Trekkingrad von Norma Schnelltest

Die Fahrrad-Saison hat begonnen. Ein Sonderangebot jagt das nächste. In dieser Woche tritt Norma mit einem Trekkingrad für 199 Euro an. Wie sich das Billig-Rad fährt und ob es sicher ist, klärt der Schnelltest.

Technik von vorgestern

Von weitem sieht das Trekkingrad aus dem Norma-Angebot wie ein ganz normales Fahrrad aus. Bei genauerem Hinsehen allerdings wird erkennbar, wie der Anbieter den Preis gedrückt hat: Die meisten Teile kommen, sofern denn die Herkunft überhaupt erkennbar ist, aus Taiwan und China. Federgabel und Schaltung sind einfachster Machart und wie die übrigen Komponenten technisch längst überholt. Für die meisten Markenanbieter sind solche Teile seit Jahren nur noch Altmetall. Sie verbauen überwiegend mindestens zwei Generationen weiter entwickelte Fahrradtechnik. Allerdings: Trekkingräder mit halbwegs aktueller Technik kosten ab etwa 500 Euro. Für aktuelle Toptechnik verlangen Fahrradhändler meist 1 000 und mehr Euro. Und: Alt heißt nicht unbedingt schlecht.

Suche nach der richtigen Einstellung

Erste Probleme gibts schon vor dem Start. Eigentlich sind nur die Pedale festzuschrauben sowie Sattel und Lenker in Position zu bringen. Mitgeliefert sind 5er und 6er-Inbusschlüssel für Lenker und Sattel. Der 15er-Maulschlüssel für die Pedale fehlt dagegen. Auch mit dem passenden Schraubenschlüssel tut sich der Laie jedoch schwer. Der Aufkleber mit dem Hinweis auf das Linksgewinde in der linken Kurbel ist leicht zu übersehen und die „L“ und „R“-Kennzeichnung auf der Stirnseite der Pedalachse schwer zu finden. Der Schnellspanner am Sattelrohr sitzt derart fest, dass er von Hand kaum zu lösen ist. Viel lockerer allerdings geht auch nicht. Der Sattel hält dann nicht. Die Vorderradbremse schleift an der Felge und braucht eine neue Einstellung, und die Schaltung funktioniert auch erst nach zahlreichen Drehungen an den Einstellschrauben halbwegs ordentlich.

Schlechte Chancen für Anfänger

Fahrrad-Anfänger dürften schon vor der ersten Fahrt ziemlich genervt sein. Wer sich nicht auskennt und für die Einstellung der Schaltung die Bedienungsanleitung zu Rate ziehen muss, hat es schwer. Die Erklärungen sind zum Teil kaum nachvollziehbar und an einzelnen Stellen schlicht falsch. „Der optimale Reifendruck liegt zwischen 2,5 und 3,5 bar“, steht da. Laut Beschriftung der Reifenflanke benötigen die montierten Reifen jedoch mindestens 3,5 bar. Bis zu 6,0 bar sind danach zulässig und zumindest bei guter Fahrbahn zur Verringerung des Rollwiderstands auch sinnvoll.

Mängel bei Montage

Die Montagequalität ist auch jenseits der Schaltungseinstellung bescheiden. Die Räder sind nur oberflächlich zentriert und die Speichenspannung ziemlich gering. Die rechte Kurbel mit den Kettenblättern und die Tretlagerachse sind entweder verzogen oder falsch montiert. Jedenfalls eiern die Kettenblätter erheblich. Auch die Kettenlinie stimmt nicht. Das mittlere Kettenblatt vorn und die Mitte des Ritzelpakets hinten liegen fast einen Zentimeter aus der Flucht. Die Folge: Für den Umwerfer ist keine Einstellung zu finden, bei der alle 20 Gänge einwandfrei funktionieren, die bei einer 24-Gang-Kettenschaltung mindestens nutzbar sein sollen. Zu allem Überfluss sind Kurbel und Tretlager wenig steif. Bei kräftigen Tritten ins Pedal verwindet sich die Antriebseinheit und die Kette schleift noch häufiger und stärker am Umwerfer als ohnehin schon.

Komfort beim Fahren

Beim Fahren schlägt sich das Norma-Fahrrad überraschend gut. Voraussetzung ist eine gewisse Größe. Das getestete Herrenmodell erfordert eine Schritthöhe von mindestens rund 80 Zentimetern. Dafür passts auch für Zeitgenossen mit bis zu etwa 95 Zentimeter langen Beinen. Die Sitzposition entspricht eher der eines City- denn der eines Trekkingrads: Aufrecht, komfortabel und entspannt. Das ist nicht sportlich, aber dafür bequem. Dazu passt die insgesamt kurze Übersetzung. Hohes Tempo ist nicht drin, aber für entspanntes Radeln passt sie gut. Im ersten Gang ist das Rad untersetzt. So sind eigentlich auch heftige Steigungen mit über 10 Prozent zu schaffen. Allerdings liegt der Schwerpunkt mit zunehmender Steigung schnell hinter dem Rad und verliert das Vorderrad den Bodenkontakt. Wiegetritt bringt auch wenig Besserung. Der Abstand vom Sattel zum Lenker ist zu gering für sportliches Klettern. Als angenehm bewerteten alle Testfahrer die Federung. Die einfache Vorderradgabel ist nicht zu hart und nicht zu weich und federt ohne Haken und sonstige Störungen. Die Sattelstütze ist auch bei Einstellung minimal möglicher Federvorspannung eher etwas zu hart, arbeitet aber ruckfrei und problemlos.

Starke Leistung im Prüfstand

Zur Sicherheit: Die Bremsen funktionieren prima. Zuverlässig und gut dosierbar erzeugen sie die gewünschte Verzögerung - bis hin zur Radblockade. Wie bei allen Fahrrädern mit leistungsfähigem Bremssystem gilt: Bei unkontrollierter Panikbremsung droht ein gefährlicher Überschlag. Auch das Labor meldet: alles in Ordnung mit den Bremsen. Sowohl im Trockenen als auch bei Nässe schaffen sie mehr als die von der Norm geforderte Mindestverzögerung. Das ist nicht selbstverständlich. Die Bremsleistungen von manch anderem Billigrad waren mangelhaft. Bei den Prüfstandversuchen zur Sicherheit und Stabilität schlägt das Billigrad sich ebenfalls überraschend gut. Anders als einige teure Markenräder in den bisherigen Vergleichstests hält es die Simulation von 24 000 Kilometern hartem Fahrbetrieb fast ohne Schäden durch. Nur die Klingel, die Lampenhalterung und der Gepäckträger sind der Tortur nicht gewachsen. Alle für die Sicherheit wichtigen Teile wie Gabel, Vorbau, Sattelstütze und Rahmen halten durch. Grünes Licht kommt auch aus dem Chemie-Labor: In den Griffgummis sind keine Polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffe (PAK), Weichmacher oder ähnliche Problemstoffe zu finden - ganz im Gegensatz zum Fahrradschloss aus dem Norma-Angebot von voriger Woche.

Dieser Artikel ist hilfreich. 196 Nutzer finden das hilfreich.