Titan­dioxid Wie sicher ist der Einsatz in Lebens­mitteln und Kosmetika?

Titan­dioxid - Wie sicher ist der Einsatz in Lebens­mitteln und Kosmetika?
Von Dragees bis Zahnpasta. Titan­dioxid kann in verschiedensten Produkten stecken. © Stiftung Warentest / Ralph Kaiser

Gelangt Titan­dioxid in den Körper, schädigt es möglicher­weise das Erbgut. Was Sie wissen sollten und wie die Stiftung Warentest zu Titan­dioxid steht, lesen Sie hier.

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Was ist Titan­dioxid?

Titan­dioxid ist ein weißes Farbpigment, das für seine hohe Deck- und Leucht­kraft bekannt ist. Zum Teil sind die Partikel winzig klein und erreichen nur Nano-Größe. Einge­setzt wird Titan­dioxid bei der Herstellung von Lacken und Farben, Kunststoffen oder Papier. Aber auch in zahlreichen Lebens­mitteln ist es als Zusatzstoff enthalten: Geschmacks­neutral und geruchlos sorgt es dafür, dass etwa Back­waren, Suppen, Brot­aufstriche oder Süßig­keiten wie Kaugummis und Dragees besonders appetitlich aussehen und glänzen.

Zudem wird es in Kosmetik­produkten verwendet, als Aufheller in Zahnpasten und Lippen­stiften, oder auch als UV-Filter in Sonnen­schutz­mitteln. Auch in Arznei­mitteln, in Über­zügen von Tabletten, findet sich Titan­dioxid häufig.

Warum steht Titan­dioxid in der Kritik?

Lange galt Titan­dioxid als unbe­denk­lich und war in der EU als Lebens­mittel­zusatz­stoff zugelassen. Das hat sich geändert: Die Europäische Kommis­sion hat ein Verbot für die Verwendung als Lebens­mittel­zusatz­stoff erlassen – nach einer sechs­monatigen Über­gangs­zeit wird es im Sommer 2022 in Kraft treten. Grund ist eine Neube­wertung durch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) im Mai 2021: Dafür haben die Experten alle verfügbaren, relevanten wissenschaftlichen Erkennt­nisse gesichtet – insgesamt fast 12 000 Publikationen. Am Ende waren es gut 200 Studien, die für die Neueinschät­zung ausschlag­gebend waren.

Warum wird Titan­dioxid verboten?

Es wird als Lebens­mittel­zusatz­stoff nicht mehr als sicher angesehen, heißt es in der aktuellen Stellung­nahme der Efsa. Die Wissenschaftler können nicht ausschließen, dass über die Nahrung aufgenom­menes Titan­dioxid genotoxisch wirkt. Das bedeutet: Das Erbgut kann geschädigt werden, eventuell sogar Krebs entstehen. Eine akzeptable oder zulässige tägliche Aufnahme­menge von Titan­dioxid konnten die Experten nicht ableiten. Zwar gelangt Titan­dioxid über den Magen-Darm-Trakt nur in sehr geringem Umfang in den Körper, wird aber auch nur lang­sam wieder ausgeschieden und kann sich möglicher­weise im Gewebe anreichern.

Das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) weist in einer Stellung­nahme im Dezember 2021 darauf hin, dass für eine abschließende Bewertung noch Wissens­lücken bestehen. Bislang ist zum Beispiel unklar, in welchem Ausmaß und auf welche Weise Titan­dioxid das Erbgut schädigen kann.

Gelten die Bedenken auch für den Einsatz von Titan­dioxid in Kosmetik­produkten?

Nein, die Einschät­zung der Efsa bezieht sich allein auf den Einsatz von Titan­dioxid in Lebens­mitteln. Alle anderen Verwendungs­zwecke sind davon zunächst ausgenommen. Nach derzeitigem Kennt­nisstand gilt: Über die Haut wird Titan­dioxid nicht aufgenommen, etwa bei der Verwendung von Sonnen­schutz­mitteln. In Kosmetika wie Sprays ist Titan­dioxid ohnehin verboten. Denn einge­atmet werden sollten die Partikel nicht – das könnte zu chro­nischen Entzündungen führen und möglicher­weise die Bildung von Lungentumoren begüns­tigen.

Kritisch könnte auch der Einsatz in Zahnpasten und Lippen­pfle­gepro­dukten sein, von denen Menschen immer etwas verschlu­cken. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hat bereits empfohlen, dass der wissenschaftliche Ausschuss für Verbrauchersicherheit der EU (SCCS) prüfen sollte, ob die Neube­wertung von Titan­dioxid in Lebens­mitteln auch auf den Kosmetik­bereich über­trag­bar ist.

Wie bewertet die Stiftung Warentest Titan­dioxid in Lebens­mitteln und Kosmetik­produkten?

Bisher haben wir Titan­dioxid in Lebens­mitteln und Kosmetik­produkten, wie etwa Zahnpasta, nicht als kritisch bewertet. Wir sind dabei den Einschät­zungen der Behörden und wissenschaftlicher Gremien gefolgt. Die Neube­wertung des Stoffes durch die Efsa berück­sichtigen wir nun aber auch in unseren Unter­suchungen: In unserem Lippenstift-Test, der kurz nach der Efsa-Veröffent­lichung von uns bearbeitet wurde, haben wir auf die neue Daten­lage bereits reagiert und Titan­dioxid erst­mals als Schad­stoff einge­stuft. Alle Lippen­stifte im Test enthielten Titan­dioxid – das hat sich auch auf die Noten nieder­geschlagen. Kein Lippen­stift konnte im Urteil Kritische Stoffe besser als ausreichend sein.

Worauf kann ich achten, um möglichst wenig Titan­dioxid aufzunehmen oder es zu meiden?

Wer Lebens­mittel und Kosmetika mit Titan­dioxid meiden möchte, sollte beim Einkauf genau hinsehen. In den Zutaten­listen von Lebens­mitteln sollte der Zusatz­stoff E 171 nicht enthalten sein – denn dahinter verbirgt sich Titan­dioxid. Wer Lippen­stifte oder Zahnpasta kauft, sollte die Liste der Inhalts­stoffe genau lesen: Sie muss entweder auf der Produkt­verpackung angegeben oder, bei besonders kleinen Kosmetik­produkten wie Lippen­stiften, in einer Broschüre im Geschäft einsehbar sein. In Kosmetika steht die Angabe CI 77891 für Titan­dioxid. Häufig findet sich noch die eng­lische Bezeichnung Titanium Dioxide.

Titan­dioxid - Wie sicher ist der Einsatz in Lebens­mitteln und Kosmetika?
Genau hingu­cken. Auf den Verpackungen steht, ob Titan­dioxid enthalten ist. © Stiftung Warentest

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argon85 am 26.03.2022 um 18:45 Uhr

Kommentar vom Autor gelöscht.

argon85 am 26.03.2022 um 18:33 Uhr
Nachtrag Arzneimittel

Einzelne Hersteller scheinen ein Einsehen zu haben... Für Tromcardin wird neuerdings Eisenoxid anstatt Titandioxid verwendet, was die Tabletten gelb anstatt weiß färbt. Das finde ich sehr gut.

argon85 am 03.03.2022 um 16:07 Uhr
Arzneimittel

Selbst bei niedrigster Dosis empfinde ich es als schockierend, dass Titandioxid weiterhin in Arzneimitteln erlaubt bleibt. Vor allem, da es einzig dazu dient, die Produkte weiß zu färben.

Profilbild Stiftung_Warentest am 05.01.2022 um 15:09 Uhr
Arzneimittel

@ MaPre: Danke für Ihr Lob: „weiter so!“
Die Zulassungsbehörden für Medikamente befassen sich mit dem Thema Titandioxid. Die Sachlage bei Medikamenten stellt sich aber etwas anders dar: Aufgrund des strengeren Arzneimittelgesetzes sind geringere Mengen an Nanopartikeln beim verwendeten TiO2 enthalten. Somit bleibt vorerst der Zusatz bei Arzneimitteln erlaubt. Auch wenn wir Ihre Bedenken nachvollziehen können, verbleiben betroffene Arzneimittel weiterhin und ohne Abwertung in unsere Datenbank „Medikamente im Test“. Sollten sich neue wissenschaftliche Erkenntnis ergeben, werden wir unsere Bewertung selbstverständlich anpassen.

MaPre am 04.01.2022 um 22:01 Uhr
Und Arzneimittel?

Hallo test-Team,
Ich vermisse eine Einschätzung für die Verwendung in Arzneimitteln (und eine Prognose, ob diese auch verboten wird). Oder soll die Leserin sich selbst denken, dass die orale (oder anderweitige) Aufnahme von Titandioxid in Medikamenten der gleichen Logik folgt, da keine Grenzwerte für die Aufnahmemenge festgelegt werden konnten?
In dem Zusammenhang möchte ich darauf hinweisen, dass - im Gegensatz zu den aktuellen Lippenstift-Tests - die (ebenfalls als aktuell gekennzeichneten) Arzneimittelbewertungen der StiWa die Verwendung von Titandioxid in die Bewertung der Eignung nicht einbezieht.
Danke für weitere Infos dazu. Und ansonsten: weiter so! Beste Grüße