Interview: Teurer wäre besser

Tiefgekühlte Garnelen Test

Prof. Dr. Klaus Becker. Direktor des Fachgebiets für Aquakultursysteme und Tierernährung in den Tropen und Subtropen, Universität Hohenheim.

Seit wann gibt es Aquakulturen für Shrimps?

Im Vergleich zu Speisefischen galten Garnelen bis in die 60er Jahre als minderwertig. Als sie in Europa, Japan und den USA beliebt wurden, ließ sich plötzlich viel Geld mit ihnen verdienen. Künstliche Shrimps-Farmen entstanden.

Wo entstehen Aquakulturen?

Für Shrimps-Farmen sind an vielen Küsten in Südostasien, Indien und Lateinamerika Mangrovenwälder unkontrolliert abgeholzt worden. Wo die Bäume früher vielen Jungfischen eine Kinderstube boten und die Küste schützten, stehen jetzt nur befestigte Teiche. Einen ökologischen Ausgleich gibt es nicht.

Warum sind Medikamente notwendig?

Während in der Natur nur etwa 1 bis 2 Garnelen auf einem Quadratmeter Meeresboden leben und in semi-intensiven Aquakultursystemen 5 bis 7 Garnelen, sitzen in intensiven Systemen auf derselben Fläche bis zu 150 Tiere. Sie geraten schnell unter Stress und werden anfällig. Masseninfektionen sind die Folgen, die auf vielen Farmen mit großen Mengen Antibiotika bekämpft werden.

Welche Risiken bergen die Antibiotika?

Bei unsachgemäßem Einsatz von Antibiotika besteht die Gefahr von Rückständen in den Garnelen. Selbst richtig angewendet gelangt viel von den Medikamenten in die Umwelt. Denn die meisten Aquakulturen stehen in direktem Austausch mit dem Meer. Medikamente, Krankheitserreger, Futterrückstände und Kot gelangen so in die offene See. Außerdem bedrohen diese Produkte das Teichökosystem. Es gibt Flächen, die nach fünf Jahren intensiver Aquakultur biologisch tot sind.

Was fressen Garnelen in Aquakulturen?

Wegen der Populationsdichte finden sie kaum noch natürliche Nahrung im Gewässer. Also versorgt man sie mit Futter, das aber zu 70 Prozent aus Fischmehl besteht. Um ein Kilo Garnelenfleisch zu produzieren, benötigt man etwa 3 bis 4 Kilo Fischmehl. Diese Eiweißbilanz ist eine Katastrophe, die Erlöse sind aber hoch genug. Schlimm ist, dass das meiste Fischmehl – selbst für Farmen in Südostasien – aus Peru kommt. Dort könnten Fische helfen, den Proteinmangel von Kindern zu bekämpfen.

Gibt es Ansätze für bessere Aquakulturen?

Aquakulturen haben ja den Vorteil, dass sie der Überfischung der Meere entgegenwirken. Das Ziel muss sein, negative Folgen so weit wie möglich zu minimieren. Zum Beispiel könnte man zugängliche Lichtungen in den Mangrovenwäldern anlegen, statt sie komplett zu roden. Dort sollten sich zertifizierte Betriebe ansiedeln, die auf geringe Besatzdichten in den Farmen achten. Soweit das natürliche Futter nicht reicht, könnte man einen Teil des Fischmehls durch pflanzliche Proteine wie Soja ersetzen. Die Shrimps-Farmer müssten besser ausgebildet und Garnelen teurer sein. Eine große sollte etwa 2,50 Euro kosten.

Was kann der Verbraucher tun?

Er sollte nicht zu jedem Anlass Garnelen servieren. Die Edelprodukte verursachen Kosten für die Allgemeinheit in weniger entwickelten Ländern und die Umwelt. Also: Bewusst genießen.

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