Unfälle mit Wild Meldung

Das Schild „Wildwechsel“ nehmen viele Fahrer nicht wirklich ernst. Dabei kracht es zunehmend, im Schnitt fast alle zwei Minuten. Oft gibt es dann Ärger mit der Versicherung.

Die Zahl der Wildschäden steigt. Bei jedem zehnten Verkehrsunfall ist ein Wildtier vors Auto gelaufen: 27 Tote und 3 000 Verletzte gab es allein im letzten Jahr, insgesamt rund 250 000 Zusammenstöße – mindestens. In Wahrheit sind es viel mehr, denn viele kleine Kollisionen ohne Schaden am Auto werden gar nicht erst gemeldet. Hasen, Kaninchen oder Füchse lässt die Statistik ganz aus. Der Deutsche Jagdschutzverband (DJV) schätzt die wahre Zahl der Wildunfälle eher auf eine Million.

Vor allem Rehe und Wildschweine

In vier von fünf Fällen erwischt es Rehe. Mittlerweile wird jedes fünfte auf der Straße „erlegt“, in Nordrhein-Westfalen sogar fast jedes dritte, so DJV-Sprecher Torsten Reinwald. Weitere 10 Prozent der Unfälle gehen aufs Konto von Wildschweinen.

Wenn es kracht, dann zu 80 Prozent auf Landstraßen, und da besonders in Übergangsbereichen von Wald zu Wiese. Rehe wandern zur Futtersuche auf die Felder und kehren dann in den Schutz des Waldes zurück – bevorzugt in der Dämmerung, wenn sie von natürlichen Feinden schlechter gesehen werden. Die meisten Unfälle passieren daher abends und frühmorgens.

Meist nur 20 Meter Entfernung

Die Tiere folgen jahrhundertealten Wildwechseln, oft rennen sie unvermittelt über die Fahrbahn. Dann noch rechtzeitig zu reagieren, ist fast unmöglich. Im Dunkeln reicht das Abblendlicht nur für 60 bis 80 Meter gute Sicht. Bei Tempo 80 langt das gerade noch als Bremsweg. Aber bei Tempo 100 prallt der Wagen mit gut 60 km/h auf das Tier. In vier von fünf Fällen taucht Wild in 20 Metern Entfernung auf.

Ausweichen ist dann keine gute Idee. Denn gerade das hat häufig schlimme Folgen, weil Fahrer die Kontrolle verlieren und im Graben, am Baum oder im Gegenverkehr landen. Auch wenn es martialisch klingt: Besser ist es, voll draufzuhalten, nicht nur bei Fuchs und Hase, sondern auch bei Reh und Wildschwein. Die Gefahr, dass mehr passiert als ein Sachschaden, ist dank Airbag und Gurt eher gering. Und es ist allemal glimpflicher, mit Tempo 100 ein Reh zu treffen als einen Baum.

Zwar wird das Auto anschließend ziemlich verbeult aussehen, aber das hat auch einen Vorteil: Damit ist die Unfallursache klar, und die Versicherung muss zahlen. Das macht im Regelfall die Teilkasko, aber nur bei Haarwild: Hirsche, Rehe, Wildschweine, Füchse, Hasen, Dachse, Marder. Deshalb bekam ein Urlauber nichts, dem in Norwegen ein Rentier ins Auto gelaufen war. Rentiere sind kein Haarwild, entschied das Oberlandesgericht Frankfurt (Az. 7 U 190/02). Ebenfalls nicht versichert sind Unfälle mit Katzen, Hunden oder Vögeln.

Dasselbe gilt für Nutztiere wie Rinder und Pferde: Wem eine Kuh vors Auto läuft, der muss sich an den Bauern wenden. Den Glasschaden, wenn zum Beispiel die Frontscheibe zu Bruch geht, muss aber auch in solchen Fällen die Teilkasko übernehmen.

Nicht den Teilkaskoschutz riskieren

Wer hingegen ausweicht, riskiert den Teilkaskoschutz. Denn kleine Tiere sind allenfalls für Motorradfahrer ein Hindernis, das zum Sturz führen kann. Im Auto hingegen gilt es als grob fahrlässig, einem Hasen auszuweichen. Denn da sind keine schlimmen Schäden für Auto und Insassen zu erwarten (Bundesgerichtshof, Az. IV ZR 321/95). Wer ausweicht und im Graben landet, erhält daher nichts von der Versicherung.

Gerichte entscheiden aber unterschiedlich. So bewertete das Landgericht Marburg es als grob fahrlässig, einem Fuchs auszuweichen (Az. 2 O 80/05), das Oberlandesgericht Nürnberg hingegen nicht (Az. 8 U 1477/99). Das Amtsgericht Nördlingen hielt das Manöver bei einem Biber für gerechtfertigt (Az. 5 C 29/05).

Helfen kann es, wenn der Fahrer argumentiert, er habe im Schreck reflexhaft das Lenkrad verrissen (OLG Jena, Az. 4 U 1152/ 97). Doch da kommt es auf den Einzelfall an. Denn wer durch einen Wald fährt, muss immer mit Wildwechsel rechnen, selbst wenn dort kein Schild steht (Landgericht Coburg, Az. 11 O 722/00).

Auch bei größeren Tieren ist Ausweichen nur erlaubt, wenn das Risiko geringer ist als der drohende Schaden (Bundesgerichtshof AZ IV ZR 276/02). Deshalb bekam eine Fahrerin recht, die auf der Landstraße unterwegs war, als ein Reh am Straßenrand auftauchte, das Anstalten machte, auf die Fahrbahn zu laufen. Die Frau wich nach links aus, kam aber ins Schleudern und landete im Graben. Darin sah das Landgericht Limburg zwar einen Fahrfehler, aber keine grobe Fahrlässigkeit. Weil das Ausweichen gerechtfertigt war, musste die Teilkasko zahlen (Az. 2 O 137/09).

Fahrer steht in der Beweispflicht

Dabei hatte die Frau insofern Glück, als ihre Schwester auf dem Beifahrersitz saß. Sie konnte bezeugen, dass ein Reh der Straße gefährlich nahe gekommen war. Ohne Zeugen ist die Beweislage häufig schwierig, wenn keinerlei Spuren einer Kollision mit einem Tier zu finden sind.

Grundsätzlich steht der Fahrer in der Beweispflicht, dass tatsächlich ein Tier der Grund für den Unfall war und nicht zum Beispiel überhöhte Geschwindigkeit. Die Versicherungen wittern da schnell Betrug. Gelingt dem Fahrer der Beweis nicht, gibt es kein Geld von der Teilkasko, so das Oberlandesgericht Hamm (Az. 20 U 134/07).

Doch auch da kommt es auf den Einzellfall an. So gab das Landgericht Dresden einem Fahrer recht, obwohl er weder Zeugen noch Beweise liefern konnte. Dass Tiere plötzlich auftauchen, sei nun mal typisch für solche Unfälle, meinten die Richter. Außerdem gab es keine ernsthaften Anhaltspunkte für eine andere Unfallursache (Az. 15 S 0188/98). Ähnlich entschied das Landgericht Coburg, wo ein Fahrer den Unfallhergang detailliert geschildert hatte und der Straßenabschnitt bekannt war für häufigen Wildwechsel (Az. 32 S 137/05).

Einfacher mit einer Vollkaskopolice

Fein raus sind Autofahrer mit einer Vollkaskoversicherung, selbst wenn sie Schuld haben. Die muss zahlen, auch bei Federwild oder Haustieren, und auch, wenn der Beweis nicht zu führen ist. Allerdings stuft sie den Vertrag anschließend in eine schlechtere Schadenfreiheitsklasse zurück. Das wiederum passiert bei der Teilkasko nicht.

Tipp: Vollkaskokunden, die den Unfallhergang belegen können, lassen den Schaden besser von der Teilkasko regulieren.

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