Interview: Auch die Stille meiden

Nach etwa drei Monaten gilt Tinnitus als chronisch.

Was soll man tun, wenn Ohrgeräusche erstmals auftreten?

Zunächst einmal: keine Panik. Die meisten Menschen haben schon einmal Ohrgeräusche er­lebt. Meist sind sie nach einigen Stunden verschwunden. Wenn nicht, sollte man jedoch umgehend einen Hals-Nasen-Ohren-Arzt aufsuchen. Je eher die Ursache festgestellt und eine Behandlung eingeleitet wird, desto besser stehen die Chancen, die lästigen Begleiter wieder ganz los zu werden.

Kann Tinnitus Vorbote einer schweren Erkrankung sein?

Der Auslöser für Tinnitus ist überwiegend Stress. Manchmal lassen sich auch organische Ursachen wie Schwerhörigkeit, Diabetes oder Bluthochdruck feststellen. Ein An­zeichen für einen drohenden Herzinfarkt oder Schlaganfall ist Tinnitus aber nicht.

Ist Tinnitus heilbar?

Hier muss man zwischen akutem und chronischem Tinnitus unterscheiden. Erstmals aufgetretene Ohrgeräusche lassen sich meist erfolgreich behandeln. Chronisch ist Tinnitus nach etwa drei Monaten. Eine vollständige Heilung ist dann in der Regel nicht mehr zu erwarten. Patienten können aber lernen, die Geräusche nicht mehr als störend zu empfinden. Dabei kann die Tinnitus-Retraining-Therapie helfen.

Sollte man laute Umgebung meiden?

Andauernder Lärm ist für jeden schädlich, unabhängig davon, ob er bereits einen Tinnitus hat oder nicht. Weil Außengeräusche aber vom Ohrgeräusch ablenken, sollten Tinnitus-Patienten nicht nur eine sehr laute Umgebung, sondern auch die Stille meiden.

Was können Patienten selbst im Um­gang mit ihrem Tinnitus tun?

Betroffene sollten sich umfassend über Tinnitus informieren. Das hilft, die Ohrgeräusche nicht mehr als bedrohlich zu empfinden. Sie sollten möglichst Stress vermeiden und aktiv entspannen. Wir empfehlen die Muskelentspannung nach Jacobson, weil sie jeder leicht erlernen kann.

Können Ohrgeräusche lauter werden?

Bei Aufregung oder Stress können beispielsweise die Geräusche lauter wahrgenommen werden. Sie gehen jedoch bald wieder auf die Ausgangslautstärke zurück.

Sollten Betroffene sich einer Selbsthilfegruppe anschließen?

Es kann nützlich sein, mit anderen Betroffenen Erfahrungen darüber auszutauschen, wie man den Tinnitus in den Griff be­kommt. Auch das Gefühl, mit seinen Problemen nicht allein dazustehen und verstanden zu werden, kann helfen. Wenn sich die Mitglieder bei den Treffen aber nur gegenseitig bedauern, ist das kontraproduktiv. Gerade bei chronischem Tinnitus können und sollten Betroffene selbst aktiv werden, um ihre Beschwerden zu lindern.

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