Hilfe nach dem Unfall: Trau, schau wem

Viele Versicherer bieten Unfallopfern nicht nur Geld, sondern Hilfeleistungen. Nicht immer dient das ausschließlich dem Wohl des Unfallopfers.

Häufig bieten Versicherer für die erste Zeit nach dem Unfall Haushaltshilfe, Pflegeleistungen, Kinderbetreuung und andere Unterstützung an. Das ist nützlich, wenn sich sonst niemand um einen kümmern kann. Doch die Hilfe ist zeitlich begrenzt, und der Versicherungsschutz kostet mit diesen Extras meistens mehr. Deswegen lohnt es sich eher, eine Versicherung mit ausreichend hoher Kapitalleistung abzuschließen. Von diesem Geld kann der Kunde dann Pflegedienste oder eine Putzhilfe selbst bezahlen.

Rückversicherer helfen bei Reha

Weitaus umfassender ist das Rehamanagement, das in einigen Verträgen enthalten ist. Fachleute helfen zum Beispiel, Anträge bei Behörden zu stellen, beraten beim Wohnungsumbau, vermitteln therapeutische Hilfe oder organisieren eine Umschulung.

Auffallend dabei: Die drei größten Rehadienste sind Tochtergesellschaften von Rückversicherern. Die Rehacare GmbH gehört der Münchener Rück und arbeitet unter anderem im Auftrag der Allianz oder der KarstadtQuelle Versicherung. Der GenRe Rehabilitationsdienst ist eine Tochter der General Re und ist zum Beispiel tätig für die Interrisk, den Deutschen Ring und die VPV. Die ReIntra GmbH gehört zur SwissRe und betreut zum Beispiel Versicherte der VHV.

Rückversichererer müssen an den Erstversicherer zahlen, wenn dieser in Anspruch genommen wird. Folglich sind sie daran interessiert, die Leistungen der Versicherer niedrig zu halten.

Kritisch ist dies vor allem bei Versicherungen, deren Leistungssumme nicht begrenzt ist, sondern die einen Schaden ersetzen müssen. Das Hauptgeschäft der Rehadienste liegt in der Betreuung Schwerverletzter im Auftrag der Kfz-Haftpflichtversicherung des Schädigers.

Bietet die eigene Unfallversicherung einem Verletzten Hilfe an, ist die Gefahr eines Interessenkonflikts geringer. Doch auch Unfallopfer müssen gegenüber den Rehadiensten Ärzte und sonstige Institutionen von der Schweigepflicht entbinden. Damit erfährt das Unternehmen nicht nur alle medizinischen Details, sondern auch Informationen über die häusliche und familiäre Situation, die psychische Befindlichkeit, den Arbeitsplatz. Das erfordert Vertrauen.

Um das zu stärken, haben Rehacare und ReIntra einen „Code of Conduct“ unterzeichnet, in dem sie sich verpflichten, weisungsfrei zu arbeiten und Daten nur zum Zwecke der Rehabilitation zu erheben und weiterzugeben. Ein unabhängiger Beirat soll sicherstellen, dass die Regeln eingehalten werden.

Selbst wenn die Rehadienste tatsächlich klar getrennt vom Erstversicherer arbeiten, so sind an der Unabhängigkeit der Tochtergesellschaften von den Rückversicherern doch Zweifel angebracht. Bei GenRe sind Rückversicherer und Rehadienst unter derselben Hausanschrift und Mailadresse erreichbar. Die ärztliche Direktorin von ReIntra ist laut Geschäftsbericht zugleich Mitglied der Direktion des Rückversicherers SwissRe.

Lieber unabhängige Hilfe suchen

Deshalb rät Finanztest: Stehen die Invalidität und die Leistungshöhe fest, spricht nichts dagegen, die Hilfe eines Rehadienstes anzunehmen. Das kann nützlich sein, da das Sozial- und Gesundheitswesen sehr unübersichtlich ist und ein Profi einem bei der Organisation und Informationsbeschaffung Zeit und Nerven sparen kann.

Ist jedoch die Leistungspflicht des Versicherers noch unklar oder gibt es Streit, sollten Sie misstrauisch sein und auf den Rehadienst zumindest so lange verzichten, bis die Leistungsfragen geklärt sind.

Um sich zu informieren oder Hilfe zu organisieren, sollten Betroffene und ihre Angehörigen sich daher besser an unabhängige Institutionen wenden, bei denen sie keine Verflechtung mit wirtschaftlichen Interessen der Versicherer befürchten müssen. Beispielsweise kümmern sich Selbsthilfeorganisationen und Wohlfahrtsverbände um Unfallopfer.

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