Ein andauerndes Ohrgeräusch – chronischer Tinnitus – kann psychisch sehr belastend sein. Die Retraining-Therapie hilft, den Dauerton aus dem Bewusstsein zu verdrängen.

Vier von hundert Deutschen leiden unter chronischen Ohrgeräuschen. Gelegentliches Piepen und Zirpen, Rauschen und Fiepen müssen mehrere Millionen Menschen aushalten. Viele gewöhnen sich irgendwann an die ständige „Begleitmusik“, die sie unterschiedlich laut empfinden. Doch wenn es ohne Unterlass nur noch klopft und stampft, rasselt und poltert, brummt und summt, pfeift und zischt, kann das für die Betroffenen psychisch sehr belastend sein.

Die Ursachen können vielfältig sein. Infrage kommen sehr oft Schwerhörigkeit, Drehschwindel, Probleme der Halswirbelsäule oder im Zahn- und Kieferbe­reich, Verengung der Halsgefäße, Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen oder Diabe­tes. Organische Ursachen lassen sich häufig beheben oder gut behandeln. In sehr seltenen Fällen kann sich ein Tumor am Hör- und Gleichgewichtsnerv durch Ohrgeräusche bemerkbar machen.

Stresshormone

Die wohl häufigste Ursache ist allerdings Stress. Deshalb tritt Tinnitus auch verstärkt zwischen dem 30. und 50. Lebensjahr erstmals auf, also in der Lebensphase, in der die beruflichen und familiären Anforderungen meist am größten sind. Stresshormone und verschiedene andere Auslöser können dann eine Durchblutungsstörung im Innenohr bewirken, so die derzeit verbreitetste Theorie. Dadurch werden Regulationsmechanismen im Gehör gestört: Forscher vermuten, dass das Hörsystem eine Grundaktivität aufweist. Normalerweise wird sie weggefiltert und uns nicht als Geräusch bewusst. Aber Tinnitus macht den Hörfilter durchlässiger.

Sinneshärchen

Auch andauernde, sehr laute Geräusche wie bei Rockkonzerten oder ein plötzlicher lauter Knall können die Sinneshärchen im Innenohr mechanisch schädigen und den Regulationskreis stören. Dauert das Ohrgeräusch lange genug an, kann es sich im Gehirn „festsetzen“, ähnlich einem Phantomschmerz. Selbst nach Durchtrennung des Hörnervs kann dann der Tinnitus noch „gehört“ werden.

Wie stark Menschen unter „ihrem“ Tinnitus leiden, ist individuell sehr verschieden. Nach Angaben der Deutschen Tinnitus-Liga fühlt sich die Hälfte der Betroffenen gar nicht oder nur wenig gestört. Für andere stellt der Tinnitus eine sehr große Belastung dar. Konzentrations- und Einschlafstörungen, Überempfindlichkeit bei lauten Geräuschen bis hin zu Ängsten und Depressionen sowie Schwierigkeiten bei der Arbeit können auftreten.

Heilungschancen

Natürlich ist nicht jedes Ohrgeräusch gleich ein Tinnitus. Jeder kennt das: Hat man längere Zeit in einer sehr lauten Umgebung verbracht, bleibt für einige Zeit ein Ohrensausen oder Fiepen zurück. Am nächsten Morgen sind diese Geräusche aber sehr oft wieder verschwunden.

Wenn jedoch die Geräusche andauern oder das Gehör aussetzt, sollte man umgehend einen Hals-Nasen-Ohren-Arzt aufsuchen. Akute Ohrgeräusche wird der Arzt in der Regel mit durchblutungsfördernden Medikamenten oder Infusionen behandeln. Je eher die Behandlung beginnt, desto höher sind die Chancen auf Heilung. Bei mehr als der Hälfte der Betroffenen kann der akute Tinnitus vollständig beseitigt werden.

Alarmsignal stört

Zwar ist Tinnitus keine Krankheit, allerdings können anhaltende Ohrgeräusche die Lebensqualität deutlich beeinträchtigen. Unser Gehör hat nicht zuletzt die Aufgabe, uns vor Gefahren zu warnen. Geräusche, die wir einer harmlosen Quelle zuordnen können, hören wir nach einiger Zeit nicht mehr – wir verdrängen sie ins Unterbewusstsein. Beim Tinnitus existiert aber keine bewusste Quelle. Der Ton bleibt daher im Zentrum der Aufmerksamkeit und versetzt die Betroffenen sozusagen in dauernde Alarmbereitschaft.

Geräusch akzeptieren

Wenn die Ohrgeräusche länger als drei Monate anhalten, spricht man von chronischem Tinnitus. Nach Angaben der Deutschen Tinnitus-Liga gibt es hierzulande rund drei Millionen Betroffene. Zirka 300 000 kommen jährlich hinzu. Eine Heilung, also das vollständige Verschwinden des Ohrgeräuschs, ist bei chronischem Tinnitus nicht zu erwarten und deshalb auch nicht das Behandlungsziel. Betroffene können aber lernen, das Geräusch nicht mehr als störend und damit ihre Lebensqualität beeinträchtigend zu erleben.

Tinnitus-Retraining-Therapie

Die derzeit erfolgreichste Behandlung ist die Tinnitus-Retraining-Therapie (TRT).

Sie beruht auf vier Komponenten:

  • Beratung und Aufklärung,
  • Abschwächung der durch den Tinnitus bedingten Stressreaktionen,
  • Behandlung psychischer Probleme,
  • Versorgung mit Hör-, Rauschgeräten.

Die Therapie erfordert die enge Zusammenarbeit von Hals-Nasen-Ohren-Arzt, Psychotherapeut und Hörgeräteakustiker und gegebenenfalls noch weiteren Experten wie Musik-, Hör- und Physiotherapeuten. Inzwischen gibt es in Deutschland verschiedene Tinnitus-Zentren. Sie bieten diese Therapie ambulant an, in der Anfangsphase auch mit ein- bis zweiwöchiger Betreuung in einer Tagesklinik. Aber auch stationäre Therapien sind möglich. Insgesamt kann sich die Therapie über mehrere Jahre erstrecken.

Behandlungskonzept entwickeln

Am Anfang stehen umfangreiche Untersuchungen, um der Ursache des Tinnitus auf den Grund zu gehen. Anschließend bespricht der Arzt die Ergebnisse mit dem Patienten und klärt ausführlich über Tinnitus und die weiteren medizinischen sowie sonstigen therapeutischen Möglichkeiten auf. Arzt und Patient entwickeln daraus gemeinsam ein Behandlungskonzept, denn die aktive Mitarbeit des Betroffenen ist für den Erfolg der Therapie besonders wichtig.

In einigen Fällen kann die Anpassung eines Rauschgeräts sinnvoll sein. „Dieses Gerät erzeugt ein angenehmes Rauschen kurz über der Hörschwelle“, erläutert Dr. Birgit Mazurek, leitende Ärztin am Berliner Tinnitus-Zentrum. „Das lenkt die Wahrnehmung vom Tinnitus ab.“ Es soll einige Stunden am Tag für mindestens zwei Jahre getragen werden. Bei Schwerhörigkeit wird ein Hörgerät angepasst.

Anspannung vermeiden

Wesentlicher Bestandteil der Retraining-Therapie ist das Erlernen von Entspannungstechniken. Am Tinnitus-Zentrum in Berlin erlernen die Patienten Muskelentspannung nach Jacobson. Dadurch soll Stress abgebaut werden, der durch die Ohrgeräusche entsteht und verhindert, dass sie aus dem Bewusstsein ausgeblendet werden können.

Außerdem sollen die Übungen eine bessere Körperwahrnehmung und -kontrolle ermöglichen und dazu führen, dass man in allen Lebenslagen unnötige Anspannungen vermeidet. „Die Methode nach Jacobson ist deshalb geeignet, weil die Patienten aktiv entspannen sollen und sich nicht in Stille versenken wie bei verschiedenen Meditationsformen“, betont Birgit Mazurek, „und diese Methode kann fast jeder schnell erlernen.“

Neben der Muskelentspannung nach Jacobson können weitere Körpertherapien sich bei chronischem Tinnitus positiv auswirken. Doch ob Yoga, Qui Gong oder autogenes Training – sie sind alle kein Allheilmittel. Sie dienen vor allem dem Stressabbau und sollen zur Quelle positiven Empfindens werden.

Konzentration erlernen

Psychotherapeutische Verhaltenstherapie ist vor allem dann ergänzend nötig, wenn Patienten stark unter Konzentrations- und Schlafstörungen oder Depressionen leiden. Beim Hörtraining lernen sie, sich bewusst auf Geräusche aus der Umgebung zu konzentrieren und ziehen so die Aufmerksamkeit vom Tinnitus ab.

In monatlichen Besprechungen und Untersuchungen kontrolliert der Arzt den Behandlungverlauf. Die Therapie erstreckt sich über einen Zeitraum von zwei bis drei Jahren. Viele Tinnitus-Patienten nehmen im Lauf der Therapie ihr Ohrgeräusch als leiser und vor allem als weniger störend wahr. Mitunter hören sie es nur noch in sehr stiller Umgebung. Eine umfangreiche deutsche Studie ergab, dass sich nach einem Jahr bei 60 Prozent der Betroffenen der Tinnitus um mindestens einen Schwe­re­grad verringert hatte.

Die Krankenkassen übernehmen nicht immer automatisch die Behandlungskosten. Deswegen sollten Sie sich rechtzeitig bei der Ihrer Kasse erkundigen. Auch einige niedergelassene Ärzte bieten inzwischen im Verbund mit weiteren Spezialisten die Retraining-Therapie an. Wo es Hilfe in Ihrer Nähe gibt, erfahren Sie bei der Deutschen Tinnitus-Liga.

Vorsicht: Geschäftemacherei

Dass es derzeit keine Therapie zur Heilung von chronischem Tinnitus gibt, machen sich besonders geschäftstüchtige Therapie-Anbieter zunutze, um verzweifelten Patienten das Geld aus der Tasche zu ziehen. Meist gilt, je teurer eine Therapie und je vollmundiger die Heilungsversprechen, desto sicherer steckt dahinter reine Geschäftemacherei.

In anderen Kulturen wird Tinnitus manchmal eher als positiv empfunden. Einige Bevölkerungsgruppen in China und Taiwan glauben zum Beispiel an eine gegenseitige Verständigung mit ihren Göttern, die sich in Form der ständigen Ohrgeräusche zeige.

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