Erwin Zacharias wegen privater Steuerhinterziehung verhaftet. Zacharias verließ den Konzern, tauchte aber wenig später als Anteilseigner der Vermögen Trust Capital Berlin wieder auf. Die Firma, die 1,2 Millionen Euro Anlegergeld einsammelte, war wirtschaftlich und personell eng mit der Göttinger Gruppe verbunden.

All diese deutlichen Hinweise auf unseriöse Machenschaften der Verantwortlichen des Finanzkonzerns änderten die Haltung der Strafjustiz nicht. Erst nach den Insolvenzanträgen rührte sich die Staatsanwaltschaft Braunschweig. Man wolle die Ermittlungen wegen des Verdachts der Insolvenzverschleppung und des Betrugs nun wieder verstärken.

Zu spät, finden viele Anleger. Denn ihr Geld ist wohl weg. Verprasst von Zacharias, Rinnewitz, Götz und Co.

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