Ungesundes Wohnen Meldung

Klaus-Peter Böge und sein Spürhund Assar bereiten sich auf die Schimmelsuche vor.

Wohngifte schaden der Gesundheit und mindern den Wert von Eigenheim und Wohnung. Klaus-Peter Böge und sein Hund spüren sie auf.

Das Einfamilienhaus in einem Dorf nahe dem bayerischen Nördlingen ist trocken und warm, die Einrichtung gemütlich. Alles ist sauber und aufgeräumt.

Doch in ihrem Heim hat die schwäbische Hausfrau Elisabeth Weichle* ständig schwere gesundheitliche Beschwerden. Ein Umweltmediziner, der sie untersucht hat, analysierte Schimmel als Ursache und verwies die verzweifelte Frau an Klaus-Peter Böge. Seit 20 Jahren spürt der Umweltingenieur Wohngifte und Schimmel in Gebäuden auf.

Zunächst nur Fragen

Ungesundes Wohnen Meldung

Der Lübecker kommt in seiner mobilen "Wohngift- und Schimmelambulanz", einem weißen Kombi, angefahren. Durch die Heckscheibe lugt neugierig Gehilfe Assar, ein drei Jahre alter Englischer Springer-Spaniel. Er ist Böges Spürhund, der auch unsichtbaren Schimmel findet, den man in der Raumluft nur schwer messen kann. Doch die Giftsuche beginnt in der Essecke von Elisabeth Weichle und ihrem Mann Paul* mit einem Interview bei Kaffee und Kuchen. Seit vier, fünf Jahren sei sie ständig krank, berichtet Frau Weichle. Neurodermitis und Kopfschmerzen, Taubheitsgefühle und ein störendes Kribbeln auf der Haut zählt sie auf. Hinzu komme die andauernde Müdigkeit. Ihr Mann fühlt sich dagegen gesund. Nur manchmal leide er unter leichten Asthmaanfällen.

Jedes Jahr macht Frau Weichle mit ihrem Mann Urlaub auf Teneriffa: "Zwei Tage da unten und ich bin wieder fit. Kommen wir dann aber zurück, geht es mir nach spätestens drei Tagen wieder dreckig." Böge notiert die Antworten und grenzt dabei die möglichen Wohngifte ein, denn Schimmel muss nicht die Ursache der Beschwerden sein. "Wie alt ist das Gebäude?", will Böge weiter wissen. Auch Wasserschäden oder andere verdächtige Stellen interessieren ihn. "Das Haus haben wir vor gut 25 Jahren weitgehend allein gebaut", berichtet Paul Weichle stolz. Einen Wasserschaden habe es seitdem nicht gegeben.

Rundgang ohne Hund

Klaus-Peter Böge beginnt seinen Rundgang durch das Haus im Wohnzimmer, wo ein schöner Teppich liegt, ein Kashan, den Weichles 1989 gekauft haben. Für Böge ist der Perser verdächtig: "Jeder vierte untersuchte Orientteppich ist mit dem Insektengift DDT belastet." Dem will er nachgehen.

"Was ist denn hier dran?", fragt Böge und klopft an die Außenwand. "Styroportapete" lautet die Antwort. "Das kann doch nicht wahr sein", empört sich Böge. Die Leute klebten wasserdichte Tapete vor klamme Wände und verstärkten damit die Feuchtigkeit dahinter. Über Schimmel brauche man sich dann nicht zu wundern.

Lob gibt es von dem Fünfzigjährigen dagegen nebenan im Arbeitszimmer: "Papiertapete ­ genau so will ich das haben! Ich sag immer: Sie wollen doch auch nicht in einer Plastiktüte wohnen."

Dass unter dem Ehebett im Schlafzimmer die Luft zirkulieren kann, gefällt dem Umweltingenieur. "Na da haben Sie noch mal Glück gehabt", schmunzelt er und ergänzt die zweite Botschaft, die er nicht oft genug wiederholen kann: "Ich sag immer: Unterm Bett müssen zwei Liebhaber Platz haben." Wer alles zubaut, brauche sich nicht über ungesunde Gerüche zu wundern.

In Gästezimmer und Treppenhaus findet der Schimmelfahnder nichts. Anders dagegen im Keller, wo Schimmeldetektiv Böge mit einem handlichen Messgerät die Feuchtigkeit in der Wand prüft. Danach steht für ihn fest: "Hier muss der Hund ran, Außenwand und Fußboden sind verdächtig."

Assar sucht

Als der Rüde Assar nach langem Warten aus seinem Kofferraum darf, ist er sichtlich froh. Klaus-Peter Böge stellt ihn stolz vor: "Seine Trefferquote liegt bei fast 100 Prozent." Assar durchschnüffelt das Wohnzimmer. Unter die Sessel versucht der weiß-braune Rüde zu kriechen. "Das ist normal, unter Möbeln ist es immer ein bisschen muffig", erläutert sein Herr.

Die Styroportapete lässt Assar unbeachtet. Sie scheint keinen Schimmel zu verbergen. Wie wild kratzt der Hund auf dem verdächtigen Kashanteppich. Doch für Böge ist klar, dass Assar noch nichts Besonderes gefunden hat.

An der Außenwand des Kellers ist Assars Aufregung dagegen eindeutig. Offensichtlich eine Schimmelader. Auch der Boden scheint dem Spaniel zu stinken. Für Böge kein Wunder, denn der Estrich ist mit Teppich bedeckt und Teppich habe nun mal im Keller nichts zu suchen. "Ich sag immer: Ein Keller ist ein Keller." In drei Viertel aller Fälle gebe es in den Kellern Probleme, weil die Bewohner die Räume zum Wohnen nutzen. Fußbodenbelag, Holztäfelungen und falsche Wandanstriche trügen dazu bei, dass die Räume nicht atmen können. Deshalb rät er den Weichles, sofort den Teppichboden herauszureißen.

Die Auswertung

Böges abschließende Bewertung fällt vage aus. "Etwas problematisch" sei der Fall, da Frau Weichles Symptome nicht eindeutig seien. Dass Schimmel allein für ihre Beschwerden verantwortlich ist, kann er sich kaum vorstellen, denn im Haus gebe es nur eine vergleichsweise geringe Belastung.

Naheliegender findet er eine Immunschwäche. "Haben Sie sich vielleicht früher mal vergiftet?", fragt er Elisabeth Weichle. "Ja, das kann schon sein", lautet die Antwort. Zum einen waren da die mit Holzschutzmittel beschichteten Paneele im Treppenhaus. Außerdem spritze der Nachbar seit Jahren regelmäßig Gift auf seinen Acker, das eigentlich seit langem nicht mehr verwendet werde. "Wenn ich dann nebenan im Garten arbeite, bekomme ich Kopfschmerzen, schon ehe ich die Giftspritze gesehen habe", klagt Frau Weichle.

Um die möglichen Ursachen einzugrenzen schlägt Klaus-Peter Böge ein Biozidscreening vor. "Ich nehme Ihren Staubsaugerbeutel mit und lasse ihn im Labor untersuchen. Dann können wir genau herausfinden, ob es im Haus noch Belastungen durch Holzschutzmittel oder Gift aus dem Teppich gibt."

Da auch eine geringe Schimmelbelastung Menschen mit Immunschwäche weiter schwächen kann, empfiehlt Böge neben dem Herausreißen des Kellerteppichs den Keller ständig zu entlüften: "So ein Ablüfter für 150 Mark im Kellerfenster kann im Dauerbetrieb Wunder bewirken. Die schlechte Luft steigt nicht ins Haus hoch, sondern wird gleich da rausgesaugt, wo sie entsteht."

Was seine größten Erfolge gewesen sind? Böge berichtet von einer Familie, in der Mutter und Kind ständig verstopfte Nasen hatten. Die Mutter musste wegen schwerer Atemwegsbeschwerden sogar ins Krankenhaus. Das neue Eigenheim der Familie erschien Böge zunächst mustergültig. Er fand keine Holzschutzmittel oder andere Wohngifte. Der Boden war mit glasierten Fußbodenfliesen bedeckt und nicht mit Holzdielen oder Korkbelägen. Also tippte Böger auf versteckten Schimmel.

Assar fand prompt die Quelle im scheinbar trockenen Fußboden. Unter den Fliesen war der Estrich völlig feucht und verschimmelt, da die Fußbodenheizung seit Monaten leckte. Der Boden wurde ausgetauscht, seitdem ist die Familie gesund.

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