Interview: „Dem Einbrecher einen Fluchtweg lassen“

Reinhard Kautz ist als Kriminalhauptkommissar Seminarleiter für verhaltensorientierte Gewalt- und Kriminalprävention und leitet das Anti-Gewalt-Projekt der Berliner Polizei. Er ist Autor des im Knaur Verlag erschienenen Buches „Handeln statt wegsehen“.

Für viele ist es ein Alptraum: Einbruch. Wie soll man sich verhalten?

Entscheidend wichtig ist, sich dem Täter niemals in den Weg zu stellen. Man muss ihm und sich selbst eine Fluchtmöglichkeit offen lassen. Also tagsüber dafür sorgen, dass man die Tür von innen öffnen kann. Erst später, wenn der Täter weg ist, Nachbarn und Polizei alarmieren.

Und wie sieht es in der Nacht aus?

Zuerst einmal schläft man im Einfamilienhaus oder im Mietshaus Parterre nicht bei offenem, höchstens bei gekipptem Fenster. Nehmen Sie Geräusche ernst. Wenn Täter beispielsweise etwas umgeworfen haben, warten sie manchmal regungslos über eine lange Zeit, um die Bewohner in Sicherheit zu wiegen. Die Schlafzimmertür sollte also offen sein, um möglichst viel mitzubekommen. Legen Sie das Telefon oder das eingeschaltete Handy neben Ihr Bett und scheuen Sie sich nicht, bei verdächtigen Geräuschen 110 anzurufen.

Was aber, wenn der Täter schon nahe ist, vielleicht im Schlafzimmer steht?

Stellen Sie sich am besten schlafend. Einbrecher sind in der Regel keine Gewalttäter und vermeiden wenn möglich körperliche Auseinandersetzungen. In die Enge getrieben, können aber auch sie lebensbedrohlich werden. Man weiß ja nie, wen man vor sich hat, ob ein Täter bewaffnet ist oder nicht, wie hart ihn eine Festnahme trifft. Ein Drogenabhängiger weiß zum Beispiel, dass er bei der Polizei vorerst nicht mehr an Stoff kommt. Entsprechend stark ist sein Fluchtimpuls. Die Alarmglocken müssen schrillen, wenn man als Täter einen Bekannten oder sogar Verwandten erkennt. Hier ist höchste Gefahr im Verzuge, weil solche Täter in Panik geraten können und ihre Tat unter allen Umständen vertuschen wollen. Hier ist die Flucht der einzige Weg. Sofort den Ort verlassen – keine Vorwürfe, keine Diskussionen, den Täter nicht bei der Flucht aufhalten. Aus sicherer Entfernung kann man dann Meldung machen, sich das weitere Vorgehen in Ruhe überlegen.

Und wie steht es, wenn man nach Hause kommt und Einbruchspuren entdeckt?

Die Wohnung nicht betreten, denn der oder die Einbrecher könnten noch vor Ort sein. Erst Hilfe organisieren bzw. Polizei alarmieren. Fliehen die Täter, nicht in den Weg stellen. Das Handy ist übrigens ein hilfreiches Mittel, um Täter aus sicherer Distanz zu verfolgen und den Fluchtweg an die Polizei weiterzugeben. Probieren Sie mal von zu Hause aus, ob sich bei einem Anruf unter 110 auch Ihre regional zuständige Polizei meldet. Wenn Sie das als Testanruf deklarieren, nimmt es kein Beamter übel.

„Hier wache ich“, heißt es an vielen Türen. Sind Hunde ein Sicherheitsgewinn?

Der Hund ist der absolute Hammer. Als Einbruchschutz ist er unübertroffen. Dabei muss es kein Schäferhund, Rottweiler oder Pitbull sein – auch der Yorkshire-Terrier, Dackel oder Pudel tut seine Dienste als Alarmmelder und schreckt durch seine bloße Existenz ab. Darüber dürfen wir aber die enorm wichtige Nachbarschaftshilfe nicht vergessen.

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