Unfallversicherung Test

Die meisten Unfälle gehen glimpflich aus. Wenn es jemanden aber schlimm erwischt, hilft eine ­Unfallversicherung. Viele haben eine, doch oft nicht die richtige. Da hilft unser Test.

Zu klein und zu teuer: Viele Kunden, die zu Rüdiger Strichau in die Verbraucherberatung kommen, haben nicht die richtige Unfallversicherung.

„Oft sind die Versicherungssummen viel zu gering, und häufig sind die Unfallpolicen an sinnlose Lebens- oder Ausbildungsversicherungen gekoppelt“, bemängelt der Versicherungsexperte von der Verbraucherzentrale Berlin.

Rund 6 Milliarden Euro gaben die Deutschen im Jahr 2004 für private ­Unfallversicherungen aus. Alles rausgeschmissenes Geld? Nein: Denn wenn man es richtig macht, ist es sinnvoll, sich privat gegen Unfälle abzusichern.

Die Versicherung zahlt dem Kunden Geld, falls er durch einen Unfall einen bleibenden Gesundheitsschaden erleidet. Die gesetzliche Unfallversicherung hilft ihm nämlich in den meisten Fällen nicht. Sie kommt in erster Linie für die Folgen von Arbeitsunfällen auf. Die meisten Menschen verunglücken aber in der Freizeit oder bei der Hausarbeit.

Bleibt ein Schaden zurück, ist das schmerzhaft und teuer. Unfallgeschädigte brauchen viel Geld, um zum Beispiel ihre ­Wohnung behindertengerecht umbauen zu lassen oder eine Haushaltshilfe zu bezahlen. Es ist wichtig, dass ihre Versicherung im Ernstfall eine hohe Summe zahlt.

Wir gehen in unserem Test von einer Grundsumme von 100 000 Euro aus und empfehlen Tarife, bei denen der Versicherte im schlimmsten Fall ein Vielfaches davon bekommt. Bei 100 Prozent Invalidität sollten es mindestens 350 000 Euro, besser sogar 500 000 Euro sein.

So viel Geld bekäme beispielsweise jemand, der durch einen Unfall vollständig erblindet ist oder beide Hände nicht mehr gebrauchen kann. Wer für so einen Fall nicht ausreichend versichert ist, sollte seine Versicherung wechseln.

Mehr als 500 Angebote im Test

Unfallversicherung Test

Auf Notfälle spezialisiert: Im Unfallkrankenhaus Berlin kommen Patienten aus ganz Deutschland an.

Finanztest hat weit über 500 Angebote geprüft und stellt die jeweils besten einer Gesellschaft vor. Der Kunde alleine hat keine Chance, sich auf diesem unübersichtlichen Markt zurechtzufinden. Viele Gesellschaften bieten Unfallversicherungen in mehr als zehn Variationen an, die sich sowohl im Preis-Leistungs-Verhältnis als auch in den Versicherungsbedingungen teilweise stark unterscheiden.

Am besten abgeschnitten haben Angebote der Asstel, der NV und der Baden ­Badener. Schon für 91 Euro im Jahr ­bekommt ein kaufmännischer Angestellter bei einem unserer Testsieger, der NV, sehr guten Versicherungsschutz (P 500 UnfallSpar). Bei einem anderen Anbieter, der Mannheimer (Tarif P 500 Top), müsste er für einen ähnlichen Leistungsumfang mehr als das Dreifache zahlen: 366 Euro.

Das Geld aus der Unfallversicherung ­bekommt der Versicherte steuerfrei. Leistungen anderer Versicherer, zum Beispiel von einer Berufsunfähigkeitsversicherung oder von der gesetzlichen Unfallversicherung werden nicht angerechnet.

Finanztest hat Einjahresverträge ­getestet, weil der Kunde sich damit die Möglichkeit offen hält, wieder zu wechseln, falls im kommenden Jahr bessere oder günstigere Angebote auf den Markt kommen. Kündigt der Kunde nicht spätestens drei Monate vor Ende des Versicherungsjahrs, verlängert sich der Vertrag automatisch um ein weiteres Jahr.

Mit Drei- oder Fünf-Jahres-Policen ­können Kunden zwar Geld sparen. Viele Gesellschaften gewähren bei mehrjährigen Verträgen Beitragsnachlässe bis zu 15 ­Prozent. Die Verträge sind aber unflexibler.

Kein Vertrag für Stewardessen

Unfallversicherung Test

Rund 1,5 Millionen Sportunfälle passieren jährlich. In zwei Drittel der Fälle sind die Verletzten Männer.

Wie viel Beitrag jemand für seine Versicherung bezahlen muss, hängt stark davon ab, in welche Gefahrengruppe ihn der ­Versicherer einstuft. Das richtet sich üblicherweise nach dem ausgeübten Beruf. Gefährliche Hobbys oder Sportarten ­spielen dabei meist keine Rolle.

In der Regel teilen die Versicherer ihre Kunden in zwei Gefahrengruppen ein: In der niedrigen Gefahrengruppe sind beispielsweise kaufmännische Angestellte ­versichert, in der höheren Gruppe Handwerker oder Kraftfahrer. Frauen gehören bei einem Großteil der Unternehmen zur niedrigen Gefahrengruppe, egal welchen Beruf sie ausüben.

Menschen, die besonders riskante Berufe ausüben, zum Beispiel Berufssportler, Rennfahrer, Piloten und Stewardessen, ­Artisten oder Sprengmeister können keine private Unfallversicherung abschließen. Aber auch gängigere Berufe wie Gerüstbauer, Tierpfleger oder Dachdecker werden von vielen Anbietern nicht versichert.

Neben dem Beruf müssen Neukunden im Versicherungsantrag auch Angaben zu ihrem Gesundheitszustand oder zu Unfällen in der Vergangenheit machen. Anhand dessen entscheidet der Versicherer, ob er den Kunden annimmt oder nicht. Schummeln hat dabei keinen Zweck. Findet der Versicherer später heraus, dass jemand eine schwere Krankheit verschwiegen hat, kann er vom Vertrag zurücktreten.

Aber die Fragen müssen fair sein. Stellt ein Versicherer im Antrag Fangfragen wie „Sind Sie völlig gesund?“ oder weist er nicht auf die Folgen unrichtiger Angaben hin, bekommt er von uns für den Antrag eine schlechtere Note. Denn niemand kann eine so pauschale Frage mit Sicherheit beantworten. Die Wahrscheinlichkeit ist dann hoch, dass der Versicherer später irgendeine Vorerkrankung findet und ­damit einen Grund hätte, nicht zu zahlen.

Senioren: Schutz mit Hindernissen

Eine Unfallversicherung zu kündigen und eine neue abzuschließen, ist für die meisten kein Problem. Nur ältere Menschen müssen aufpassen: Viele Versicherer nehmen Neukunden nur bis zum Alter von 70 oder 75 Jahren an. Ältere bekommen oft nur schlechtere oder teurere Verträge oder werden auf spezielle Senioren-Policen verwiesen.

Senioren sollten deshalb einen bestehenden Vertrag erst kündigen, wenn sie einen neuen, besseren schon in der Tasche haben. Beim Neuvertrag ist es für sie wichtig, auf zwei Punkte in den Versicherungsbedingungen zu achten:

  • Wird der Vertrag auch nach Erreichen des 75. Lebensjahrs zu unveränderten Konditionen fortgeführt?
  • Bekommen auch ältere Kunden im Versicherungsfall eine große Kapitalsumme ausgezahlt, oder gewährt der Versicherer ihnen nur eine monatliche Rente?

Wir haben in unserer Tabelle in zwei Spalten markiert, welche Versicherer diese fairen Konditionen für ältere Kunden anbieten.

Die Grundregel der Unfallversicherung ist für alle gleich, egal ob Rentner oder Kind: Die Unfallversicherung zahlt erst bei einem bleibenden Gesundheitsschaden, im Fachjargon Invalidität genannt. Für ­eine Verletzung, die vollständig ausheilt, erhält der Kunde allenfalls kleinere Entschädigungen wie Schmerzensgeld, nicht aber die eigentliche Versicherungsleistung.

Auf die Bedingungen kommt es an

Wie viel Geld ein Unfallgeschädigter bekommt, hängt davon ab, wie schwer seine Beeinträchtigung ist. Dieselbe Verletzung ist aber nicht bei allen Versicherern gleich viel wert.

Die Versicherungsbedingungen enthalten eine Gliedertaxe, in der die Werte festgelegt sind. Je höher der Invaliditätsgrad ist, den der Versicherer zum Beispiel für den Verlust einer Hand ansetzt, desto besser für den Kunden.

Von der Invalidität ziehen die Versicherer oft einen Teil ab, wenn jemand an dem betroffenen Körperteil schon vor dem Unfall durch eine Krankheit beeinträchtigt war.

Solche Abzüge sind üblich, wenn die Vorerkrankung zu mindestens 25 Prozent an der Invalidität schuld ist. Manche Versicherer rechnen Vorerkrankungen aber erst an, wenn sie in noch stärkerem Maße zur Invalidität beigetragen haben.

Ein weiterer Punkt des klein Gedruckten, an dem sich entscheidet, ob der Kunde Geld bekommt oder nicht, sind die Meldefristen. Nur wenn die Invalidität innerhalb von einem Jahr nach dem Unfall eingetreten ist und spätestens nach 15 Monaten vom Arzt festgestellt und der Versicherung gemeldet wurde, hat der Kunde Anspruch auf Geld. So sehen es die Musterbedingungen vor, doch Versicherer dürfen bessere Regeln bieten. Bei manchen Unfallverletzungen, zum Beispiel Nervenschädigungen, dauert es schließlich oft länger, bis klar ist, ob ein Schaden bleibt.

Von den besten Anbietern bieten Volkswohl Bund, MLP, Aspecta und Interrisk erhebliche Verbesserungen bei der Gliedertaxe, beim Abzug für Vorerkrankungen und den Meldefristen.

Schnickschnack weglassen

Neben der Kernleistung „Geld bei Invalidität“ bieten die Versicherer eine ganze Reihe weiterer Leistungsbausteine an, die zwar gut klingen, aber in einer Unfallversicherung eigentlich nichts zu suchen haben. Diese Extras verteuern den Versicherungsschutz nur unnötig und sind auf anderem Wege besser abzusichern:

  • Krankentagegeld,
  • Krankenhaustagegeld,
  • Genesungsgeld,
  • Schmerzensgeld,
  • Kurkostenbeihilfe.

Eine kleine Todesfallleistung zu vereinba­ren ist hingegen sinnvoll. Es geht dabei gar nicht darum, Angehörige für den Fall des eigenen Todes abzusichern. Dafür ist eine Ri­­­­­sikolebensversicherung besser geeignet. Die Todesfallleistung in der Unfallversicherung ist für einen anderen Zweck wich­tig, der nichts mit dem Tod zu tun hat. Im ersten Jahr nach dem Unfall zahlen die Versicherer einen Vorschuss in Höhe der Todesfallleistung, wenn noch nicht klar ist, wie schwerwiegend die Invalidität nach Abschluss aller Behandlungen sein wird. Wer keine Todesfallleistung vereinbart hat, muss warten, bis der Grad der Invalidität endgültig festgestellt ist.

Und wenn kein Unfall passiert ...

Manche Versicherer locken ihre Kunden mit dem Angebot „Unfallversicherung mit garantierter Beitragsrückzahlung“ oder „mit Prämienrückgewähr“ (UBR oder UPR). Wenn kein Unfall passiert, erhält der Kunde angeblich seine Beiträge verzinst zurück.

Diese Angebote sind Mogelpackungen. In Wirklichkeit bekommt der Kunde natürlich keinen kostenlosen Unfallversicherungsschutz, sondern er schließt quasi zwei Verträge ab: einen, um das Risiko einer unfallbedingten Invalidität abzusichern, und einen über eine Kapitallebensversicherung. Das hat für den Kunden nur Nachteile: Entweder hat er bei gleichem Beitrag einen deutlich schlechteren Risikoschutz, oder er muss für den gleichen Risikoschutz einen etwa zwei- bis dreimal so hohen Beitrag bezahlen. Denn ein Großteil des eingezahlten Geldes fließt in den „Sparanteil“.

In den ersten zehn bis zwölf Vertragsjahren würde er mit hoher Wahrscheinlichkeit weniger zurückbekommen, als er eingezahlt hat. Der Kunde hat nur eine Chance, seine Beiträge zurückzubekommen, wenn der Vertrag sehr lange läuft. Das Geld, das er am Ende erhält, muss er nach neuer Rechtslage – wie alle Lebensversicherungs-auszahlungen – natürlich versteuern.

Raus aus unsinnigen Verträgen

Für die Versicherer ist die Unfallversicherung mit Beitragsrückgewähr ein gutes ­Geschäft. Nach Angaben des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft trägt sie maßgeblich dazu bei, dass die Unfallversicherung zu den „Gewinnbringern“ der Branche zählt. Von den rund 6 Milliarden Euro Beiträgen, die die Kunden im vergangenen Jahr eingezahlt haben, blieben rund 1 Milliarde Euro als Gewinn bei den Unternehmen hängen.

Kunden, die einen solchen Vertrag abgeschlossen haben, sollten versuchen, den Schaden zu begrenzen und sich besser ­gegen das Unfallrisiko zu wappnen. Mit unserer Checkliste können sie prüfen, ob sie gegen das Risiko einer schweren Invalidität hoch genug abgesichert sind.

Ist das nicht der Fall, sollten sie ihre ­Unfallversicherung kündigen. Dann läuft der Lebensversicherungsanteil ihres Vertrags beitragsfrei weiter und bringt am ­Ende der vereinbarten Laufzeit eine kleine garantierte Mindestauszahlung. Sie haben gute Chancen, in unserem großen Test ein besseres und günstigeres Angebot für sich zu finden.

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