Umzug ins Pfle­geheim Special

Pfle­geplatz finden. Irgend­wann kommt für viele Angehörige der Punkt, an dem klar wird: Jetzt müssen Profis ran.

Wird mehr Pflege nötig, als Angehörige zu Hause schaffen, kann ein Umzug ins Heim sinn­voll sein. Unser Special zeigt an einem Fall­beispiel, wie Familien einen Platz finden. Außerdem sagen die Pflege-Experten der Stiftung Warentest, was Sie beachten müssen, wenn Sie einen Pfle­geheim­vertrag unter­schreiben, und wie Sie die Finanzierung klären.

Plötzlich ein Platz im Pfle­geheim

Zurück nach Hause, das sei nicht sinn­voll. Das sagen die Ärzte Christian Matiack während eines langen Kranken­haus­auf­enthalts seiner Mutter Anneliese. Ende 2018 hatte die 76-Jährige plötzlich schwere gesundheitliche Probleme. Der Sohn solle lieber einen Platz in einem Pfle­geheim suchen, so heißt es im Kranken­haus. „Das war ein Schock für mich. Sie hat 14 Jahre allein in ihrer Wohnung gelebt, nach dem Tod meines Vaters“, erzählt der 47-jährige Berliner. „Bis dahin kam sie gut zurecht. Sie hatte nur eine Gangs­törung und dafür einen Rollator.“ Matiack ist allein­stehend und voll berufs­tätig. Er weiß, dass er seine Mutter nicht so zu Hause betreuen kann, wie es nötig wäre. Der Sozial­dienst im Kranken­haus gibt dem Sohn eine Liste mit Adressen von Pfle­geheimen im Bezirk. Damit beginnt die Suche.

Umzug ins Pfle­geheim Special

„Ich bin voll berufs­tätig und kann meine Mutter nicht so zu Hause betreuen, wie es nötig wäre. Ich könnte nicht 24 Stunden vor Ort sein und auch nicht jeden Tag nach ihr sehen. Außerdem bin ich keine Pflegefach­kraft. Ich wäre alleine damit und müsste das alleine stemmen, wenn irgend etwas wäre. Was da funk­tionieren würde oder auch nicht, müsste ich hinkriegen.“, Christian Matiack, 47, mit seiner Mutter Anneliese Matiack, 76

Unser Rat

Vorbereitung. Vor Beginn der Suche nach einem Pfle­geheim sollten Sie über­legen, was Ihnen wichtig ist, etwa die Nähe zum Wohn­ort oder eine bestimmte Ausstattung. Verschaffen Sie sich einen Über­blick über Ihre finanziellen Mittel.

Daten­bank. Suchen Sie im Internet nach Einrichtungen in der gewünschten Region. Portale wie Pflegelotse.de und Heimverzeichnis.de bieten Daten­banken an.

Besichtigung. Besuchen Sie ausgewählte Heime. Probieren Sie das Essen und sprechen Sie mit Bewohnern und Personal. Sogar Probewohnen ist möglich.

Informationen einholen. Betreiber von Pfle­geheimen müssen vor dem Vertrags­schluss über ihr Angebot informieren. Bestehen Sie auf die Informationen und vergleichen Sie diese mit dem Vertrag, den der Betreiber Ihnen dann vorlegt.

Vertrag prüfen. Lesen Sie alle Vertrags­unterlagen voll­ständig und gründlich. Unterzeichnen Sie einen Heim­vertrag nie ungelesen, auch nicht im Notfall. Lassen Sie sich Klauseln erklären und verlangen Sie Einblick in Gesetze, die zugrunde liegen. Lesen Sie Vertrags­anhänge: Sie können sich auf Leistungen beziehen, die extra kosten.

Beraten lassen. Lassen Sie sich beraten, wenn Fragen offen bleiben. Eine juristische Prüfung von Verträgen bietet für 60 Euro die Bundes­interes­senvertretung für alte und pflege­betroffene Menschen an (biva.de).

Zeit für Suche und Auswahl

Zwei Dinge sind bei der Suche nach einem Platz in einer geeigneten Pfle­geeinrichtung wichtig: sich gut zu informieren und sich ausreichend Zeit zu nehmen. Stehen Angehörige unter Druck, weil ein Mensch sofort eine voll­stationäre Versorgung braucht, kann ein vorüber­gehender Aufenthalt in einer Kurz­zeit­pflege die Lösung sein: Für einen begrenzten Zeitraum wird er in einer Pfle­geeinrichtung voll versorgt. Oft dient die Kurz­zeit­pflege dazu, die Warte­zeit auf einen dauer­haften Platz zu über­brücken. In der Zeit suchen Angehörige in Ruhe. Bei Anneliese Matiack war Kurz­zeit­pflege nicht nötig – sie blieb die sieben Wochen, in denen ihr Sohn suchte, im Kranken­haus.

Umzug ins Pfle­geheim Special

„Bei der Besichtigung der Heime hat sich mein Sohn manchmal ins Foyer gesetzt, um das Geschehen zu beob­achten und mit anderen ins Gespräch zu kommen. Außerdem hat er darauf geachtet, wie es dort riecht, ob die Bewohner gepflegt aussehen, wie die Ansprache durch das Personal ist. Wichtig war uns, dass das Heim ruhig gelegen ist, wie es auch meine Wohnung war.“, Anneliese Matiack im Pfle­geheim Haus Friedens­höhe in Berlin

Lage und Umfeld bedenken

Zuerst stellt sich die Frage nach dem Ort: Bevor­zugt die pflegebedürftige Person ein Heim, das in ihrer jetzigen Wohn­umgebung liegt, oder möchte sie in die Nähe von weiter entfernt lebenden Angehörigen ziehen? Soll die Einrichtung in der Stadt oder eher ländlich gelegen sein? Christian Matiack hatte klare Vorstel­lungen: „Meine Mutter hat 50 Jahre lang in einer ruhigen Seiten­straße gelebt. Deswegen kamen keine Heime infrage, die an einer Haupt­verkehrs­straße liegen.“

Daten­banken im Internet

Der Sohn recherchiert im Internet, hilf­reich sind Daten­banken wie Pflegelotse.de, Heimverzeichnis.de und Der-pflegekompass.de. Mithilfe der Post­leitzahl ermittelt er stationäre Angebote in der gewünschten Region und bekommt Listen mit Kontakt­daten und Preisen. Außerdem können Suchende Pfle­geheime anhand von Pfle­geschwer­punkten filtern, zum Beispiel nach einer Spezialisierung auf Demenz. Er besucht mehr­mals einen Pfle­gestütz­punkt. Die Stütz­punkte sind Beratungs­stellen, die Pflegekassen und Kommunen in vielen Orten einge­richtet haben. Sie informieren darüber, welche Pfle­geheime es in der Umge­bung gibt. Wo der nächste Pfle­gestütz­punkt ist, können Familien im Internet mit der Daten­bank des Zentrums für Qualität in der Pflege heraus­finden (bdb.zqp.de).

Kosten verstehen

Finanzielle Folgen. Im Blick haben müssen Angehörige und Pflegebedürftige die finanziellen Folgen, die eine Versorgung im Heim mit sich bringt. Auch Matiack treibt dieses Thema nach wie vor um: „Es geht um existenzielle Fragen für meine Mutter.“ Er zögert. „Und letzten Endes auch für mich.“ Irgend­wann seien Erspar­nisse und Rück­lagen aufgebraucht.

Zusammenset­zung der Kosten. Um gut planen zu können, müssen Familien lernen, wie sich die Kosten in Pfle­geheimen zusammensetzen, denn sie bestehen aus verschiedenen Posten. Da sind zum einen die Kosten für Pflege und Betreuung des Pflegebedürftigen. Nur an diesen beteiligt sich die Pflegekasse, sofern der Versicherte einen Pfle­gegrad hat (siehe Tabelle). Die pauschalen Zuschüsse, gestaffelt nach Höhe des Pfle­gegrades, reichen aber in aller Regel nicht aus, um die Pflege­kosten zu decken. Die Bewohner müssen den fehlenden Betrag aus eigener Tasche bezahlen. Doch das ist nicht alles.

Selbst zahlen müssen sie:

  • den einrichtungs­einheitlichen Eigen­anteil an den Pflege­kosten,
  • Unterkunft und Verpflegung,
  • Investitions­kosten und
  • Ausbildungs­umlage, sofern sie in der Einrichtung anfällt.

Immerhin 1 891 Euro monatlich müssen Heimbe­wohner derzeit im bundes­weiten Durch­schnitt selbst zahlen. Am güns­tigsten wohnten Menschen in Einrichtungen in Sachsen-Anhalt (1 331 Euro), am teuersten in Nord­rhein-West­falen (2 337 Euro). Reichen die eigenen finanziellen Mittel nicht, springt unter bestimmten Voraus­setzungen das Sozial­amt mit Hilfe zur Pflege ein oder enge Angehörige müssen dafür aufkommen (siehe Meldung Unterhalt für Eltern).

So viel zahlt die Kasse

Je nach Pfle­gegrad beteiligt sich die Pflegekasse an den Pflege­kosten.

Pfle­gegrad

Zuschuss pro Monat

Pfle­gegrad 1

125 Euro

Pfle­gegrad 2

770 Euro

Pfle­gegrad 3

1 262 Euro

Pfle­gegrad 4

1 775 Euro

Pfle­gegrad 5

2 005 Euro

      Kein Verlass auf Pflegenoten

      Sehr wichtig ist die Qualität eines Heims. Matiack liest online Prüfbe­richte der Heim­aufsicht für einzelne Häuser. Außerdem spucken Daten­banken neben Adressen und Preisen die Noten für die Einrichtungen aus. Diese vergibt der Medizi­nische Dienst der Krankenkassen (MDK) seit 2009. Experten üben jedoch massiv Kritik an den Noten. Sie sagen etwas aus über die Pflegedokumentation, zu der Pflege­dienste verpflichtet sind, nicht aber über die praktische Pflege selbst. Zu viele Einrichtungen schnitten dadurch sehr gut ab. Das sei wenig aussagekräftig und sogar irreführend. Im Herbst soll das Bewertungs­system umge­stellt werden. Pflegebedürftige und Angehörige können sich also nicht auf die derzeit veröffent­lichten Pflegenoten verlassen.

      Mit Bewohnern und Personal reden

      Heime in der engeren Wahl sollten Pflegebedürftige und Angehörige unbe­dingt besichtigen. Das geht auch unangemeldet. So hat es Christian Matiack gemacht. „Ich bin, zuerst informell, an Wochen­enden zu fünf, sechs Heimen gefahren, habe mir Prospekte aus den Foyers mitgenommen und die Häuser auf mich wirken lassen.“ Er hat dann die Prospekte zu Hause studiert und Termine mit den Einrichtungen seiner Wahl vereinbart. Vor Ort können Interes­sierte mit der Heimleitung, dem Pflege­personal und Bewohnern sprechen. Entscheidend sind nicht nur Lage, Ausstattung und Beschäftigungs­angebote des Pfle­geheims, sondern auch die Qualifikation des Pflege­personals und sein Umgang mit den Bewohnern.

      Check­listen für die Heim­suche

      „Gespräche und Führungen durch die Häuser sind wichtig. Mir hat dabei eine Check­liste geholfen, die ich aus diversen Check­listen aus dem Internet zusammen­gebastelt hatte“, erzählt Matiack. „So konnte ich alle für mich wichtigen Punkte klären, ohne etwas zu vergessen.“ Check­listen für die Heim­suche bietet auch unser Pflege-Set.

      Auch betreutes Wohnen kann eine Alternative sein

      Über Wochen schaut sich der Sohn Pfle­geheime an, informiert sich aber auch über andere Wohn­formen wie Betreutes Wohnen. Er führt Gespräche mit Ärzten, Fachleuten und Freunden. Er möchte die richtige Versorgung für seine Mutter sicher­stellen – und findet nach fast sieben Wochen ein Heim.

      Umzug wegen Demenz: Kein Kündigungs­recht

      Mieter, die wegen einer Demenz­erkrankung in ein Pfle­geheim müssen, haben kein Recht, ihren Miet­vertrag frist­los zu kündigen (Land­gericht Berlin, Az. 64 S 2/19). Einem demenz­kranken Mieter bleibt nur, den Miet­vertrag ordentlich mit Drei­monats­frist zu kündigen. Wer erst mit dem Umzug ins Pfle­geheim kündigt, zahlt also für drei Monate Miete, obwohl er in der Wohnung nicht mehr lebt. Möglicher­weise wäre der Mieter im entschiedenen Fall früher aus dem Vertrag gekommen, wenn er dem Vermieter einen Nach­mieter angeboten hätte. Doch das hatte er nicht getan.

      Gesetzliche Grenzen für Heim­verträge

      Ist die Entscheidung für ein Pfle­geheim getroffen, schließen der künftige Bewohner – oder sein Bevoll­mächtigter – und der Betreiber der Einrichtung einen schriftlichen Vertrag. Er ist die recht­liche Grund­lage für den Aufenthalt in der Einrichtung. Der Heim­träger über­lässt dem Pflegebedürftigen Wohn­raum und sorgt für seine Pflege und Betreuung. Dafür zahlt dieser ein vereinbartes Heim­entgelt. Vieles, was in einem solchen Vertrag vereinbart wird, regelt das Wohn- und Betreuungs­vertrags­gesetz, kurz WBVG. Es enthält verbraucherfreundliche Vorschriften für alle Miet­verträge, die im Zusammen­hang mit Pflege- oder Betreuungs­leistungen stehen. Das hat zur Folge, dass Klauseln im Vertrag unwirk­sam sind, die zum Nachteil des Bewohners von den Rege­lungen des WBVG abweichen. Außerdem macht das Gesetz klare Vorgaben, was unbe­dingt im Heim­vertrag stehen muss.

      Tipp: Die Stiftung Warentest hat sich das Klein­gedruckte von Pfle­geheim­verträgen angeschaut. Die Ergeb­nisse unserer Stich­probe finden Sie im Test Pflegeheimverträge.

      Unterlagen genau lesen

      Das WBVG hilft Pflegebedürftigen bereits, bevor sie einen Vertrag unter­schreiben. Betreiber von Heim- und Pfle­geeinrichtungen sind demnach verpflichtet, ihre Interes­senten früh­zeitig und verständlich über ihr Angebot zu informieren. Sie müssen klar sagen, was sie an Pflege und Betreuung bieten und das Konzept ihrer Einrichtung erläutern. So soll sicher­gestellt werden, dass Interes­senten genug Zeit haben, um die Informationen zu lesen, mehrere Pfle­geheime zu vergleichen und sich – auch mit Dritten – zu beraten.

      Die Unterlagen des Pfle­geheims müssen:

      • Angaben über Lage und Ausstattung der Einrichtung und den angebotenen Wohn­raum enthalten,
      • über Kosten informieren und zwar aufgeschlüsselt nach Wohn­raum, Verpflegung sowie Pflege- und Betreuungs­leistungen. Außerdem müssen Investitions- und mögliche Ausbildungs­kosten angegeben sein,
      • die Ergeb­nisse – Gesamt­noten und ihre Unternoten – aus den Qualitäts­prüfungen durch den Medizi­nischen Dienst der Kranken­versicherung (MDK) umfassen.

      An ihre vorvertraglichen Versprechen sind Betreiber beim Vertrags­schluss gebunden. Der Vertrag muss die einzelnen Leistungen des Unternehmers enthalten und Kosten für den Bewohner aufschlüsseln.

      Vertrag professionell checken lassen

      Ganz wichtig: Nur wenn der Anbieter im Vertrag deutlich schreibt, dass eine Regelung von bisherigen Informationen abweicht und dies etwa durch Fett­druck oder Unter­streichung hervorhebt, gilt sie. Sonst dürfen Zusagen und tatsäch­liche Vertrags­bedingungen nicht voneinander abweichen. Trotz der gesetzlichen Sicherung sollten künftige Heimbe­wohner und Angehörige den Vertrag gründlich lesen und mit allen Vorabinformationen vergleichen. Sonst laufen sie Gefahr, eine Vereinbarung zu unter­schreiben, die nicht ihren Vorstel­lungen entspricht. Professionelle Hilfe bei der Prüfung des Heim­vertrags bietet etwa die Bundes­interes­senvertretung für alte und pflege­betroffene Menschen (siehe „Unser Rat“ oben).

      Platz für Anneliese Matiack

      Seit Februar 2019 wohnt Anneliese Matiack in der evangelischen Pfle­geeinrichtung „Haus Friedens­höhe“ im Norden Berlins. Christian Matiack zieht ein Resümee: „Bei der Heim­suche war ich mit so viel Neuem konfrontiert, zusammen mit dem Job war ich sieben Tage im Einsatz, über Monate. Teil­weise stand ich unter enormem Druck, weil das Kranken­haus meine Mutter endlich entlassen wollte. Auch nach dem Umzug war viel zu tun. Nun bin ich einfach froh, dass das Heim gut passt.“ Zunächst unge­wohnt: Nur ein Doppel­zimmer war frei. Doch seine Mutter versteht sich mit ihrer 100-jährigen Zimmernach­barin sehr gut. „Sie ist aktiver und fröhlicher, nimmt gerne am gemein­samen Singen, am Quiz und an der Gymnastik teil.“

      Ratgeber Pflege-Set

      Umzug ins Pfle­geheim Special

      Wer pflegebedürftig ist, hat Anspruch auf umfassende finanzielle Hilfen. Ist die Pflege passend organisiert, können Betroffene noch viele gute Jahre haben, und pflegende Angehörige sind dann nicht über­fordert. In unserem Spezial „Pflege-Set“ steht, was zu beachten ist, um die Pflege eines Menschen auf stabile Beine zu ­stellen. Außerdem informieren wir über Wohn­formen im Alter, Haus­notrufe und osteuropäische Pfle­gekräfte. Beim Schrift­verkehr helfen unsere Formulare, Check­listen und Muster­briefe. Den Ratgeber Das Pflege-Set gibt es für 12,90 Euro in unserem test.de-Shop und als Paperback ab 15. Oktober 2019 im Buch­handel.

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