Lieblings­fleisch Schwein. Viele Siegel versprechen, die Tiere besser zu halten, als das Gesetz vorgibt.

Nicht erst seit den jüngsten Schlacht­hof-Skan­dalen ist Billigfleisch in Verruf geraten. Handels­konzerne, Fleisch­wirt­schaft und Branchen­initiativen versuchen durch immer neue Tier­wohl-Label verloren gegangenes Vertrauen wieder­zugewinnen. Da ist es oft schwer, den Durch­blick zu bewahren. Zu „Haltungs­form“, „Initiative Tier­wohl“ und „Tier­schutz­label“ könnte nun noch ein staatliches Tier­schutz­siegel hinzukommen. Wir sagen, welche Siegel es gibt und wofür die Stan­dards stehen.

Den Deutschen ist das Tier­wohl wichtig

Wie viel Platz hatte das Huhn im Stall? Durfte das Schwein nach Belieben in Stroh wühlen? Hatte es Auslauf im Freien? Unter welchen Umständen Nutztiere leben, bevor sie als Wurst und Steak auf dem Teller landen, interes­siert viele Deutsche. 86 Prozent möchten bei tierischen Produkten Angaben zu den Haltungs­bedingungen bekommen. Das geht aus dem Ernährungsreport 2019 hervor, für den das Bundes­ministerium für Ernährung und Land­wirt­schaft (BMEL) eine repräsentative Befragung durch­führte. Tier­wohl-Siegel können beim Einkauf von Fleisch weiterhelfen, ihre Vielzahl sorgt aber eher für Verwirrung. Welche gibt es und wofür stehen sie?

Haltungs­form: Das Siegel der Supermärkte

Vier Stufen. Im April 2019 haben mehrere große deutsche Lebens­mittel­händler mithilfe der Initiative Tierwohl ein einheitliches, vierstufiges Kenn­zeichnungs­system einge­führt: Haltungsform. Aldi Nord und Süd, Edeka, Kauf­land, Lidl, Netto Marken-Discount, Penny sowie Rewe verwenden es für das Fleisch ihrer Eigenmarken und das von der Theke.
Die Händler haben dafür nicht neue Tier­wohl-Kriterien fest­gelegt, sondern ordnen bereits bestehende Tier­wohl-Stan­dards (siehe unten) einer von vier Stufen zu (siehe Bild oben): von Stufe 1 „Stall­haltung“, die gesetzlichen Mindest­anforderungen entspricht, bis Stufe 4 „Premium“, zu der unter anderem Bio-Fleisch zählt. Das soll helfen, die Kriterien der bestehenden Siegel – die weiterhin auf der Packung zu finden sind – besser einschätzen zu können.
Merke: Je höher die Stufe, desto teurer das Fleisch.

Eine Frage des Preises. Ein Jahr nach der Einführung lautet das Fazit: Die Verbraucher gucken weiterhin sehr auf den Preis. Rund 90 Prozent des gekenn­zeichneten Rind­fleischs und rund 80 Prozent des Schweine­fleischs in den Supermärkten tragen die Stufe 1, also das nied­rigste Tier­wohl-Niveau. Bei Geflügel ist die Stufe 2, „Stall­haltung Plus“, am meisten verbreitet. Der Handel hat angekündigt, ab 2021 nur noch Schweine­fleisch anzu­bieten, das mindestens der Stufe 2 entspricht. Für eine merk­liche Verbesserung im Stall reicht das nicht aus, wie der aktuelle Test von Schweinenackensteaks zeigt, bei dem die Stiftung Warentest neben der Fleisch­qualität auch die Produktions­bedingungen untersucht hat, unter denen Schweine­fleisch hergestellt wird.

Initiative Tier­wohl: Konzept von Wirt­schaft und Handel

Finanz­hilfen für Land­wirte. Die Initiative Tierwohl ist ein Zusam­menschluss von Handel, Fleisch- und Land­wirt­schaft. Gegründet wurde sie 2015. Sie unterstützt Land­wirte finanziell, wenn diese Maßnahmen zum Wohl von Mast­schweinen, Hähn­chen und Puten umsetzen, die über die gesetzlichen Stan­dards hinaus­gehen.

Anforderungen an Tierhalter. Laut der Initiative nehmen mitt­lerweile rund 6 660 geflügel- und schweinehaltende Betriebe in Deutsch­land teil. Es gibt bestimmte Grundan­forderungen, die jeder Tierhalter umsetzen muss – etwa indem er im Stall mindestens 10 Prozent mehr Platz schafft, Beschäftigungs­material wie Heu bereit­stellt oder an einem Über­wachungs­programm zum Antibiotika­einsatz teilnimmt. Betriebe, die Schweine halten, können zusätzliche Wahl­kriterien umsetzen – unter anderem können sie den Stall aktiv kühlen und den Schweinen Scheuer­möglich­keiten geben.

Keine Bio-Qualität. Die Kriterien der Branchen­initiative liegen weit unter den Ansprüchen für Bio-Fleisch. Das Kenn­zeichnungs­system der Supermarkt­ketten sortiert Fleisch aus Betrieben der Initiative Tier­wohl in „Haltungs­form Stufe 2, Stall­haltung Plus“ ein.

Tier­schutz­label: Orientierungs­hilfe des Tier­schutz­bundes

Zwei Stufen von Tier­wohl. Ein Stern steht für Einstiegs­stufe, zwei Sterne für Premi­umstufe.

Auch das Tierschutzlabel gibt Verbrauchern seit Januar 2013 die Möglich­keit, Schweine- und Geflügel­fleisch zu erkennen, das aus tiergerechter Produktion kommt. 2016 wurde das Programm auf Legehennen und 2017 auf Milchkühe erweitert, es sind also auch Eier und Milch mit dem Tier­schutz­label erhältlich. Träger ist der Deutsche Tierschutzbund. Es gibt zwei Stufen: Eine Einstiegs- und eine Premi­umstufe (siehe Bild), beide gehen über gesetzliche Mindest­stan­dards hinaus.

1. Stufe: Einstiegs­stufe (ein Stern):

Für Schweine fordert sie unter anderem Ställe mit Komfortliege­bereichen, etwa 45 Prozent mehr Platz als das Gesetz vorschreibt und Beschäftigungs­möglich­keiten. Das Kupieren der Schwänze ist verboten. Bei Mast­hühnern soll zum Beispiel durch eine Begrenzung der täglichen Gewichts­zunahmeverhindert werden, dass Tiere einge­setzt werden, die genetisch darauf getrimmt sind, sehr schnell zu wachsen. Bei Milchkühen ist unter anderem die Anbindehaltung verboten.

2. Stufe: Premi­umstufe (zwei Sterne):

Bauern, die Fleisch dieser Stufe verkaufen wollen, müssen ihren Tieren Zugang zu Frisch­luft und Auslauf gewähren. Im Supermarkt entspricht das dann der „Haltungs­form Stufe 3“.

Bio-Siegel: Sie garan­tieren hohes Tier­wohl

Das grüne Blatt des EU-Bio-Siegels steht seit 2012 auf allen Bio-Lebens­mitteln, die in der EU gehandelt werden – auch auf Fleisch und Wurst. In den EU-Vorschriften für den ökologischen Land­bau sind strenge Kriterien zum Thema Tier­schutz fest­gelegt. Sie umfassen die Herkunft der Tiere, die verwendeten Futtermittel, die Krank­heits­vorsorge und die tier­ärzt­liche Behand­lung sowie Vorschriften zur Reinigung der Ställe.
Artgerechte Tierhaltung ist das Leit­bild im ökologischen Landbau. Neben dem EU-Bio-Stan­dard gibt es noch die Kriterien der Bio-Anbau­verbände. Auch sie umfassen Tier­wohl­stan­dards, die in einigen Punkten noch strenger sein können als die der EU. Größte Verbände sind Bioland, Naturland und Demeter.

Tipp: Unsere Nachhaltigkeitstests – etwa der Test von Milch oder Schweinefleisch – zeigen, dass sich Bioanbieter oft stark für den Tier­schutz einsetzen. Für Tierfreunde ist daher Biofleisch im Vergleich zu konventioneller Ware die bessere Wahl.

Neuland: Ein alternativer, konventioneller Weg

Neuland ist ein Verein, der 1988 gegründet wurde. Land­wirte, die ihre Tiere nach den Neuland-Richtlinien halten, produzieren kein bio-zertifiziertes Fleisch. Sie legen aber Wert auf eine besonders artgerechte Tierhaltung. Träger von Neuland sind der Deutsche Tier­schutz­bund, der Bund für Umwelt und Natur­schutz Deutsch­land (BUND) sowie die Arbeits­gemeinschaft bäuerliche Land­wirt­schaft. Nach dem Kenn­zeichnungs­system der Handels­ketten entspricht Neuland-Fleisch der „Haltungs­form Stufe 4“.

35 Euro im Jahr fürs Tier­wohl

Wie kann die Nutztierhaltung in Deutsch­land artgerechter und umwelt­freundlicher gestaltet werden? Experten der von der Regierung einge­setzten Borchert-Kommis­sion fordern, den notwendigen Umbau deutscher Ställe mit einer Tier­wohl­abgabe zu finanzieren (Empfehlungen des Kompetenznetzwerks Nutztierhaltung). Ihr Vorschlag: pro Kilogramm Fleisch und Wurst sollten 40 Cent extra berechnet werden, pro Kilo Käse, Butter und Milch­pulver 15 Cent – sowie pro Kilo Milch und Frisch­milch­produkte 2 Cent. Legt man den Durch­schnitts­konsum der Bundes­bürger zugrunde, würde die Tier­wohl­abgabe den Verbraucher pro Jahr rund 35 Euro kosten. Das ergab eine Antwort des Bundes­land­wirt­schafts­ministerium auf eine Anfrage der FDP-Fraktion.

Staatliches Tier­wohl­kenn­zeichen: Pläne der Regierung

Seit 2017 gibt es Pläne für ein staatliches Tier­wohl­kenn­zeichen. Laut Bundes­land­wirt­schafts­ministerin Julia Klöckner (CDU) sollen sich Verbraucher künftig „bewusst dafür entscheiden können, zu den Waren zu greifen, die aus Ställen mit mehr Tier­wohl kommen“ und entscheiden, „was ihnen Tier­wohl auch im Preis wert ist“. Der Gesetz­entwurf für das neue Siegel hat noch nicht erfolg­reich den Bundes­tag passiert. Ob erste gekenn­zeichnete Produkte wie geplant noch 2020 auf den Markt kommen, ist ungewiss.

Das staatliche Label soll zunächst auf Schweine­fleisch beschränkt sein und später zum Beispiel auf Geflügel ausgeweitet werden. Die Teil­nahme am Label-Programm wird für die Produzenten freiwil­lig sein. Es soll drei „Stufen“ geben, die gleich­zeitig in Kraft treten:

  • 1. Stufe. Die Kriterien der ersten Stufe sollen über dem gesetzlichen Mindest­stan­dard liegen. Mast­schweine hätten zum Beispiel 20 Prozent mehr Platz im Stall – unabhängig von der Gewichts­klasse. Zudem müssten die Buchten so strukturiert sein, dass die Tiere unterschiedliche Bereiche zum Ausruhen, Fressen und Sich-Bewegen haben.
  • 2. Stufe. In der zweiten Stufe soll das Platz­angebot mindestens 47 Prozent größer als gesetzlich vorgeschrieben. Ausnahmen, die beim gesetzlichen Mindest­stan­dard möglich sind – etwa mit Blick auf die Mindest­säugephase der Ferkel oder das Kupieren der Schwänze – wären nicht mehr möglich: Ferkel würden mindestens 28 Tage gesäugt, die Schwänze dürften nicht gekürzt werden.
  • 3. Stufe. In Stufe 3 ist für die Schweine durch­schnitt­lich 91 Prozent mehr Platz vorgesehen und für Tiere ab 30 Kilogramm auch Auslauf. Sauen würden ihre Ferkel mindestens 35 Tage säugen.

In allen drei Stufen müssten Tierhalter den Schweinen Raufutter und organisches Beschäftigungs­material zum Kauen, Wühlen und Fressen anbieten. Die betäubungs­lose Kastration der Ferkel soll in allen Stufen verboten sein. Für Schweine, die nach dem gesetzlichen Mindest­stan­dard gehalten werden, gilt das erst ab 2021. Weitere Kriterien regeln zudem, wie lange Tiere trans­portiert werden dürfen oder dass sich Tierhalter jähr­lich zu Tier­schutz­themen fort­bilden müssen.

Kritiker fordern schärfere Regeln für Tierhaltung

Umwelt- und Tier­schutz­verbände bewerten die Kriterien des staatlichen Labels als zu lasch und verlangen eine verpflichtende staatliche Haltungs­kenn­zeichnung. So forderte der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), die Haltungs­kriterien insbesondere bei der ersten Stufe zu verschärfen. Laut Land­wirt­schafts­ministerium ist das Label nicht verpflichtend für alle, weil es dem Verbraucher „ein Mehr an Tier­wohl anzeigen“ solle. Es stehe dafür, dass bei der Erzeugung der Produkte, die das Label tragen, höhere Vorgaben als die gesetzlichen Mindest­stan­dards einge­halten wurden.

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Dieses Special ist erst­mals am 24. April 2018 auf test.de erschienen. Es wurde seitdem mehr­fach aktualisiert, zuletzt am 15. September 2020.

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