Wer zu viel schwitzt, kann ärztliche Schweißspezialisten aufsuchen. Gegen übermäßiges Schwitzen haben sie neue Konzepte und Rezepte.

Wenn der Gesprächspartner beim pitschnassen Handschlag das Gesicht verzieht, sich die Hand an der Hose abwischt, ist es so weit: Übermäßiges Schwitzen muss und kann behandelt werden ­- vom Arzt.

Michael L. leidet seit dem siebten Lebensjahr unter feuchten, manchmal tropfnassen Händen. "Beim üblichen Begrüßen per Handschlag ist es am schlimmsten", sagt er. Der 22-Jährige hat sich einige Techniken einfallen lassen, um seinen Gesprächspartnern das Gefühl einer "glitschigen Angelegenheit" zu ersparen: Beim Gehen versuchte er, die Hände im Wind zu trocknen, für ein Vorstellungsgespräch stopfte er sich die Hosentaschen voller Taschentücher, bei unverhofften Besuchen floh er zum Händewaschen ins Badezimmer. Doch solche Manöver fruchteten wenig. Folge: "Ich wurde immer nervöser." Und die Hände wurden noch nasser.

Kein kosmetisches Problem

Kontaktscheu und Schwierigkeiten am Arbeitsplatz stellten sich ein. Michael L. konnte wegen der nassen Hände nicht mehr den Schreibstift halten, die Unterlagen verschmierten, Kollegen zogen sich von dem vermeintlich "ungepflegten" Mitarbeiter zurück.

Viele Schwitzer finden bislang auch bei Ärzten oder Therapeuten nicht das erforderliche Verständnis. "Manche Mediziner unterschätzen das übermäßige Schwitzen, erkennen es nicht als Krankheit, die behandelt werden kann", sagt Dr. Anita Rütter, Hautärztin am Universitätsklinikum Münster.

Wenn der Schweiß von Händen, Füßen oder aus den Achseln tropft, bei normalen Temperaturen und ohne körperliche Anstrengung gar aus allen Poren rinnt, ist das kein kosmetisches Problem mehr ­- und auch keines der Hygiene. Mit Waschen, Wäschewechseln, einem Deo oder Puder ist es nicht getan.

Helfen können dann nur noch spezielle Behandlungsmethoden. Sie sind in jenen Zentren zu finden, die sich in der letzten Zeit zunehmend auf die nasse Plage spezialisiert haben.

Unterschätzt und weit verbreitet

Therapien gegen starkes Schwitzen Meldung

Heute weiß man: An übermäßigem Schwitzen (Hyperhidrosis, griechisch hyper = zu viel, hidros = Wasser) leidet etwa ein Prozent der Bevölkerung ­ dieser Wert liegt in der Nähe der Zahl Zuckerkranker (ein bis drei Prozent). Mediziner unterscheiden zwischen dem Schwitzen am ganzen Körper (generalisierte Hyperhidrosis) und dem an einzelnen Körperregionen (fokale Hyperhidrosis), meist an Händen, Füßen, Achseln, manchmal im Gesicht oder im Brustbereich.

Eine generalisierte Hyperhidrosis ist meist Folge einer Grunderkrankung. Stoffwechselstörungen wie Diabetes, Hormonstörungen wie eine Schilddrüsenüberfunktion oder aber neurologische Erkrankungen (unter anderem Querschnittssyndrome oder Gehirnhautentzündung) gehen mit starkem Schwitzen einher. Die Einnahme bestimmter Medikamente (zum Beispiel gefäßerweiternde Substanzen), Bluthochdruck oder starkes Übergewicht fördern die Schweißproduktion. Wird die ursächliche Krankheit behandelt, verliert sich häufig auch das Schwitzen.

Weitaus verbreiteter als das allgemeine ist das begrenzte (fokale) Schwitzen. Anlagebedingt leiden oft schon Eltern oder Geschwister darunter. "Die Betroffenen haben mehr Schweißdrüsen an einzelnen Körperregionen oder die Drüsen werden zu leicht von den Impulsen des Nervensystems aktiviert. Oder aber die Wärmeregulation im Gehirn ist verstellt", erklärt Uwe Schlese, "Schwitzexperte" an der Berliner Charité.

Viele Therapiemöglichkeiten

Therapien gegen starkes Schwitzen Meldung

Auch Salbei soll gegen den Schweiß helfen.

Anspannung und Stress spielen beim übermäßigen Schwitzen immer eine Rolle. Doch mit einem Anti-Stress-Programm oder einer Psychotherapie allein ist das Schwitzen meist nicht zu stoppen. Entspannungsmethoden -­ wie autogenes Training, progressive Muskelentspannung nach Jacobson, Yoga, Tai Chi oder Qui Gong -­ oder eine psychologische Hilfe ist in vielen Fällen zusätzlich zur medizinischen Therapie zu empfehlen.

Der Aktivität von Schweißdrüsen kann mit einer Palette medizinischer Maßnahmen Einhalt geboten werden, insbesondere bei lokal begrenztem Schwitzen:

• Zunächst sollten die Patienten ausprobieren, ob Aluminiumchlorid hilft. Das Metallsalz verengt die Ausführungsgänge der Schweißdrüsen. Seine Wirksamkeit ist nachgewiesen. Die Creme oder das Gel wird abends unmittelbar vor dem Schlafengehen auf die entsprechenden Körperzonen aufgetragen. Abends und nachts schalten die Schweißdrüsen ihre Aktivität herunter und können den Wirkstoff nicht wegwaschen.

• Aluminiumchlorid ist in vielen Deos enthalten, allerdings nur in geringen Mengen.

• Wirksamer ist eine individuelle, vom Arzt verschriebene Mischung mit einer Konzentration von 10 bis 30 Prozent. Nachteil der ansonsten unproblematischen und preiswerten Therapie: Manchmal treten Hautreizungen auf.

• Auch Gerbstoffe (zum Beispiel Eichenrindenextrakte) oder Aldehyde können Linderung bringen. Beide Substanzen werden, wie das Aluminiumsalz, äußerlich angewendet und verschließen ebenfalls die Schweißdrüsenausgänge.

• Wenn diese Mittel nicht die gewünschte Wirkung zeigen, empfiehlt sich die so genannte Leitungswasser-Iontophorese, ein Gleichstrom-Wasserbad. Bei starkem Schwitzen an Füßen, Händen, Achseln ist dieses Mittel aus der Physiotherapie sehr effektiv, und dies ohne Nebenwirkungen.

"Wie der Gleichstrom wirkt, ist nicht genau bekannt", so Uwe Schlese. "Vermutlich verengt er die Schweißporen und irritiert das Nervensystem, so dass es weniger Impulse an die Schweißdrüsen aussendet."

Bei der Iontophorese werden Hände und Füße in flache, halb mit Wasser gefüllte Plastikwannen getaucht, in denen sich Elektroden befinden, die über Kabel mit einem Generator verbunden sind. Für die Achselhöhlen behilft man sich mit einem Schwamm, der eine Elektrode enthält. Eine Behandlung dauert 20 bis 30 Minuten.

Am Anfang sollten die Patienten mindestens dreimal wöchentlich zur Iontophorese in die Klinik gehen. Danach genügen ein- bis zweimal pro Woche. Die Patienten können sich dann ein Heimgerät verschreiben lassen und die Anwendungen zu Hause durchführen. Nach wenigen Behandlungen merkt der Patient bereits, dass sich das Schwitzen reduziert.

Nach einem halben Jahr ist oft schon ein normaler Zustand erreicht. Beenden die Patienten die Therapie der Wasserbäder, nimmt die Schweißsekretion jedoch nach drei bis sechs Wochen wieder zu. Manche Ärzte befürchten, dass die Wirkung der Iontophorese mit der Zeit auch bei regelmäßiger Anwendung nachlässt.

Ein Gleichstrom-Vollbad, das Stanger-Bad, hat sich nach Auskunft von Uwe Schlese bei der generalisierten Hyperhidrose bewährt. Unterstützend zur Behandlung der Grunderkrankung können auch andere Therapien angewendet werden: Zum Anfang lohnt sich ein Versuch mit Salbei oder Kampfer, als Tee oder Dragees eingenommen. Bei schweren Schwitzstörungen werden gelegentlich so genannte Anticholinergika eingesetzt, die das vegetative Nervensystem ­ zuständig für den Wärmehaushalt ­ stark dämpfen. Weil diese Medikamente über das Gehirn wirken, ist mit Nebenwirkungen, zum Beispiel Müdigkeit, Übelkeit, gelegentlich mit Herzrhythmusstörungen zu rechnen.

Neues Mittel

Half das alles nicht, blieb bis vor kurzem nur noch der Gang zum Chirurgen: Er kann den Nervenstrang neben dem Rückenmark betäuben oder durchtrennen (Sympathektomie), der für Schweißdrüsen an Händen und Füßen verantwortlich ist. Das Risiko ist relativ hoch: Auf dem Weg durch den Brustkorb kann die Lunge verletzt, beim Durchtrennen der Nerven können Nervenfasern getroffen werden, die zum Auge führen. Noch öfter kommt es zum "kompensatorischen Schwitzen" anderer Körperregionen: "Durch Thermoregulation will der Organismus damit vermutlich die Wärmeabgabe auf das ursprüngliche Niveau heben", erklärt Schlese.

Weniger problematisch ist eine Operation an den Achseln: Dort werden die Schweißdrüsen entweder herausgekratzt (Schweißdrüsen-Kürettage) oder mit dem Fettgewebe abgesaugt (Liposuktion).

Ein neues Verfahren könnte nun einigen Patienten eine Operation ersparen: Das Nervengift Botulinumtoxin A blockiert gezielt die Nervenimpulse, die in einem bestimmten Körperareal die Schweißdrüsen stimulieren. Nach im Schnitt drei bis sieben Tagen tritt eine deutliche Besserung ein. "Bei manchen Patienten hört das Schwitzen bereits nach einigen Stunden schlagartig auf", berichtet Dr. Anita Rütter von der Hautklinik in Münster. Die Wirkung hält nach den bisherigen Erfahrungen etwa vier bis zwölf Monate an, die Patienten müssen sich dann erneut behandeln lassen.

Beim Patienten Michael L. hat schon die Iontophorese geholfen: Nach ein paar Behandlungen konnte er seinen Kollegen zum ersten Mal eine trockene Hand reichen.

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