Übersäuerung Meldung

Einige Nahrungsmittel bewirken eine verstärkte Ansäuerung das Harns.

Ist der moderne Mensch zu sauer? Macht uns zu viel Säure im Körper krank? Können wir das mithilfe von Harn- oder Hauttests erkennen?

Messen, messen, messen. Morgens, mittags, abends und am besten auch zwischendurch. So extrem betreiben es einige Anhänger der Übersäuerungstheorie nach dem Motto „Im Harn ist Wahrheit“. Ist es wirklich wichtig, seinen Urin so genau zu ergrün­den? Um es gleich vorweg zu sagen: Wir halten solche Tests für überflüssig, für „nicht sinnvoll“ (siehe Tabelle), doch einige alternative Medizin- und Ernäh­rungs­leh­ren empfehlen Harntetsts zur Gesundheitskontrolle.

Krankheit unserer Tage?

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Teststreifen: Zeigt an, wie sauer der Harn ist.

Sie führen eine ganze Reihe von Erkrankungen auf die Übersäuerung des Organismus zurück. Leistungsabfall und Kon­zen­trationsstö­rungen werden heraufbe­schworen, aber auch Gicht, Rheuma, Darm­erkrankungen und sogar Krebs. „Übersäuerung – die Krankheit unserer Tage“ heißt zum Beispiel eines der zahlreichen Bücher, die in den vergangenen Jahren zum Thema erschienen sind.

Schon in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts glaubte der schwedische Lebensreformer Are Waerland an „Übersäuerung als Grundursache der Krankheiten“, eben­so der amerikanische Heilpraktiker und Arzt Howard Hay, Begründer der Trennkost. Heutzutage tauschen sich Besucher von Internetforen über den Zusammenhang von Ernährungsgewohnheiten, Gesundheitsproblemen und Urin­säurewerten aus.

Fleisch kontra Obst

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Teststift: Hautsäuretest in der Armbeuge.

Im Zentrum der guten Ratschläge gegen die Übersäuerung steht meist die Ernährung. Schon Howard Hay plädierte dafür, weniger säurebildende Nahrungsmittel wie Fleisch zu verzehren und basenbildende – hauptsächlich Obst und Gemüse – zu bevorzugen. Auch die Fit-for-Life-Diät, die vor einigen Jahren aufkam, hat die Idee aufgegriffen, mit der Ernährung einem Übersäuern des Organismus und somit etlichen Erkrankungen entgegenzuwirken. Die umständlichen, wis­senschaftlich unbegründeten und teil­­weise gefährlichen Regeln lauten: Kohlenhydrate und Eiweiß nicht gleichzeitig verzehren (Tren­nkost), vormittags nur Obst essen, keine Milch trinken (Fit-for-Life-Diät).

Zeitgenössische Verfechter der Übersäuerungstheorie beziehen sich zumindest indirekt auf ihre Vorgänger und raten vor allem von eiweißreichen Lebensmitteln wie Fleisch, Fisch, Käse, Eiern, aber auch von Süßigkeiten und Weißmehlprodukten ab. Zur Kontrolle sollen regelmäßig die Säurewerte des Urins ermittelt werden (siehe auch Text „Saurer Urin“, und Tabelle).

Grundlagen gesunder Kost

Mit der Auswahl der Lebensmittel liegen die Außenseiterdiäten dabei gar nicht immer so weit entfernt von der etablierten Ernährungswissenschaft. Weniger Fleisch und fetthaltige Lebensmittel, mehr Vollkorngetreideprodukte, Obst und Gemüse – das sind generell die Grundlagen einer gesunden Kost, wie sie auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt. Mit der aus alternativer Sicht heraufbeschworenen Übersäuerung hat diese Ernährungsform aber nichts zu tun. Ihr Ziel ist eine ausgewogene Ernährung: abwechslungsreiche Auswahl, geeignete Kombination und angemessene Menge kalorienarmer, jedoch vitamin- und nährstoffreicher Lebensmittel – ein Ziel, das die Mehrheit der Bundesbürger noch längst nicht erreicht hat: Sie frönt noch immer Fett und Fleisch und vernachlässigt Obst und Gemüse.

Werbung oder Wahrheit?

Auch Pharmafirmen kurbeln das Interesse am Thema an. „Wir kennen die Schäden, die die Übersäuerung – der saure Regen – in der Natur anrichtet“, heißt es zum Beispiel in einer Broschüre über Bullrich’s Vital. „Böden verlieren wertvolle Mineralien, Pflanzen gedeihen nicht mehr. Der Wald stirbt. Auch der Körper kann nur in einem ganz bestimmten Säure-Basen-Verhältnis (pH-Bereich) optimal arbeiten. Ist dieses unausgewogen, laufen viele Vorgänge im Körper nicht mehr optimal ab.“

Puffersysteme für das Gleichgewicht

Für das Konzept der Übersäuerung als Krankheitsursache gibt es jedoch keine naturwissenschaftlichen Beweise. Zwar ent­­stehen bei der Verdauung von Lebensmitteln und anderen Stoffwechselprozessen überwiegend saure Endprodukte. Doch der menschliche Körper ist seit Jahrtausenden darauf eingerichtet. Verschiedene Puffersysteme gewährleisten das Gleichgewicht von Säuren und Basen im Blut genauso wie in den einzelnen Körperzellen.

Blutwerte konstant

Als Kenngröße des Säure-Basen-Haushalts dient der so genannte pH-Wert. Er ist ein Maß dafür, wie sauer oder basisch eine Lösung ist: Der pH-Wert 7 zeigt ein ausgeglichenes oder neutrales Verhältnis von Säuren und Basen an. Werte unter 7 zeigen einen Überschuss an Säuren, pH-Werte dar­über machen dagegen einen Überschuss an Basen deutlich (siehe Infografik). Haut und Urin sind beispielsweise meist leicht sauer.

Um Schwankungen des Säure-Basen-Haushalts festzustellen, wird der pH-Wert des Blutes gemessen. Das Regulationssystem hält ihn in sehr engen Grenzen um 7,4 konstant. Kommt es durch einen Säureüberschuss zu einem Abfall des pH-Werts im Blut unter 7,36, entsteht eine Übersäuerung (Azidose), steigt der Wert durch Basenüberschuss auf 7,45 oder darüber an, spricht man von einer Alkalose. Werte unter 6,8 oder über 7,8 sind Folgen einer hochgradigen Stoffwechselentgleisung und führen zu schwerwiegenden Komplikationen. Das kommt allerdings sehr selten vor (siehe Text „Saures Blut“).

Saurer Urin normal

Um die Funktionsfähigkeit der Puffersysteme zu erhalten, scheidet der Organismus die abgepufferten Säuren aus. Es gibt mehrere Mechanismen, um saure „Abfälle“ zu entsorgen. Den überwiegenden Teil der Säuren scheidet der Körper in Form von Kohlendioxid über die Atmung aus. Den Rest filtern die Nieren aus dem Blut und scheiden ihn mit dem Urin aus.

Gesunde Menschen, die sich normal ernähren, haben einen Urin-pH-Wert zwischen 5,5 und 7. Medizinisch gesehen ist saurer Urin also völlig normal. Teststreifen, die den Säurewert des Urins feststellen sollen, decken diesen Normbereich ab. Durch sie ermittelte Messwerte geben also keinen Anlass zur Besorgnis. Eine Übersäuerung des Organismus ist auf diese Weise nicht zu erkennen.

Krankheiten nicht zu erkennen

Die meisten Käufer der Teststreifen erwarten aber vermutlich genau das. Deshalb wollten wir wissen, wie seriös die Anbieter solcher Produkte telefonische oder schriftliche Anfragen zum Sinn und Zweck des Urinsäuretests beantworten. „Welche Krankheiten kann ich mithilfe des Teststreifens erkennen?“, lautete zum Beispiel eine der Fragen unserer Tester. Eine Beraterin von Rebasit (siehe Tabelle) antwortete richtig, dass Krankheiten so nicht zu erkennen sind, fügte aber hinzu, dass ein „sau­res“ Ergebnis auf eine Stoffwechselschwäche des Kör­pers hindeute – eine irreführende und verunsichernde Aus­sage. Neben einer Ernährungsum­stellung empfahl sie die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln, wie sie der Hersteller von Rebasit ebenfalls vertreibt.

Keine konkrete Antwort

Das empfiehlt auch Bullrich’s Vital (siehe Tabelle). Auch dessen Anbieter schwört auf seine eigenen Produkte: Bullrich’s Vital Tabletten oder Pulver. Die sollen im Übrigen sowohl bei „saurem“ als auch bei „basischem“ Urin eingenommen werden. Allerdings gab es nur einen Standardantwortbrief mit allgemeinen Informationen zu den Harnteststreifen, außerdem eine Firmenbroschüre. Konkrete Antworten auf die gestellten Fragen bekamen die Testkunden kaum.

Hauttest überflüssig

Ein weiteres Produkt, mit dessen Hilfe eine Übersäuerung ermittelt werden soll, ist der Toxikator (siehe Tabelle) – ein Teststift, der auf die Haut aufgetragen wird. In der Armbeuge soll ein Farbumschlag von Blau nach Rot einen Säureüberschuss anzeigen – je länger das dauert, um so saurer die Haut. Doch eine saure Hautoberfläche ist normal. Der „Säureschutzmantel“, ein feiner wasser- und fetthaltiger Film, schützt vor bakteriellen In­fektionen und sorgt dafür, dass die Haut elastisch bleibt und nicht austrocknet.

Der Säure-Basen-Status der gesunden Haut reguliert sich weitgehend unabhängig von anderen Stoffwechselprozessen im Körper. Er unterliegt jedoch äußeren Einflüssen, beispielsweise Seifen oder Kosmetika. Ein Säuretest der Haut ist aus diesen Gründen nicht sinnvoll – er liefert keine Erkenntnisse über Krankheiten oder eine Übersäuerung des Organismus.

Verunsichernde Auskunft

Berater des Teststift-Anbieters wiesen bei den Anfragen unserer Tester zumindest darauf hin, dass Krankheiten anhand der Verfärbung nicht zu erkennen sind. Eine Übersäuerung könne aber einen „ungünstigen Betriebszustand des Kör­pers“ zeigen – eine medizinisch irreführende und verunsichernde Auskunft. Weitere Empfehlungen gegen Übersäuerung: Ernährungsumstellung, Nahrungsergänzungsmittel und viel Bewegung.

Wichtige Stoffwechselaufgabe

Fazit: Es gibt keine Hinweise darauf, dass der Körper eines gesunden Menschen mit der Säureausscheidung überfordert wäre – im Gegenteil, das ist eine wichtige Stoffwechselaufgabe. Aus medizinischer Sicht ist die Messung des Urin- oder Haut-pH-Werts deshalb nicht sinnvoll – abgesehen von einer Ausnahme: bei Harnsäuresteinen (siehe Text „Ein Sonderfall“). Aussagekräftig sind ansonsten nur die Blutwerte.

Bei unserem Beratungstest kam zudem der Verdacht auf, dass die Firmen vor allem den Verkauf ihrer Nahrungsergänzungsmittel ankurbeln wollen. Bei den Teststreifen Bullrich's Vital steht schon direkt auf der Packung: „Zur Unterstützung des Ausgleichs des Säure-Basen-Haushalts verwenden Sie Bullrich’s Vital Basen-Tabletten oder Basen-Pulver mit einer speziellen Kombination wertvoller Mineralien.“

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