Titan­dioxid Wie sicher ist der Einsatz in Lebens­mitteln und Kosmetika?

Titan­dioxid - Wie sicher ist der Einsatz in Lebens­mitteln und Kosmetika?
Von Dragees bis Zahnpasta. Titan­dioxid kann in verschiedensten Produkten stecken. © Stiftung Warentest / Ralph Kaiser

Gelangt Titan­dioxid in den Körper, schädigt es möglicher­weise das Erbgut. Was Sie wissen sollten und wie die Stiftung Warentest zu Titan­dioxid steht, lesen Sie hier.

Ihre Fragen, unsere Antworten

Was ist Titan­dioxid?

Titan­dioxid ist ein weißes Farbpigment, das für seine hohe Deck- und Leucht­kraft bekannt ist. Zum Teil sind die Partikel winzig klein und erreichen nur Nano-Größe. Einge­setzt wird Titan­dioxid bei der Herstellung von Lacken und Farben, Kunststoffen oder Papier. Aber auch in zahlreichen Lebens­mitteln ist es als Zusatzstoff enthalten: Geschmacks­neutral und geruchlos sorgt es dafür, dass etwa Back­waren, Suppen, Brot­aufstriche oder Süßig­keiten wie Kaugummis und Dragees besonders appetitlich aussehen und glänzen. Zudem wird es in Kosmetik­produkten verwendet, als Aufheller in Zahnpasten und Lippen­stiften, oder auch als UV-Filter in Sonnen­schutz­mitteln. Auch in Arznei­mitteln, in Über­zügen von Tabletten, findet sich Titan­dioxid häufig.

Warum steht Titan­dioxid in der Kritik?

Als Lebens­mittel­zusatz­stoff ist Titan­dioxid in der EU zugelassen und galt lange als unbe­denk­lich. Das hat sich inzwischen geändert. Grund ist eine Neube­wertung durch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) im Mai 2021: Dafür haben die Experten alle verfügbaren, relevanten wissenschaftlichen Erkennt­nisse gesichtet – insgesamt fast 12 000 Publikationen. Am Ende waren es gut 200 Studien, die für die Neueinschät­zung ausschlag­gebend waren.

In der aktuellen Stellung­nahme der Efsa heißt es nun: Als Lebens­mittel­zusatz­stoff wird Titan­dioxid nicht mehr als sicher angesehen. Die Wissenschaftler können nicht ausschließen, dass über die Nahrung aufgenom­menes Titan­dioxid genotoxisch wirkt. Das bedeutet: Das genetische Material von Zellen, das sogenannte Erbgut, kann geschädigt werden, eventuell sogar Krebs entstehen. Eine akzeptable oder zulässige tägliche Aufnahme­menge von Titan­dioxid konnten die Experten nicht ableiten. Zwar gelangt Titan­dioxid über den Magen-Darm-Trakt nur in sehr geringem Umfang in den Körper, wird aber auch nur lang­sam wieder ausgeschieden und kann sich möglicher­weise im Gewebe anreichern.

Ist Titan­dioxid in Lebens­mitteln jetzt verboten?

Nein, in Deutsch­land und den meisten anderen EU-Ländern ist das bisher noch nicht der Fall. Es sieht aber danach aus, dass sich das bald ändern könnte: Die EU-Kommission schlägt vor, E171 als Zusatz­stoff in Lebens­mitteln ab 2022 zu verbieten. Die EU-Mitglieds­staaten haben dem bereits zuge­stimmt. Sofern das EU-Parlament und der Rat nicht zeit­nah Einspruch erheben, tritt das Verbot Anfang 2022 in Kraft – nach einer sechs­monatigen Auslaufphase, in der etwa Rezepturen noch umge­stellt werden könnten, dürfte Titan­dioxid in Lebens­mitteln dann nicht weiter verwendet werden.

In Frank­reich gilt das Verbot bereits: Die französische Gesund­heits­behörde (ANSES) bemängelte, dass zu viele Daten, die für eine umfassende und abschließende Risiko­bewertung notwendig wären, fehlten. Dort ist Titan­dioxid in Lebens­mitteln deshalb schon seit Januar 2020 verboten. Auch in Deutsch­land haben einige große Hersteller offen­bar bereits von sich aus reagiert und verzichten nach eigenen Aussagen auf Titan­dioxid in ihren Produkten oder versuchen den Einsatz weiter zu reduzieren. Das belegen Stellungnahmen, die der ARD vorliegen.

Gelten die Bedenken auch für den Einsatz von Titan­dioxid in Kosmetik­produkten?

Nein, die Einschät­zung der Efsa bezieht sich allein auf den Einsatz von Titan­dioxid in Lebens­mitteln. Alle anderen Verwendungs­zwecke sind davon zunächst ausgenommen. Nach derzeitigem Kennt­nisstand gilt: Über die Haut wird Titan­dioxid nicht aufgenommen, etwa bei der Verwendung von Sonnen­schutz­mitteln. In Kosmetika wie Sprays ist Titan­dioxid ohnehin verboten. Denn einge­atmet werden sollten die Partikel nicht – das könnte zu chro­nischen Entzündungen führen und möglicher­weise die Bildung von Lungentumoren begüns­tigen.

Kritisch könnte auch der Einsatz in Zahnpasten und Lippen­pfle­gepro­dukten sein, von denen Menschen immer etwas verschlu­cken. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hat bereits empfohlen, dass der wissenschaftliche Ausschuss für Verbrauchersicherheit der EU (SCCS) prüfen sollte, ob die Neube­wertung von Titan­dioxid in Lebens­mitteln auch auf den Kosmetik­bereich über­trag­bar ist.

Wie bewertet die Stiftung Warentest Titan­dioxid in Lebens­mitteln und Kosmetik­produkten?

Bisher haben wir Titan­dioxid in Lebens­mitteln und Kosmetik­produkten, wie etwa Zahnpasta, nicht als kritisch bewertet. Wir sind dabei den Einschät­zungen der Behörden und wissenschaftlicher Gremien gefolgt. Die Neube­wertung des Stoffes durch die Efsa berück­sichtigen wir nun aber auch in unseren Unter­suchungen: In unserem Lippenstift-Test, der kurz nach der Efsa-Veröffent­lichung von uns bearbeitet wurde, haben wir auf die neue Daten­lage bereits reagiert und Titan­dioxid erst­mals als Schad­stoff einge­stuft. Alle Lippen­stifte im Test enthielten Titan­dioxid – das hat sich auch auf die Noten nieder­geschlagen. Kein Lippen­stift konnte im Urteil Kritische Stoffe besser als ausreichend sein.

Worauf kann ich achten, um möglichst wenig Titan­dioxid aufzunehmen oder es zu meiden?

Wer Lebens­mittel und Kosmetika mit Titan­dioxid meiden möchte, sollte beim Einkauf genau hinsehen. In den Zutaten­listen von Lebens­mitteln sollte der Zusatz­stoff E 171 nicht enthalten sein – denn dahinter verbirgt sich Titan­dioxid. Wer Lippen­stifte oder Zahnpasta kauft, sollte die Liste der Inhalts­stoffe genau lesen: Sie muss entweder auf der Produkt­verpackung angegeben oder, bei besonders kleinen Kosmetik­produkten wie Lippen­stiften, in einer Broschüre im Geschäft einsehbar sein. In Kosmetika steht die Angabe CI 77891 für Titan­dioxid. Häufig findet sich noch die eng­lische Bezeichnung Titanium Dioxide.

Titan­dioxid - Wie sicher ist der Einsatz in Lebens­mitteln und Kosmetika?
Genau hingu­cken. Auf den Verpackungen steht, ob Titan­dioxid enthalten ist. © Stiftung Warentest

Mehr zum Thema

  • Lippen­stift-Test Der Teuerste ist mangelhaft

    - Im Lippen­stift-Test der Stiftung Warentest: 17 Schönmacher in Rosen­holz­tönen. Zwei fallen durch, darunter das teuerste Marken­produkt. Alle sind schad­stoff­belastet.

  • E-Nummern Nutzen und Risiken der Zusatz­stoffe im Essen

    - Natrium­nitrit in Wurst, Carragen in Joghurt, Zuckerkulör in Cola – muss das sein? Wir sagen, welche Zusatz­stoffe sich hinter den E-Nummern verbergen und welche...

  • Kosmetik Geht es um die Schönheit, gehts in die Drogerie

    - Kosmetik­artikel wie Shampoo, Duschgel oder Zahnpasta füllen in Drogerien, Apotheken und Supermärkten lange Regale. Im vergangenen Jahr gaben Kunden für...

0 Kommentare Diskutieren Sie mit

Nur registrierte Nutzer können Kommentare verfassen. Bitte melden Sie sich an. Individuelle Fragen richten Sie bitte an den Leserservice.