Unfal­lersatz­tarife der Auto­vermieter Versicherer dürfen Preise drücken

3
Unfal­lersatz­tarife der Auto­vermieter - Versicherer dürfen Preise drücken

Darum gibt’s immer wieder Streit: Wenn ein Unfall­opfer einen Ersatz­wagen braucht, kassieren Auto­vermieter oft horrend teure Spezial­tarife. Der Bundes­gerichts­hof hat jetzt entschieden: Solche Vermieter müssen es sich gefallen lassen, wenn die gegnerische Versicherung dem Unfall­opfer nahelegt zu kündigen und einen güns­tigeren Wagen zu mieten. test.de erklärt die Hintergründe und gibt Tipps.

Inhalt
  1. Überblick
  2. Tipps

Abkassieren bei Unfall­opfern

Unfal­lersatz­tarife bei Auto­vermietern kosten zuweilen mehr als Doppelte der sonst üblichen Miete. Besonders ärgerlich: Betroffene bleiben dann oft auf einem Teil der Kosten sitzen. Die gegnerische Haft­pflicht­versicherung zahlt nämlich längst nicht jeden Betrag. Grund ist die Schadens­minderungs­pflicht. Wer Anspruch auf Ersatz hat, darf nicht bedenkenlos aus dem Vollen schöpfen, sondern muss den Schaden gering halten.

Spar­angebot kein unlauterer Wett­bewerb

Folge­richtig das aktuelle Urteil des Bundes­gerichts­hof: Auto­vermieter mit teuren Ersatz­wagen­tarifen müssen es sich gefallen lassen, wenn die Versicherung des Unfall­ursachers das Unfall­opfer auf die Schadens­minderungs­pflicht und güns­tige Ersatz­wagenangebote hinweist. Das gilt selbst dann, wenn die Versicherung mit dem güns­tigen Auto­vermieter zusammen­arbeitet und so die Gefahr von unlauterem Wett­bewerb besteht.

Im Interesse des Unfall­opfers

Geklagt hatte ein Auto­vermieter, nachdem die Versicherung ihm eine Kundin ausgespannt hatte. Die Frau hatte bei ihm einen Unfal­lersatz­wagen für 84,39 Euro pro Tag angemietet. Bei der von der Versicherung empfohlenen Auto­vermietung kostete ein vergleich­barer Mietwagen nur 36 Euro am Tag. Der Auto­vermieter hielt das Angebot der Versicherung an das Unfall­opfer für eine unzu­lässige Einmischung in eine bestehende Geschäfts­beziehung. Damit blitzte er bei den Bundes­richtern ab. „Ein Hinweis des Versicherers auf die Möglich­keit der Anmietung eines kostengüns­tigeren Ersatz­fahr­zeugs ist immer dann als zulässig anzu­sehen, wenn berechtigte gegen­läufige Interessen des Geschädigten dadurch nicht berührt werden“, stellten sie klar.

Frei­brief für Versicherer

Das Urteil ermöglicht Auto­versicherern, unabhängige Auto­vermieter gehörig unter Druck zu setzen. Sie können jetzt nicht nur die Erstattung von Ersatz­wagen-Mieten auf das orts­übliche beschränken, sondern dürfen Betroffenen gezielt die güns­tigsten verfügbaren Angebote nahelegen.

Miss­trauen angebracht

Betroffene sollten solchen Versicherungs­angeboten für einen Ersatz­wagen allerdings nicht blind vertrauen. Plus­punkt ist stets: Wer sich drauf einlässt, kann sich auf problemlose Regulierung verlassen, sofern er mit dem Unfal­lersatz­wagen nicht länger als angemessen unterwegs ist. Prüfen muss er jedoch, ob beim Versicherungs­angebot der Service stimmt.

Bundes­gerichts­hof, Urteil vom 08.03.2012
Aktenzeichen: I ZR 85/10

3

Mehr zum Thema

  • Schadens­abwick­lung nach Auto­unfall So tricksen die Versicherer

    - Nach einem Unfall kürzen viele Versicherer dreist die Erstattung. Die Stiftung Warentest zeigt, welche Tricks sie nutzen und gibt Hinweise, wie Betroffene mehr bekommen.

  • Mietwagen So vermeiden Sie Ärger im Urlaub

    - Ein Miet­auto für den Urlaub zu buchen, geht schnell und einfach. Wir erklären, was beim Buchen über Onlineportale wichtig ist und wie Sie sich vor Reinfällen schützen.

  • E-Scooter Diese Regeln gelten für Elektro-Tret­roller

    - E-Scooter gehören in Groß­städten zum Straßenbild. Was viele nicht wissen: Bei E-Tret­rollern gelten Promille­grenzen wie beim Pkw – hier die wichtigsten Regeln.

3 Kommentare Diskutieren Sie mit

Nur registrierte Nutzer können Kommentare verfassen. Bitte melden Sie sich an. Individuelle Fragen richten Sie bitte an den Leserservice.

Nutzer­kommentare können sich auf einen früheren Stand oder einen älteren Test beziehen.

stwelkemeier am 10.09.2012 um 18:52 Uhr
Regulierungsverhalten der Versicherer

Ich muss mich Herrn Brabec anschließen. Zahlreiche Dokumentationen der neueren Zeit haben gezeigt, wie Versicherungsunternehmen zu Lasten der Geschädigten regulieren. Exemplarisch sei hingewiesen auf "Die Nein-Sager" (Das Erste): http://mediathek.daserste.de/sendungen_a-z/799280_reportage-dokumentation/11638688_exclusiv-im-ersten-die-nein-sager

Profilbild test.de-Redakteur_Herrmann am 08.09.2012 um 15:51 Uhr
Anwalt und Mietwagen

Richtig: Bei einem Unfall Geschädigte dürfen auf Kosten des Gegners einen Fachanwalt für Verkehrsrecht engagieren. Kosten müssen sie nur übernehmen, wenn sie ein Mitverschulden trifft oder sie mehr fordern, als ihnen Gerichte später zugestehen. Der Anwalt kommt allerdings zu spät, wenn Betroffene bereits einen unangemessen teuren Mietwagen genommen haben. Immerhin: Er wird Betroffenen dann empfehlen, einen solchen Vertrag sofort zu kündigen und einen günstigeren Mietwagen zu nehmen.
Richtig auch: Das Urteil erlaubt Versicherern auch dann, Geschädigte zu einem günstigeren Mietwagen zu drängen, wenn die Versicherung die Kosten für den bereits gemieteten Mietwagen von Rechts wegen zu übernehmen hätte.

Brabec am 07.09.2012 um 18:24 Uhr
Beitrag unangemessen

Damit treiben Sie den Geschädigen in die Arme des zahlungsunwilligen Versicherers.
Warum weisen Sie Verbraucher nicht einfach darauf hin, dass sie sich auf Kosten des Gegner-Versicherers einen Fachanwalt für Verkehrsrecht nehmen dürfen? Der Anwalt würde sich ausschließlich um die Interessen des Opfers kümmern. Der kann dann auch darauf achten, dass der Vermieter Marktpreise abrechnet.
Im Übrigen ist das von Ihnen gezeichnete Szenario nicht mehr real, seit der Änderung der BGH-Rechtsprechung in 2004 rechnen die Vermieter normale Preise ab, die wir alle kennen. Warum also dieses einseitige Hervorheben von teuren Ersatzwagentarifen? Das ist nicht zu verstehen.
Und es ist auch nicht Inhalt der BGH-Entscheidung, ob der abgerechnete Tarif zu teuer war, denn hier wurde ausschließlich wettbewerbsrechtlich dazu entschieden, ob dem gegnerischen Versicherer der Kontakt zum Geschädigten ganz grundsätzlich verboten werden darf.
Der Kommentator ist tätig für den Bundesverband der Autovermieter