Textilsiegel im Test Test

Weißes T-Shirt ist nicht gleich weißes T-Shirt. Ob es nach­haltig hergestellt wurde, sieht man dem Produkt aber leider nicht auf den ersten Blick an.

Die Stiftung Warentest hat fünf Siegel geprüft, die für Umwelt­schutz und bessere Arbeits­bedingungen in der Textilbranche stehen. Das Resultat des Tests: Nicht alle Nach­haltig­keits-Siegel belegen tatsäch­lich die Herkunft ihrer Ware.

Viele Menschen würde gerne nach­haltig kaufen

Mehr als die Hälfte der Verbraucher würden gern mehr nach­haltige Kleidung kaufen. Solche, die nicht Natur und Mensch vergiftet und nicht von unterbe­zahlten Arbeitern vernäht wurde. Leider finden diese Käufer die nach­haltigen Stoffe kaum im Handel, so das zwiespältige Ergebnis einer Umfrage der Zeit­schrift Textilwirt­schaft. Und stößt ein glück­licher Käufer auf ein Etikett mit einem Nach­haltig­keits­siegel, dann ist profundes Wissen erforderlich: Es gibt Dutzende Siegel für Kleidung am Markt, manche taugen etwas, manche weniger.

Der Grüne Knopf soll Kunden leiten

Textilsiegel im Test Test

Knopf am Textil. Das Logo des kommenden Bundes-Siegels.

Bundes­entwick­lungs­minister Gerd Müller versucht seit Jahren, Abhilfe zu schaffen. Anfang Juli will er ein neues zentrales Siegel vorstellen, den Grünen Knopf. Gut 20 Firmen wollen mitmachen, ein kleiner Anfang auf dem gigantischen Markt der Textil­industrie mit ihren geschätzt 200 Millionen Beschäftigten welt­weit. Das neue Über-Siegel soll sozial und ökologisch nach­haltige Textilien leichter erkenn­bar machen.

Weniger als 1 Prozent Biobaumwolle

Ein Teil der Textilwirt­schaft produziert bereits Kleidung mit Sozial- und Umwelt­siegeln. Welt­weit sind immerhin 19 Prozent der Baumwolle aus zertifiziertem nach­haltigem Anbau. Sie stehen zum Beispiel für ein spar­sames Wasser­management oder eine nach­haltige Bewirt­schaftung der Felder, etwa durch wechselnde Frucht­folgen. Aus streng biologisch kontrolliertem Anbau – das heißt unter anderem Verzicht auf Pestizide und Kunst­dünger – stammt zurzeit aber nicht einmal 1 Prozent der welt­weiten Baumwolle. Folg­lich ist auch der Anteil von Kleidung mit Bio- oder Nach­haltig­keits­siegeln im Verhältnis zum millionenfachen Ausstoß der Modemarken eher gering.

Diese Siegel hat die Stiftung Warentest ausgewählt

Wir haben uns fünf Siegel für nach­haltige Kleidung genauer angesehen (siehe Tabelle). Unter den vielen Kenn­zeichnungen wählten wir sie aus, weil wir sie am häufigsten im Bekleidungs­handel antrafen. Es gibt weitere Siegel, die zum Teil höhere Anforderungen haben – doch die sind in den Regalen kaum zu finden, weil Hersteller sie selten nutzen (Das Portal zur Siegel-Klarheit).

Vom Regal zurück zum Baumwoll­feld

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Viel Etikette. Eine Auswahl der von uns gekauften T-Shirts mit Nach­haltig­keits-Siegeln.

Wir kauf­ten von jedem der fünf Siegel drei T-Shirts aus Baumwolle, teils im Laden, teils online. Dann fragten wir die Organisation oder die Firma, welche das Label am T-Shirt vergibt, ob und wie sie ihr Shirt zurück­verfolgen kann – über Näherei, Färberei, Spinnerei bis hin zum Baumwoll­feld. Besucht haben wir Farmen und Firmen nicht, wir blieben auf der Papierspur der Etiketten. Die Rück­verfolg­barkeit dieser Spur ist die Grund­lage, wenn eine Firma kontrollieren will, wie fair und ökologisch die Herstellung eines Produkts ist.

Bildergalerie: Der lange Weg der Baumwolle

Nach vielen Arbeits­schritten liegt sie als Hemd im Laden.

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Biobaumwoll­feld. Pflü­cker im indischen Bundes­staat Andhra Pradesh.
Baumwoll­anbau. Feuchtes warmes Früh­jahr, trockene Sommer – das braucht die Baumwolle, damit ihre Kapseln reifen können. Indien, China und die USA sind die größten Anbauländer. Konventionell angebautes Cotton wächst zu etwa 80 Prozent aus genver­ändertem Saat­gut und braucht viele Spritz­mittel. Biobaumwolle macht weniger als 1 Prozent der Produktion aus, jedoch mit stark steigender Tendenz. Je nach Größe der Farmen und dem Lohn­niveau im Land wird von Hand oder mit motorisierten Ernte­maschinen gepflückt. Hand­pflü­cken ist schonender für das Feld und die Wolle.

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Haufen­weise „Organic“. Biofasern in einer Entkörnungs­fabrik in Madhya Pradesh, Indien.
Weiterver­arbeitung. In Entkörnungs­fabriken sammelt sich die Rohbaumwolle in großen Mengen. Maschinen trennen dort die Fasern von ihren Samen­körnern (daher „Entkörnen“) und pressen große weiße Ballen daraus. Dann geht es in die nächste Fabrik zum Spinnen der Garne, von da aus weiter zu Färberei und Weberei. Diese Fabriken stehen oft in verschiedenen Ländern.

Textilsiegel im Test Test

Emsig nähen. Hier in einer Textilfabrik in Dhaka, Bangladesch.
Das fertige Hemd. Zuschneiden, Nähen, Verpacken sind die letzten Schritte in der langen Kette. Arbeits­lohn macht in Deutsch­land bei einem T-Shirt einen Anteil von 0,6 Prozent am Endpreis aus.

Gots-Zertifikate für alle drei T-Shirts

Am meisten über­zeugt hat uns der Global Organic Textile Stan­dard (Gots). Dahinter steht eine gemeinnützige Gesell­schaft, gegründet von vier Non-Profit-Organisationen aus vier Ländern. Aus Deutsch­land ist der Interna­tionale Verband der Natur­textilwirt­schaft dabei. Gots hat auf unsere Anfrage Zertifikate zu allen drei T-Shirts geliefert. Das Siegel fordert die Verwendung von Biobaumwolle. Alle Verarbeitungs­betriebe müssen soziale Mindest­kriterien erfüllen, also etwa dafür sorgen, dass Arbeiter sichere Arbeits­bedingungen vorfinden oder sich in Gewerk­schaften organisieren können. Jedes T-Shirt war zurück­verfolg­bar bis zur Baumwoll­farm.

C&A liefert Nach­weis für jedes T-Shirt

Bei C&A findet der Kunde auf mancher Ware ein Etikett namens „#wear the change“. Dahinter verbergen sich verschiedene Siegel, die auf dem Etikett genannt werden: für Biobaumwolle etwa oder für wiedergewonnene Fasern. Deutsch­lands meist­besuchte Bekleidungs­firma nutzt unter anderem Gots-Zertifikate für Biobaumwolle. Auf Nach­frage konnte sie zu jedem T-Shirt die Herkunft nach­weisen, die Mitarbeit war engagiert. Wie viele Große im Textilsektor hat C&A umfang­reiche Selbst­verpflichtungen zu nach­haltigen Lieferketten und Rohstoffen.

Unterstüt­zung für afrikanische Farmer

Das Siegel Cotton made in Africa (CmiA) entspringt der Initiative einer gemeinnützigen Stiftung. CmiA will afrikanischen Baumwoll­farmern helfen, zum Beispiel durch gezielte Schu­lungen oder den Verzicht auf die gefähr­lichsten Spritz­mittel. Auf die bei konventionellen Bauern weit verbreitete genver­änderte Baumwolle verzichtet dieses Siegel.

Im Gegen­satz zu Gots setzt CmiA über­wiegend nicht auf die genaue Rück­verfolg­barkeit einzelner T-Shirts, sondern arbeitet mit der sogenannten Massen­bilanzierung: Ein Mode­hersteller ordert zum Beispiel bei der Spinnerei Stoff aus Baumwolle nach den CmiA-Regeln für 10 000 Hemden. Die Spinnerei bestellt darauf­hin so viel Baumwolle bei einem CmiA-Händler, wie für 10 000 Hemden benötigt wird. Sie muss nicht auf die Baumwolle von Cotton made in Africa warten, sondern kann mit vorhandener Ware losspinnen. Ob und wie viel CmiA-Ware in einem T-Shirt steckt, ist egal – nur die Bilanz muss stimmen.

265 711 Bauern für ein Hemd

Die Massen­bilanzierung ermöglicht es Fabrikanten, flexibler zu arbeiten, wenn etwa nicht genug zertifizierte Ware zum Spinnen der Garne verfügbar ist. In welchem konkreten Textil CmiA-Baumwolle steckt, bleibt bei diesem Verfahren unklar. In unserem Test gibt CmiA für ein geprüftes T-Shirt die verarbeitenden Firmen bis zurück zu den Baumwoll­händ­lern an. Aber: „Kumuliert waren in der Saison 265 711 Bauern bei den genannten Baumwoll­gesell­schaften unter Vertrag.“ Diese Bauern haben ihre Felder in den Ländern Mosambik, Elfen­beinküste und Kamerun.

H&M bleibt eher vage

Hennes & Mauritz, kurz H&M, hat seinen Firmensitz in Schweden, ist aber trotzdem Deutsch­lands Nummer zwei im Bekleidungs­handel. Das firmen­eigene Nach­haltig­keits-Logo heißt Cons­cious. H&M nutzt dafür ebenso wie C&A diverse firmenfremde Siegel beim Bezug der Textilien, darunter ebenfalls Gots-Zertifikate für Biobaumwolle. Die Siegel werden auf dem Etikett allerdings nicht genannt. Stoffe müssen zu mindestens 50 Prozent aus nach­haltigem oder recyceltem Material bestehen.

Auch H&M verweist auf zusätzlich geltende Unter­nehmens­verpflichtungen zur Nach­haltig­keit. H&M schreibt umfang­reicher als manch anderer Mode­konzern über seine Aktivitäten in dem Sektor, listet auch einen Teil seiner 1 269 Lieferanten auf. In unserer Unter­suchung zu den drei T-Shirts hingegen war H&M nicht so mitteil­sam, Konkretes zur Herkunft der Baumwolle erfuhren wir nicht.

Die Better Cotton Initiative enttäuscht

Am wenigsten über­zeugend stellte sich uns die Better Cotton Initiative und ihre BCI-Kenn­zeichung dar. Die Non-Profit-Organisation arbeitet welt­weit mit Koope­rativen und Bauern jeder Größe. Ihre Baumwolle ist weit verbreitet, wohl auch, weil BCI weniger strenge Anforderungen stellt als die anderen Label­organisationen im Test. 1,3 Millionen Farmer hatten in der Saison 2016/2017 eine BCI-Lizenz. Für Auskünfte zu einzelnen T-Shirts sah sich die Organisation uns gegen­über außer­stande. Sie arbeitet ebenfalls mit der Massen­bilanzierung, die Baumwolle darf also mit nicht­zertifizierten Fasern vermischt werden.

Ein verbindliches staatliches Siegel

Der Check offen­bart deutliche Unterschiede zwischen den fünf untersuchten Siegeln. Immerhin: Unternehmen, die eins der Siegel nutzen, tun freiwil­lig etwas dafür, Umwelt­schutz und Arbeits­bedingungen in der Textil­industrie zu verbessern. Darauf baut auch der Grüne Knopf des Bundes­entwick­lungs­ministeriums. Firmen, die ihn an ihre T-Shirts und Hosen heften wollen, müssen nach­weisen, dass sie die Menschen­rechte in der gesamten Lieferkette schützen. Sie müssen bestehende Textilsiegel nutzen, die ökologische und soziale Stan­dards in der Produktion setzen.

Der Knopf ist als geschützte Marke einge­tragen und soll Vor-Ort-Kontrollen in Produktions­ländern gewähr­leisten. Für die Einhaltung der Kriterien soll die DAkkS sorgen, die Akkreditierungs­stelle der Bundes­republik Deutsch­land. Allerdings gilt das alles in der Start­phase nur für den letzten Produktions­schritt der Konfektionierung, also Zuschneiden, Nähen und Verpacken.

„Ziel muss sein, die gesamte Lieferkette abzu­decken“

„Ein freiwil­liges, aber verbindliches und anspruchs­volles staatliches Siegel ist zu begrüßen. Es kann Verbrauchern einen echten Mehr­wert bieten“, sagt Kathrin Krause, Referentin Nach­haltiger Konsum beim Verbraucherzentrale Bundes­verband. „Wie verbindlich der Grüne Knopf tatsäch­lich sein wird, hängt entscheidend davon ab, wie die Satzung gestaltet wird, und welche Kriterien die Unternehmen erfüllen müssen. Ziel muss sein, die gesamte Lieferkette abzu­decken, nicht nur die Konfektion.“

Tipp: Die Suche nach fair und nach­haltig produzierter Kleidung erleichtern kann der Einkauf bei Spezialisten wie zum Beispiel Hess Natur oder Wasch­bär. Der Onlineversender Zalando hat in seiner Produkt­suche für Bekleidung ein vorgegebenes Feld „Nach­haltig­keit“. Bei anderen wie otto.de muss man selbst auf das richtige Such­wort kommen, etwa „nach­haltige Mode“.

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