Tinnitus Was Sie bei Ohrenpiepen tun sollten

Tinnitus - Was Sie bei Ohrenpiepen tun sollten
Geräusch im Ohr. Mal geht es wieder, mal bleibt es. © mauritius images / BSIP SA / Alamy

Es klingelt, pfeift, saust: Wer plötzlich auftretende Ohrtöne hat, sollte dem zeit­nah nachgehen. Manchmal werden sie chro­nisch. Wie Tinnitus entsteht und was helfen kann.

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Geklingel im Ohr

Der Begriff Tinnitus bedeutet im Lateinischen „Geklingel“. Jeder vierte Deutsche hatte schon mal ein solches Klingeln oder Fiepen im Ohr. Bei den meisten verschwinden die Geräusche nach kurzer Zeit wieder. Wenn die Beschwerden länger als drei Monate anhalten, spricht die Medizin von chro­nischem Tinnitus. Manche Betroffene gewöhnen sich daran. Andere hingegen leiden massiv.

Am häufigsten tritt Tinnitus bei Menschen ab 50 Jahren auf. Oft lässt er sich im frühen Stadium gut behandeln. Bei chro­nischem Tinnitus sollten Betroffene mit Ärzten und Ärztinnen gemein­sam Strategien entwickeln, um mit den Ohrgeräuschen leben zu lernen.

Lärm, Stress oder Krankheiten als Auslöser

Ein lautes Konzert, dröhnende Maschinen, ein Schuss oder Krach bei einem Auto­unfall – häufig löst Lärm einen Tinnitus aus. Aber auch Stress kann ihn hervorrufen oder eine Krankheit des Mittel- oder Innen­ohrs. Beim Tinnitus werden die feinen Sinneshärchen im Ohr geschädigt (siehe Abbildung unten). Die Folge: Im Gehör kommen nicht mehr alle Töne von außen an. Das Gehirn versucht, den akustischen Mangel mit eigenen Geräuschen auszugleichen: Ein Tinnitus ist da.

Tinnitus - Was Sie bei Ohrenpiepen tun sollten
Die Ursache: Werden die Sinnes­haar­zellen in der Schnecke etwa durch Lärm verletzt, gelangen nicht mehr alle Töne aus dem Umfeld ins Gehör. © Axel Kock

Wann zum Arzt

Laut Deutscher Gesell­schaft für Hals-, Nasen- und Ohrenheil­kunde ist ein Tinnitus in mehr als 90 Prozent der Fälle von Hörverlusten begleitet. Sie seien mal mehr, mal weniger ausgeprägt – einige Betroffene nähmen das gar nicht wahr. In vielen Fällen regenerieren sich die Hörsinnes­zellen schnell wieder und der lästige Ton verschwindet. Wenn das Ohren­geräusch allerdings länger als zwei Tage anhält, sollten Betroffene zu einem Hals-Nasen-Ohren-Arzt gehen und sich auf einen Tinnitus unter­suchen lassen.

Frühe, detaillierte Diagnose wichtig

Die Hals-Nasen-Ohren-Ärztinnen und -ärzte diagnostizieren die Beschwerden genau – zum Beispiel, ob beide Ohren betroffen sind, wie die Töne klingen, wann und wie oft sie vorkommen, ob Schmerzen oder Druck­gefühle wahr­nehm­bar sind. Außerdem stehen normaler­weise noch Unter­suchungen des Gehörgangs sowie Hörtests an.

Wenn die Ursache für den Tinnitus geklärt werden kann, steigen die Chancen, ihn wieder los zu werden. Zum Beispiel kann eine Erkrankung behandelt werden, die dem Tinnitus zugrunde liegen könnte – wie Blut­hoch­druck oder die Menière-Krankheit. Schwieriger ist es, einen Tinnitus mit unklarer Ursache zu behandeln. Er kann länger anhalten und chro­nisch werden.

Akuter Tinnitus

Ein akuter Tinnitus mit Ohrgeräuschen geht meist mit einem plötzlichen Hörverlust einher, einem sogenannten Hörsturz. Bei einem Hörsturz treten plötzlich einseitige Hörprobleme, erklärt der Deutsche Berufsverband der Hals-Nasen-Ohren-Ärzte. Typischer­weise verspürten Betroffene ein dumpfes Gefühl im Ohr, wie Watte. Bei gut der Hälfte der Patientinnen und Patienten normalisiere sich das Gehör nach ein paar Stunden oder spätestens nach zwei Tagen von allein wieder.

Bei der Entstehung eines Hörsturzes könnte Stress eine große Rolle spielen, aber auch andere Faktoren wie Durch­blutungs­störungen und Verschleiß­erscheinungen der Hals­wirbelsäule. Häufig – vor allem bei Verdacht auf Entzündung – erhalten die Betroffenen dann Kortison. Hintergrundinfos zur Einnahme von Kortison finden Sie in unserer Daten­bank Medikamente im Test.

Tipp: Um Ängste und Stress abzu­bauen, helfen Yoga, Meditation oder Progressive Muskelrelaxation. Danach können Betroffene sich leichter auf positive Umge­bungs­reize konzentrieren. Vor allem bei Schlafstörungen sind solche Übungen sehr wirk­sam. Im Test von Meditations-Apps finden Sie gute Angebote. Auch nützlich: das Buch der Stiftung Warentest Gelassen leben mit wirksamen Achtsamkeitsübungen.

Chro­nischer Tinnitus

Tinnitus - Was Sie bei Ohrenpiepen tun sollten
Austausch. Arzt und Patientin suchen nach Lösungen für gutes Hören. © Alamy Stock Photo

Intensive Arzt­gespräche zentral bei chro­nischem Tinnitus

Bei der Therapie von chro­nischem Tinnitus gilt der Austausch von Ärztinnen und Ärzten mit den Betroffenen als besonders wichtig: Das beschreibt die Deutsche Gesell­schaft für Hals-Nasen-Ohren-Heil­kunde in der aktualisierten Leit­linie Chronischer Tinnitus. Die Behand­lung solle auf einem Aufklärungs- und Beratungs­konzept aufbauen. Dieses sogenannte Counselling könne laut wissenschaftlicher Studien wesentlich zu einer guten Therapie beitragen.

Zu wissen, was im Kopf vorgeht, wie der Tinnitus entsteht – das kann helfen, sich an die neue Situation zu gewöhnen. Betroffene sollten gemein­sam mit Arzt oder Ärztin Strategien entwickeln, um mit den Tönen leben zu lernen – teil­weise verschwinden diese erst nach Monaten, Jahren oder nie. Eine Allheil-Methode gibt es nicht.

Tipp: Die Deutsche Tinnitus-Liga (DTL) bietet im Internet umfang­reiche Informationen zu Tinnitus, den Begleit­erkrankungen und dem Hörsystem an. Auf der Home­page können Sie auch nach Selbst­hilfe­gruppen in Ihrer Region suchen. Mehr Informationen finden Sie auf www.tinnitus-liga.de.

Eventuell ist eine Hörhilfe notwendig

Die Fachleute besprechen mit ihren Patientinnen und Patienten auf der einen Seite mögliche Therapien für körperliche Leiden, die dem chro­nischem Tinnitus zugrunde liegen können wie Vor­erkrankungen, Schäden am Trommelfell, Verluste im Hörvermögen.

Teil­weise ist eine Hörhilfe sinn­voll, um Hörverluste auszugleichen – Hilfe zur Auswahl und Anpassung von Hörhilfen wie Hörgeräten finden Sie in unserem Special Hörgeräte-Akustiker.

Kognitive Verhaltens­therapie kann helfen

Ebenso gilt es abzu­klären, ob Schlaf- oder Konzentrations­störungen, Stimmungs­schwankungen, Ängste oder Depressionen vorliegen. Vielen Betroffenen kann zum Beispiel eine kognitive Verhaltenstherapie – ent­weder einzeln oder in der Gruppe – nach­weislich helfen. Sie ist eine der verbreitetsten Formen der Psycho­therapien und zielt darauf, falsche und belastende Über­zeugungen zu erkennen und zu verändern. In Bezug auf Tinnitus könnten die Patientinnen und Patienten lernen, sich an das Geräusch zu gewöhnen und es weniger oder nicht mehr wahr­zunehmen.

Auch eine spezielle Tinnitus-Retrainings-Therapie zielt darauf, die Verbindung zwischen den negativen Gefühlen und dem Ton zu lösen und auf positive Klänge zu lenken. Teil­weise sei die Einnahme von bestimmten Psycho­pharmaka sinn­voll.

Tipp: Ärzte sollten Patientinnen und Patienten bei der Therapeuten­suche unterstützen. Die Stiftung Warentest hat 2019 Online-Psychotherapie-Programme geprüft, die Depressionen vorbeugend oder akut behandeln lassen sollen. Etliche erwiesen sich als erfolg­versprechend.

Was wissenschaftlich nicht belegt ist

Die Wirk­samkeit einiger Behand­lungs­methoden für chro­nischen Tinnitus ist der aktuellen Leitlinie zufolge wissenschaftlich nicht genug belegt. Dazu gehören unter anderem:

  • Medikamente, die den Tinnitus gezielt verringern oder beenden sollen – wie zum Beispiel Beta­histin, Steroide, Ginkgo
  • bestimmte Vitamine oder Zink
  • Geräte zur Tinnitus-Therapie
  • so genannte Geräusch- und Sound­therapien, die versuchen, über Klänge und Töne, den Tinnitus zu beein­flussen.

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AndreSchloesser am 19.03.2021 um 16:09 Uhr
Schicksal

Leide seit 2015 auch phasenweise darunter. Ich weiß mittlerweile, dass die Ursache wohl im Halswirbel/-muskelbereich angesiedelt sein muss. Medizinisch machen kann man da konkret nichts.
Es gibt Außengeräusche, die dieses "Brummen" im Ohr wohl antriggern. Damals 2015, sowie heute war in direkter Nachbarschaft eine Baustelle mit vielen Geräuschen von Baumaschinen.

irlbeck am 18.05.2017 um 20:56 Uhr
Nicht heilbar?

Tinnitus ist keine Krankheit. Es ist ein Symptom. Und er ist nicht heilbar. Komisch... Wie stellt man die Ursache des Symptoms fest? Ich finde den Artikel nicht umfassend genug.
Und wie stellt man die beschädigten Haarzellen beim Patienten fest. Das hat bei mir noch nie jemand gemacht. ????

hans-hellmuth.merg am 26.10.2013 um 14:07 Uhr
Nicht immer hilft der Arztbesuch

Ihr Arteikel ist hilfreich und informativ. Widersprechen muss ich der Aussage, dass ein schneller Arztbesuch vor einem dauerhaften Schaden schützt. Anders als bei einem Hörsturz, den ich vor einigen Jahren durch schnelle ärztliche Hilfe ohne Nachwirkungen überstanden habe, ist mein Ohrgeräusch seit nunmehr 16 Monaten vorhanden. Beim ersten Auftreten war ich sofort beim Facharzt und habe sogar noch eine zweite Untersuchung machen lassen. Leider haben alle Therapieversuche keinen Erfolg gebracht. Das Geräusch (ca.8000 Hz) ist permanent vorhanden, manchmal allerdings so schwach, dass ich es kaum wahrnehme. Das Schlimmste daran ist, dass ich mich nicht mehr entspannt hinsetzen kann, um Stille zu genießen. Es ist mir aber auch nicht möglich, klare ursächliche Zusammenhänge herzustellen, wann bzw. warum es manchmal stäker und manchmal schwächer ist.