Unfälle von Kindern Special

Klettern im Freien. In Kita und Hort sind Kinder gesetzlich unfall­versichert.

Mehr als eine Million Unfälle von Kindern zählt die gesetzliche Unfall­versicherung pro Jahr. Betroffenen bietet sie Sofort­hilfe – und lebens­lange Leistungen. Wichtig ist, jeden noch so kleinen Unfall zu melden. Denn die Unfall­versicherung bietet mehr Leistungen als die gesetzlichen Krankenkassen.

Schulweg ist versichert

Philipp, acht Jahre, stürzt Ende Januar auf dem Schulweg mit dem Fahr­rad. „Der schöne Schneidezahn – kaputt!“, erinnert sich seine Mutter, Annette Baum*. Dennoch hatte der Junge Glück im Unglück. „Die Zahn­ärztin hat die abge­brochene Ecke wieder ange­klebt, den Zahn für die Unfall­anzeige fotografiert und alles genau dokumentiert“, erzählt die Berlinerin. Und weil das Miss­geschick auf dem Weg zur Schule passierte, kommt die Unfall­kasse Berlin für sämtliche Kosten im Zusammen­hang mit der Verletzung auf.

Unfall­versicherung zahlt mehr als die Krankenkasse

2013 gab es bundes­weit rund 1,3 Millionen Unfälle in Kinder­tages­stätten, Schulen und Hoch­schulen, auf dem Weg dorthin oder zurück nach­hause. In den Einrichtungen selbst sowie auf dem Hin- und Heimweg stehen Kinder und junge Leute unter dem Schutz der gesetzlichen Unfall­versicherung. Sie bietet mehr als die gesetzlichen Krankenkassen. Neben ärzt­licher Behand­lung, Reha und psycho­logischer Betreuung zahlt sie im Ernst­fall auch für Unter­richt am Krankenbett, gewährt Zuschüsse zu Wohnungs­umbauten oder sogar eine lebens­lange Rente, wenn ein Gesund­heits­schaden sich nicht auskurieren lässt.

Leistungen ein Leben lang

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Aufgabe der gesetzlichen Unfall­versicherung ist es, Folgen für Ausbildung oder Erwerbs­leben möglichst gut auszugleichen. „Wir sollen dafür sorgen, dass das Kind so gestellt wird, als sei der Unfall nicht passiert“, sagt Kirsten Wasmuth von der Unfall­kasse Berlin. Dafür stehen den verunglückten Kindern sowie deren Eltern während des gesamten Prozesses spezielle Ansprech­partner zur Seite. Bei schweren Unfällen beraten die Experten sogar im Hinblick auf die spätere Berufs­wahl. Diese Betreuung aus einer Hand ist für Betroffene oft eine große Erleichterung.

Zuständig sind die Unfall­kassen der Bundes­länder

Auch bei kleineren Unfall­schäden begleiten die Kassen ihre Versicherten lebens­lang. Das ist viel wert. So schätzen Experten die Kosten für einen ausgeschlagenen Zahn wie den von Philipp Baum im Lauf des Lebens auf 10 000 bis 20 000 Euro. Wenn jemand später beispiels­weise ein Implantat braucht, sind die Zuschüsse von der gesetzlichen Krankenkasse gering. Für einen größeren Teil der Kosten kommt die Unfall­versicherung auf, einschließ­lich notwendiger Nachbesserungen. Zuständig für die Regulierung sind bei Schul-, Hoch­schul- und Kinder­garten­unfällen die Unfall­kassen der Bundes­länder. Ihre Aufgaben sind die gleichen, die für Berufs­tätige die Berufs­genossenschaften über­nehmen. Und sie haben allein mit Zahn­schäden wie im Eingangs­fall eine Menge zu tun: Bundes­weit hatten Kinder, Jugend­liche und Studenten im Jahr 2013 rund 5 400 Unfälle mit Zahn­schäden. Kosten: rund 4,1 Millionen Euro.

Auch Ausflüge mit der Schule sind versichert

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Schulweg. Wer hin und zurück den direkten Weg nimmt, ist stets versichert.

Die gesetzliche Unfall­versicherung schützt nicht nur während des Aufenthalts in Kita, Schule oder Uni, sondern auch auf dem Hin- und Rückweg sowie während besonderer Veranstaltungen, etwa Ausflügen oder Aufenthalten in Schul­land­heimen. Andreas Machacek, Fach­anwalt für Sozialrecht, sagt: „Die Unfall­versicherung versucht, jedem Einzel­fall so gerecht wie möglich zu werden.“ Dennoch machen bestimmte Details immer wieder Probleme. „Alle Rechts­fragen, die bei Arbeits­unfällen auftauchen, gibt es auch im Zusammen­hang mit Schülern, Studenten oder Kita­kindern“, so Machacek.

Streit um Wege und Umwege

Bei Wegeunfällen etwa müssen Gerichte immer wieder klären, ob und wann es noch als Schulweg gilt, wenn das Kind einen Umweg macht. Die Antwort fällt, je nach Alter des Betroffenen, unterschiedlich aus. So gab das Bundes­sozialge­richt 2007 einem damals acht­jährigen Jungen recht, der versehentlich zwei Halte­stellen zu spät aus dem Schulbus ausgestiegen war und dann beim Über­queren der Straße von einem Auto angefahren wurde (Az. B 2 U 29/06 R). Er sei noch auf dem Schulweg gewesen. „Bei einer 15-Jährigen, die nach der Schule einkaufen geht, würden die Gerichte wohl anders entscheiden“, meint Anwalt Machacek.

Spät­folgen oder neue Beschwerden?

Gestritten wird oft auch darum, was noch zu den Spät­folgen eines Unfalls gehört und damit auf Kosten der Unfall­kasse behandelt wird. „Wenn jemand sich als Kind beim Schul­sport das Kreuzband gerissen hat und später im Leistungs­sport Knie­probleme bekommt, ist kaum zu sagen, ob das noch Folge der damaligen Verletzung ist“, sagt Machacek.

Jeden Unfall dokumentieren

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Geräteturnen. Rund 477 000 Schüler und Studenten verletzten sich 2013 im Sport­unter­richt.

In Kitas, Schulen und Hoch­schulen wissen die Mitarbeiter, dass jeder noch so kleine Unfall zu melden ist – schließ­lich können später Komplikationen auftreten. Auch vermeintliche Bagatellen werden im sogenannten Verband­buch einge­tragen, das jede Einrichtung führen muss. Wenn dagegen auf dem Nach­hauseweg etwas passiert, sollten Eltern den Arzt unbe­dingt darauf hinweisen, dass es sich um einen Fall für die gesetzliche Unfall­versicherung handelt. Die Leistungen, zum Beispiel für Medikamente oder Physio­therapie, sind dann nicht durch die sonst geltenden Budgets begrenzt und Ärzte können nach einer speziellen Gebühren­ordnung abrechnen, über die sie besser vergütet werden.

Erst einmal zum Durch­gangs­arzt

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Rangelei. Meist reicht ein Pflaster, manchmal aber fliegen Zähne. Fast jeder vierte Unfall passiert in der Pause.

Zuständig für die Behand­lung von Unfall­opfern sind spezielle Durch­gangs­ärzte, meist Chirurgen. Patienten kommen so gleich zu Experten, die Erfahrung mit Unfall­verletzungen haben. Bei kleineren Blessuren kann aber auch der Haus- oder Kinder­arzt über die Unfall­kasse abrechnen. Wichtiger als die Wahl des formal zuständigen Mediziners ist jedoch die Meldung bei der Unfall­kasse. Sie sichert dem Kind eine Rente, wenn seine Erwerbs­fähig­keit wegen etwaiger Spät­folgen dauer­haft gemindert ist. Das ist zwar nur selten der Fall: Auf rund 1,3 Millionen Unfälle kamen im Jahr 2013 beispiels­weise nur 770 neue Unfall­renten. Der Fall der kleinen Antonia Weber* belegt jedoch: Die Meldung ist mehr als nur eine Formsache.

Lebens­lange Rente für schlimme Fälle

2014 hatte die damals Fünf­jährige einen schweren Unfall in ihrem Born­heimer Kinder­garten: Ein Föhn explodierte, während sie damit ein Bild trock­nete. Antonia erlitt einen Strom­schlag, verbrannte sich beide Hände an der glühenden Heizspirale. Die Unfall­kasse Nord­rhein-West­falen kam für die Operationen und die Nachbehand­lungen auf und zahlte für eine Haus­halts­hilfe, die sich um Antonias Geschwister kümmerte, während die Mutter ihre jüngste Tochter zu den Operationen begleitete. „Manchmal ist es verwirrend, wer zuständig ist, ich kenne ja meine Rechte nicht – aber insgesamt läuft es mit der Unfall­kasse gut“, erzählt Mutter Weber*. Mitt­lerweile hat Antonia vier Operationen hinter sich. Mit Haut­trans­plantationen versuchen die Ärzte, die Hände best­möglich wieder­herzu­stellen. Möglicher­weise wird sie aber trotzdem nicht mehr richtig greifen können. Noch ist unklar, wie schwer der bleibende Schaden ist. Die Unfall­kasse prüft nun, ob Antonia eine Rente zusteht.

Einmalzahlung als Alternative

Ausschlag­gebend dafür ist die „Minderung der Erwerbs­fähig­keit“, kurz MdE. Ab einer Minderung von 20 Prozent zahlt die Unfall­versicherung eine Rente. Die Höhe richtet sich bei Kindern und Jugend­lichen nach dem Alter zum Unfall­zeit­punkt. Ist ein Schüler etwa zwischen 6 und 15 Jahren verunglückt, erhält er derzeit für eine MdE von 50 Prozent 315 Euro monatlich. Alternativ können die Betroffenen sich eine einmalige Kapital­abfindung zahlen lassen. Welche Option die bessere ist, hängt von den Umständen des Einzel­falls ab. Grund­sätzlich gilt: Die Unfall­kasse zahlt die Rente bis zum Lebens­ende, falls sich der Gesund­heits­zustand nicht bessert. Die Versicherten müssen daher regel­mäßig zur Nach­unter­suchung.

Unbe­dingt Expertenrat einholen

Kinder und Jugend­liche haben gute Chancen, Unfall­folgen zu über­winden. Dann verringert sich die Rente oder fällt weg. Deshalb kann es güns­tiger sein, statt der Rente die Abfindung zu wählen. Familien sollten sich beraten lassen, was für sie besser ist, am besten von einem Fach­anwalt für Sozialrecht, der auch medizinrecht­liche Kennt­nisse besitzt. Eine Rechts­schutz­versicherung, die auch Kosten für die juristische Beratung außer­halb von Prozessen trägt, ist hier hilf­reich. Dafür muss der Vertrag aber schon vor dem Unfall bestanden haben. Im Rechts­streit ist die Police noch wichtiger, denn neben den Anwalts- und Gerichts­kosten sind oft teure Gutachten von Fach­ärzten erforderlich.

Schmerzens­geld vom Schuldigen

Zusätzlich zu den Leistungen der Unfall­kasse fordert Alexandra Weber von der Stadt Bornheim als Trägerin der Kita Schmerzens­geld für ihre Tochter. Ihrer Meinung nach wäre das angemessen, da die Prüfplakette des Föhns am Unfall­tag bereits seit drei Jahren abge­laufen war. Die Erfolgs­aussichten sind jedoch durch­wachsen. Im Fall eines Schülers, der sich im Chemieunter­richt Brand­verletzungen zugezogen hatte, urteilte das Land­gericht Osnabrück: Ein Schmerzens­geld von der Schule stehe ihm nicht zu (Az. 5 O 596/14). Für die Folgen von Schul­unfällen sei grund­sätzlich nur die gesetzliche Unfall­versicherung zuständig.

Wenn Dritte beteiligt sind, zahlt die Haft­pflicht

Anders sieht es aus, wenn nicht nur der Träger der Einrichtung, sondern auch Dritte am Unfall beteiligt sind. Wird ein Kind auf dem Schulweg etwa von einem Auto angefahren, zahlt beispiels­weise die Kfz-Haft­pflicht­versicherung des Auto­fahrers Schmerzens­geld und Schaden­ersatz. Auch wenn Mitschüler einander verletzen, kann es in schweren Fällen sein, dass der Täter Schmerzens­geld zahlen muss. Eine gute Privathaft­pflicht­versicherung ist daher unerläss­lich, um für alle Fälle gewappnet zu sein.

* Name von der Redak­tion geändert.

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