Reportage: Im Land der Bio-Garnele

Bio-Garnelen sind rund 35 Prozent teurer als konventionelle Garnelen. Die Aufzucht gestaltet sich aufwändiger, weil weniger Larven in ein Becken kommen. Außerdem kostet Biofutter mehr als übliches Futter und Umweltverbände verlangen umfangreiche Naturschutzmaßnahmen. Stiftung Warentest prüft vor Ort, wie Bio-Garnelen gezüchtet und verarbeitet werden. Eine Reportage.

White Spot Virus

Tiefgekühlte Garnelen Test

Mitarbeiter der Öko-Zuchtfarm mit dem Naturland-Zertifikat.

Es ist Februar, Hochsommer in Ecuador. Die Luft ist so schwül und feucht, dass alle Sachen am Körper kleben. Zwei Stunden dauert die Bootsfahrt zur entlegenen Insel Puná im Südwesten Ecuadors, wo uns Javier Barragan seine Biofarm zeigen will. Schnell geht es an faszinie­ren­den Mangrovenwäldern vorbei, an einfachen Fischerbooten, hier und da sehen wir Delfine. Wir kreuzen auch verlassene Farmen, die die Shrimps-Krise von 1999 nicht überlebt haben. Damals vernichtete ein Virus namens White Spot schlagartig 70 Prozent der Garnelenbestände des Landes. Ein Großteil der Züchter ging Pleite. Auch Javier versuchte mit Antibiotika und Chemikalien zu retten, was noch zu retten war - vergeblich. Damals entschied er, auf Bioproduktion umzusteigen.

Drei Jahre Umstellung

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Schilder am Wegesrand belegen die Aufforstungsbemühungen.

Für die Vergabe des Bio-Zertifikats musste Javier jedoch zuerst die strengen Naturland-Richtlinien erfüllen: Höchstens 12-15 Larven pro Quadratmeter, wo vorher 400 Larven auf gleichem Raum ausgesetzt wurden. Das Fischfutter darf nur von Tieren aus biologischer Zucht stammen. Der Einsatz von Nitraten, Sulfaten, Hormonen und Antibiotika ist tabu. Und in den früheren Zuchtbecken müssen Mangrovenbäume angebaut werden, um das Ökosystem zu stabilisieren. Drei Jahre dauerte es, bis Javier diese Bedingungen erfüllte und das begehrte Zertifikat erhielt. Doch die aufwändigen Zuchtmethoden schlugen sich auch in höheren Preisen nieder. Javier musste neue Kunden suchen. Außerdem mussten die Farm-Mitarbeiter auf die biologische Aquakultur geschult werden.

Biologische Zucht

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Fütterung: Das organische Trockenfutter wird direkt ins Wasser gestreut.

Ankunft auf der Insel. Mit einem langen Holzboot kämpfen wir uns durch dichtes Gestrüpp zu den Zuchtbecken durch. Javier erzählt, dass jedes der 4 bis 10 Hektar großen Becken über einen Fluss Zugang zum Meer hat. Jedes Becken hat einen Beckenwart, der sich um die Garnelen vom Larvenstadium bis zur Ernte kümmert. Auf Booten verteilen sie das Futter in den Zuchtbecken. Einer von ihnen ist Asael aus Peru. Für ihn war die biologische Zucht Neuland: „Das Futter ist hier ausgewogen. Heute kann ich mir nicht mehr vorstellen, dass ich früher chemische Mittel wie Phosphor und Kalk verwendet habe.“

Kein schnelles Geld

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Der White Shrimp eignet sich gut als Bio-Garnele, weil er einen geschlossenen Zuchtkreislauf ermöglicht.

Jetzt wollen wir auch ein paar der Garnelen sehen. Ein Mitarbeiter holt einige Exemplare aus dem Wasser. Sie sind etwa 5 Gramm schwer und entwickeln sich prächtig. In zwei Wochen werden sie geerntet, verarbeitet und nach Europa verschifft. Wir fragen Javier, wie die Mitbewerber auf seine Umstellung zur Bioproduktion reagieren: „Ach, sie erklären mich für verrückt. Viele von ihnen sind nicht zu überzeugen. Einige haben es auch versucht, aber sie haben es gelassen, weil sie nicht wirklich davon überzeugt waren und nur schnelles Geld verdienen wollen – ohne sich um das ökologische System und die Verantwortung für die Menschen kümmern zu wollen.“

Regelmäßige Arztbesuche

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Ein Arzt untersucht die Mitarbeiter der Zuchtfarm.

Es ist mittlerweile 3 Uhr nachmittags. Wir fahren in das Inseldorf, wo viele Mitarbeiter der Garnelenfarm wohnen. Dort erkundigt sich Javier nach dem Befinden der Bewohner, will wissen, wie es mit Arztbesuchen aussieht. Die Antwort: Sie verlassen die Insel, um den Arzt aufzusuchen. Javier scheint nicht zufrieden: „Ich finde es besser, er käme her. Bringt den Arzt hierher. Ich will, dass er sie hier behandelt, wo sie leben“. In der Dorfmitte soll außerdem bald ein Brunnen gebaut werden, damit die Bewohner nicht mehr vom Frischwasser-Transport aus Guayaquil abhängen. Der Brunnen ist bereits von der Regionalregierung zur Verfügung gestellt worden, die Installation wird Javier finanzieren.

Geschütztes Gut

Zurück in der Zentrale der Garnelenfarm, setzen wir unseren Kontrollbesuch fort. Kurz vor Sonnenuntergang treffen wir auf zehn mit Gewehren bewaffnete junge Männer, die bis in die frühen Morgenstunden Wache schieben. Ob biologische oder konventionelle Garnelen, sie sind bei Dieben beliebt, um auf dem Fischmarkt in Guayaquil verkauft zu werden.

Bio bleibt Bio

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Grüne Uniformen: Hier werden die Bio-Garnelen verarbeitet.

Grüne Uniformen: Hier werden die Bio-Garnelen verarbeitet.

Letzter Stopp sind die Kühlhallen von Expalsa, einem der größten Verarbeiter von Garnelen im Land. Dunst liegt in der Luft, wo Tausende von geschäftigen Frauenhänden die Tiere für den Export vorbe­reiten. Strenge Kontrollen und unterschiedliche Kleidung sorgen dafür, dass Bioware und konventionelle Ware nicht verwechselt werden: Grüne Schürzen bedeuten Biogarnelen, gelbe Schürzen herkömmliche. Biogarnelen machen hier 15 Prozent des Geschäfts aus. Für 2006 plant der Inhaber den Bau einer getrennten Verarbeitungsfabrik ausschließlich für Bio-Garnelen. Die internationale Nachfrage nach biologisch gezüchteten Garnelen wächst.

Unsere Kinder

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Diese Jungen haben die Möglichkeit, einen Handwerksberuf zu erlernen.

Das kommt auch den Mitarbeitern zugute: Neben betrieblicher Altersvorsorge, Gesundheitsförderung und Ausbildungsplätzen betreut Expalsa auch das Sozialprojekt „Nuestros Hijos“ (Unsere Kinder). Dieses Projekt unterstützt Kinder und Jugendliche von der Straße und ermöglicht ihnen den Schulbesuch. Nach Abschluss der Schule können die Jugendlichen ein Handwerk wie zum Beispiel Schreinern lernen. „Nuestros Hijos“ steht jedoch nicht nur Straßenkindern zur Verfügung: Manche Eltern schicken auch ihre Kinder zu diesem Projekt, weil sie selbst kein Geld für deren Ernährung und Erziehung haben.

Text und Fotos: Alexander von Loebell

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