Ungeliebte Kunden Meldung

Es gibt Kunden, auf die Versicherungsunternehmen gerne verzichten. Zentrale Informationssysteme helfen ihnen, sie zu erkennen.

Zentrale Hinweis- und Informationssysteme nennen es die Versicherer. Die meisten kennen es als Betrugsdatei. Doch die umgangssprachliche Bezeichnung wird dem ausgefeilten System, mit dem sich die Unternehmen über ihre Kunden austauschen, nicht gerecht. Denn sie wollen nicht nur dem Profi für fingierte Unfälle oder dem Gelegenheitsbetrüger, der die Schadensmeldung für die Hausratversicherung ein wenig frisiert, das Handwerk legen. Sie können damit auch notorische Pechvögel identifizieren, die einfach zu teuer sind, weil sie zu viele Schäden melden.

Selbst Personen, die überhaupt keinen Versicherungsschutz haben, können in diesem Warnsystem auftauchen. Mit dem Antrag unterschreiben Menschen, die sich versichern wollen, eine Einwilligungsklausel nach dem Bundesdatenschutzgesetz. Darin heißt es "dass der Versicherer im erforderlichen Umfang Daten ... zur Beurteilung des Risikos und der Ansprüche an andere Versicherer ... übermittelt. Diese Einwilligung gilt auch unabhängig vom Zustandekommen des Vertrages".

Das Unternehmen lehnt zum Beispiel den Antrag auf eine Unfallversicherung ab, weil der Interessent Vorerkrankungen hat, welche die Unfallgefahr erhöhen. Dieser hat dann keine Versicherung, bekommt aber unter Umständen einen Eintrag im zentralen Warnsystem der Versicherungsunternehmen.

Bloß keine Punkte

Die zentralen Hinweis- und Informationssysteme für die einzelnen Versicherungssparten werden vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) geführt. Für die privaten Krankenversicherer, die nicht dem GDV angehören, übernimmt diese Aufgabe der Verband der Privaten Krankenversicherer (PKV).

Die Unternehmen melden dorthin jene Kunden (Name, Adresse, Geburtsdatum), deren Schadensmeldung oder Antrag nach einem spartenspezifischen Kriterienkatalog eine gewisse Punktzahl überschreitet. Punkte gibt es für bestimmte Auffälligkeiten.

In der Kfz-Sparte kassieren Versicherte zum Beispiel Punkte, wenn ihr Unfall zu einer ungewöhnlichen Zeit stattfand oder sie dem Versicherungsunternehmen die Nachbesichtigung des kaputten Fahrzeugs verwehrt haben. Ein Totalschaden oder Autodiebstahl muss grundsätzlich gemeldet werden, unabhängig davon, welche Punktzahl der Schadensmeldung insgesamt zugeordnet wurde. Erst nach fünf Jahren wird der Eintrag wieder gelöscht.

Kommt nun ein Antragsteller einem Unternehmen aus bestimmten Gründen suspekt vor, kann es anhand des Informationssystems überprüfen, ob dieser schon einmal bei einem anderen Unternehmen negativ aufgefallen ist. Das Unternehmen, das Auskunft über einen bestimmten Kunden wünscht, bekommt nach Eingabe des Namens aber nur ausgespuckt, welches Versicherungsunternehmen ihn gemeldet hat.

Die beiden Unternehmen können sich dann kurzschließen und ihre Erfahrungen mit dem Kunden austauschen: Hat er den Vorversicherer betrogen? Ist er prozesssüchtig und kostet er den Rechtsschutzversicherer ein Vermögen oder ist er einfach ein Pechvogel, dem schon zum zweiten Mal die Wohnung abgebrannt ist? Je nachdem wie das Urteil des Vorversicherers ausfällt, wird sich das anfragende Unternehmen sehr genau überlegen, ob es einen solchen Kunden haben möchte.

Private Unternehmen können anders als die gesetzlichen Renten- oder Krankenversicherungsträger frei entscheiden, ob sie jemanden als Kunden akzeptieren oder nicht. Aus einer Sachversicherung wie der Hausrat-, der privaten Haftpflicht-, der Autokasko- oder der Rechtsschutzversicherung können die Unternehmen Kunden auch rausschmeißen. Wie der Versicherungsnehmer hat der Versicherer nach jedem Schadenfall ein Sonderkündigungsrecht.Eine Ausnahme ist die Kfz-Haftpflichtversicherung. Weil diese Police gesetzlich vorgeschrieben ist, müssen die Gesellschaften jeden Antragsteller annehmen.

Versicherte wissen von nichts

Informiert werden müsse der Kunde nicht, wenn er im Informationssystem landet, sagt Stephan Schweda vom Gesamtverband der Versicherungswirtschaft. Schließlich handele es sich nicht um eine öffentliche Datei. Außerdem nutzten die Unternehmen das Warnsystem ja nur bei besonderen Auffälligkeiten oder Betrugsverdacht, beruhigt er. Es gebe keine routinemäßigen Anfragen bei jedem Antrag.

Auch Elisabeth Duhr von der Hamburger Datenschutzbehörde bestätigt, dass die Unternehmen nicht verpflichtet sind, ihren Kunden einen solchen Eintrag mitzuteilen. Schließlich hätten diese beim Antrag ihre Einwilligung gegeben. Wer aber sein Versicherungsunternehmen konkret fragt, ob negative Daten über ihn weitergegeben würden, habe schon ein Recht auf eine Auskunft.

Kaum Chancen sieht sie für Versicherte, die die Einwilligungsklausel im Antrag streichen. Selbst wenn ein Unternehmen sie dann noch als Versicherte aufnähme, sei dies keine Garantie, nicht in der Warndatei zu landen, solange das Unternehmen nach Paragraph 28 des Bundesdatenschutzgesetzes ein berechtigtes Interesse an der Weitergabe der Informationen vorbringen kann. Und das können sie fast immer, so Duhr.

Versicherungsbetrug bekämpfen

Der Gesamtverband der Versicherungswirtschaft schätzt, dass der Branche im Jahr 2001 durch Versicherungsbetrug ein Schaden von acht Milliarden Mark entstanden ist. Ihr Interesse am gezielten Informationsaustausch ist verständlich. Seit Jahren schon klagt sie darüber, dass in der Gesellschaft Versicherungsbetrug immer noch als Kavaliersdelikt angesehen werde. Ausbaden müssten das die ehrlichen Versicherungsnehmer. Denn die Betrügereien treiben die Beiträge in die Höhe.

Doch auch die Folgen des Informationssystems müssen Ehrliche ausbaden: Für Menschen mit Vorerkrankungen und für Unglücksraben wird es immer schwerer, angemessenen Versicherungsschutz zu bekommen.

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