Überaktive Kinder Meldung

Ärzte verordnen "auffälligen" Kindern immer häufiger die Psychodroge Ritalin ­ oft vorschnell, nach nicht korrekter Diagnose. Alternativen werden dagegen selten genutzt.

Berlin-Charlottenburg: Der erst einjährige Leonardo ist mit seiner Mutter zur Eltern-Kind-Beratungsstelle gekommen. Die Mutter sucht Rat. Weil ihr Junge herumzappelt und häufig nervt, hat sie den Verdacht, er könne hyperaktiv sein. Leonardo entdeckt Bauklötze. Er nimmt sich ein Klötzchen, spaziert damit zum Fenster, legt es auf den Heizkörper, lässt es hinunterfallen. Das gefällt ihm. Er rennt zurück und wiederholt das Spiel. "Sehen Sie nur, was er macht", ruft die Mutter. "Man kann überhaupt nicht zur Ruhe kommen!"

"Er hat gerade die Schwerkraft entdeckt", sagt dagegen die Therapeutin. "Dafür sollten Sie ihn eigentlich belohnen. Positive Verstärkung ist für Ihr Kind ungeheuer wichtig."

Ratlose Eltern

Überaktive Kinder Meldung

Für die Familientherapeutin Herma Michelsen von der Erziehungs- und Familienberatungsstelle in Charlottenburg ist das der typische Fall einer Mutter, deren Kind nicht den elterlichen Erwartungen entspricht. Mit dem, was Ärzte heute als Aufmerksamkeitsdefizit / Hyperaktivitäts-Disposition (ADHD) bezeichnen, muss das Verhalten gar nichts zu tun haben.

Andererseits ist bei wirklich betroffenen Kindern schon früh eine Verunsicherung der Eltern festzustellen, weil die Säuglinge zum Teil auf Blickkontakt und Berührung nicht erwartungsgemäß reagieren. Die Babys schreien häufig, reagieren kaum auf Tröstung und spucken viel. Sie haben einen verschobenen Schlaf-Wach-Rhythmus. Eltern haben das Gefühl, "vor die Wand zu laufen". Die Irritationen setzen sich fort. Veränderte Entwicklungsphasen und "unerzogenes" Verhalten können dazu führen, dass die Eltern selbst mit der Diagnose ADHD zum Arzt kommen und erwarten, dass er das unerwünschte Verhalten ihres Kindes entsprechend mit Medikamenten behandelt.

Als Gegenmittel setzen Ärzte hauptsächlich Ritalin ein. Es ist hochwirksam, unterliegt dem Betäubungsmittelgesetz und wird zur Entlastung aller Beteiligten verschrieben. Seltener werden auch andere Psychopharmaka angewendet, die teilweise durch die Behandlung von Ängsten und Depressionen bekannt sind.

In Berlin wird das beruhigende Ritalin (Substanzname: Methylphenidat) etwa dreimal so oft verschrieben wie in Hamburg, der Großstadt mit der zweithöchsten Verschreibungspraxis, mitunter sogar hoch dosiert. Schädliche Nebenwirkungen und Langzeitfolgen für Körper und Psyche sind nicht auszuschließen.

Hochburg des Berliner Ritalin-Booms ist Charlottenburg. So etwas spricht sich schnell herum, vor allem bei verunsicherten Eltern.

Die Diagnose ADHD wird oft nicht vom Facharzt, sondern von einem Allgemeinmediziner gestellt, der den Aufwand mit Betäubungsmittelformularen nicht scheut. Zeitmangel führt zu schnellen Diagnosen. Und das Geschäft brummt: Die Anzahl verschriebener Tagesdosen ist innerhalb von zehn Jahren um das 28-Fache gestiegen. Eine Tagesdosis verteuerte sich um 85 Prozent, der Gesamtumsatz hat sich verfünfzigfacht. Mehr als 95 Prozent der Verordnungen werden für Kinder und Jugendliche von 5 bis 19 Jahren ausgestellt.

"Vielfach ist aber nur ein belasteter familiärer Hintergrund die Ursache für die Unruhe", sagt Herma Michelsen. Sorgerechtsprobleme, Suchterkrankungen oder Schulden führten zu familiären Spannungen. Ein inkonsequenter Erziehungsstil und mangelnde Geduld beim Erziehen belaste Kinder und Eltern. Die wissen oft nicht, wie sie erziehen sollen. Konzepte für Disziplin lehnen die Erziehungsberechtigten als überkommen ab, neue eindeutige Regeln fehlen.

Solche Problematiken sind häufig der Hintergrund von Auffälligkeiten, nicht aber eine Krankheit. Kinder brauchen verlässliche Strukturen, um sich zu orientieren und selbst zu organisieren. Rhythmische Erziehung, Reime, Lieder, Bewegung ­ alles, was Kinder beruhigen kann, ist vielfach unüblich geworden. Es fehlt an einfühlsamer, geduldiger Zuwendung.

Die Folge ist häufig auffälliges Verhalten. Sie können nicht still sitzen, sind stets ziellos in Bewegung, reden ohne Unterlass, springen über Tisch und Bänke, zerstören Spielzeug und Arbeitsmaterialien. Sie sind für jede Ablenkung zu haben, rempeln andere an, können sich nicht konzentrieren und haben keine Ausdauer.

Wegen einer Lernstörung droht vielen dieser Kinder die Sonderschule. Etwa 20 Prozent der Minderjährigen in Deutschland gelten als verhaltensauffällig. In der Bundeshauptstadt finden sich besonders viele Störenfriede.

Der Volksmund nennt solche Kinder "Zappelphilipp". Meist gelten sie einfach als schlecht erzogen. Doch manche der Auffälligen weisen Symptome der Krankheit ADHD auf.

Pilotprojekt "Unruhige Kinder"

Herma Michelsen und ihre Kollegen versuchen, Kinder an Ritalin vorbeizusteuern. Eltern, deren Kinder ergotherapeutisch behandelt wurden, können an einer Elterngruppe teilnehmen. Nach einem Gespräch mit den Ärzten werden den Eltern Informationsaustausch und Rollenspiele angeboten. Jeweils eine familiäre Spielsituation wird mit Video festgehalten. Ergebnis des ersten Durchgangs: Von sechs unruhigen Kindern (davon drei mit der ärztlichen Diagnose ADHD) war nur ein einziges wirklich von ADHD betroffen. Bei den anderen lag die Ursache für die Unruhe überwiegend in der familiären Situation.

Weiterhin konzentriert sich das Projekt auf das separate Training von Kindern und Eltern, die anschließend zusammengeführt werden. Wenn Eltern Konflikte ihrer Ursprungsfamilie übertragen, die ihr Erziehungsverhalten trotz Trainings negativ beeinflussen, wird ihnen eine eigene Psychotherapie empfohlen. "Denn das Kind-Verhalten ändert sich meist, wenn die Eltern gelernt haben, von klein an klare Handlungsanleitungen zu geben", sagt Herma Michelsen.

Schulprobleme

Die Schule ist das erste außerfamiliäre System, das abweichendes Verhalten auf Dauer nicht toleriert. Weil die Kinder alle anderen nerven, werden sie rasch zu Außenseitern und leiden sehr darunter, weil sie sehr kreativ und auch zu ungewöhnlichen Leistungen befähigt sind. Oft spielen sie den Klassenclown. Lehrer informieren die Eltern. Danach ist es meist Zufall, an wen die Kinder geraten. "Hausärzte, Kinderärzte oder schulpsychologische Dienste sind meist nicht zu einer differenzierten neuropsychiatrischen Diagnosestellung befähigt", sagt Barbara Högl vom Arbeitskreis Überaktives Kind. Eine Verschreibung ohne sorgfältige Diagnose ist ihrer Meinung nach unverantwortlich.

Dr. med. Wolfgang Droll, Kinder- und Jugendpsychiater in Charlottenburg, hat in zehn Jahren 2.000 Kinder medikamentös behandelt. Er hält Ritalin als Basistherapie für unabdingbar: "Kinder mit ADHD sind stark unfallgefährdet, laufen manchmal einfach so über die Straße. In seltenen Fällen muss man schon dreijährigen schwerstgefährdeten Kindern Methylphenidat geben." In der Pubertät wären diese Kinder hochgradig gefährdet, kriminell oder drogenabhängig zu werden. Mädchen würden häufig sehr früh schwanger. Der Arzt: "Diesen Kindern muss man die Chance einer positiven Lebensperspektive ermöglichen."

Kritische Stimmen aus Selbsthilfegruppen sehen das anders. "Eine Veränderung der Bedingungen ist notwendig. Die ermöglichen dem Kind, sich selbst zu organisieren und zu steuern", sagt Barbara Högl. "Nur Medikamente zu geben ist so, als würde man einem Ertrinkenden vom Schiff aus einen Rettungsring zuwerfen, und dann fröhlich weiterfahren."

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