Gleiche Beiträge und gleiche Leistung für Frauen und Männer – ab Ende 2012 sind einheitliche Tarife für alle Versicherungen Pflicht. In der Riester-Rente gibt es sie schon seit 2006.

Unisex-Versicherungstarife Special

„Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“ Das steht im Grundgesetz und gilt bald auch für Versicherungen.

Der Versicherungslobby schwante Schlimmes: Durch Unisextarife drohe der Riester-Rente der „Todesstoß“, begründete der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft seinen Widerstand gegen die Einführung von gleichen Tarifen für Frauen und Männer in der Riester-Rentenversicherung im Jahr 2006. Männer würden keinen Vertrag mehr abschließen.

Doch die Tarifumstellung hat der Riester-Rente nicht geschadet. Inzwischen gibt es 15 Millionen Verträge, 10,6 Millionen davon sind Riester-Rentenversicherungen.

Bis 2006 bekam eine Frau für den gleichen Beitrag rund 10 Prozent weniger Riester-Rente als ein Mann. Der Grund: Frauen leben im Durchschnitt knapp sechs Jahre länger als Männer, sie bekommen also auch länger Rente. Seit 2006 spielt dies für die Kalkulation der Riester-Rente keine Rolle mehr. Es gilt wie in der gesetzlichen Rente: gleicher Beitrag für gleiche Leistung.

Die Folgen zeigen wir am Beispiel der Allianz und an Kunden, die dort 25 Jahre lang 1 200 Euro Jahresbeitrag in einen Riester-Vertrag einzahlen: Im Jahr vor der Umstellung, 2005, bekam der Mann von der Allianz eine garantierte Mindestrente von 159 Euro. Die Frau bekam nur 147 Euro. Nach der Umstellung auf den Unisextarif beträgt die Mindestrente für beide jeweils 148 Euro. Die Frau steht minimal besser da als zuvor, der Mann schlechter.

Diskriminierung verboten

Ab dem 21. Dezember 2012 dürfen die Versicherer auch in allen anderen Sparten nur noch einheitliche Neuverträge für Frauen und Männer anbieten. So hat es der Europäische Gerichtshof entschieden (Rechtssache C-236/09). Ungleiche Tarife, so die Richter, sind mit der Grundrechts-Charta der Europäischen Union nicht vereinbar. Sie verbiete jegliche Diskriminierung wegen des Geschlechts.

Doch auch künftig ist der Beitrag nicht für alle gleich. Raucher zahlen weiter mehr für ihre Risikolebensversicherung als Nichtraucher. Vielfahrer zahlen in der Autoversicherung mehr als Fahrer, die ihr Auto kaum benutzen. Solche Risikomerkmale kann jeder beeinflussen. Nicht jedoch sein Geschlecht.

Den größten Effekt hat die Umstellung auf die private Krankenversicherung, die private Rentenversicherung und die Rürup-Rentenversicherung. Hier sind die Beitragsunterschiede zwischen Frauen und Männern am größten.

In der privaten Krankenvollversicherung zahlt eine 35-jährige Frau bisher für einen Tarif mit gleichen Leistungen gut ein Drittel mehr Beitrag als ein gleichaltriger Mann.

In der privaten Rentenversicherung und der Rürup-Rentenversicherung bekommt eine Frau für den gleichen Beitrag derzeit weniger Rente als ein Mann. In unserem jüngsten Test der klassischen privaten Rentenversicherung erhielten Frauen aus einem Vertrag mit 1 200 Euro Jahresbeitrag und 30 Jahren Laufzeit rund 15 Euro weniger garantierte Monatsrente als Männer (siehe Finanztest 10/2011, Test „Private Rentenversicherung“).

Der Dortmunder Versicherer Volkswohl Bund hat bereits einen seiner Tarife auf Unisex umgestellt. Seit Oktober 2011 bietet er eine Rentenversicherung mit einer erhöhten Altersrente im Pflegefall an, für die Mann und Frau bei gleichem Beitrag gleichviel Rente bekommen.

Eine Monatsrente von 197 Euro garantiert der Versicherer bei Rentenbeginn einer 30-jährigen Kundin oder einem gleichaltrigen Kunden, die 37 Jahre lang 100 Euro Monatsbeitrag zahlen.

Vor Einführung dieses Tarifs bekam der Mann eine garantierte Rente von 207 Euro, die Frau erhielt 194 Euro. Doch mit den vorher verkauften Tarifen ist der Unisextarif nicht voll vergleichbar, weil der Volkswohl Bund eine zusätzliche Leistung eingebaut hat: Wird der Kunde in der Ansparphase durch einen Unfall pflegebedürftig, sind keine weiteren Beiträge fällig.

Der Volkswohl Bund ist uns bisher nicht als günstiger Anbieter in der Rentenversicherung aufgefallen. Im jüngsten Test der privaten Rentenversicherung und der Riester-Rentenversicherung hat er nur befriedigend abgeschnitten. Hauptgrund war die sehr mäßige garantierte Mindestrente. Sie lässt auf eine hohe Kostenbelastung des Vertrags schließen. Je mehr vom Sparbeitrag für Kosten abgeht, desto geringer ist die Rente. Dies gilt auch für Unisextarife.

Schnell mit der Tarifumstellung ist auch die Versorgungsanstalt des Bundes und der Länder. Ihre Angebote für Angestellte im öffentlichen Dienst, die Teile ihres Gehalts in Beiträge für eine zusätzliche Betriebsrente umwandeln, will sie ab Januar für Neukunden nur als Unisextarife anbieten.

Versicherungswechsel unklar

Unklar ist, was künftig passiert, wenn Kunden ihre Versicherung wechseln. Besonders schwerwiegend ist die Frage in der privaten Krankenversicherung. Werden junge Frauen, die jetzt einen hohen Beitrag zahlen, ab 2013 massenhaft in die neuen, für sie womöglich günstigeren Unisextarife wechseln? Werden Versicherer mit einem hohen Anteil junger Frauen unter den Kunden drastisch teurer werden als Unternehmen mit hohem Anteil junger Männer? Jedenfalls sollte jetzt kein Mann überstürzt einen Vertrag abschließen, weil er sich noch einen „günstigeren“ Beitrag sichern möchte. Erst sollte er prüfen, ob eine private Krankenversicherung überhaupt das Richtige ist.

Bei der Riester-Rente konnten Kunden, die vor 2006 einen Vertrag abgeschlossen hatten und später mit ihrem angesparten Guthaben wechseln und woanders weitersparen wollten, nur noch in einen Unisextarif wechseln. Die Versicherungslobby verlautbarte vor kurzem: „Tatsächlich gibt es keine Vorsorgeform, die sich für die allermeisten Bürger, insbesondere Geringverdiener und Familien, so gut rechnet wie die Riester-Rente.“

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