Testaments­voll­stre­cker Special

Kontrolle. Ein Testaments­voll­stre­cker über­wacht die Erben.

Sie sind der verlängerte Arm des Erblassers und haben viel Macht: Testaments­voll­stre­cker können Streit unter Erben verhindern – oder Probleme verschärfen. Doch welche Befug­nisse haben sie eigentlich genau? Wie viel Geld steht ihnen für ihre Tätig­keit zu? Und wie geht das eigentlich: Erben unter Aufsicht. Vom richtigen Umgang mit dem Treuhänder des Verstorbenen.

Wenn Geschwister nur noch über ihren Anwalt miteinander sprechen

Das Schreiben erreichte Mirka Wiedmann* zwei Tage nach dem Tod ihrer Mutter. Nüchtern informierte ihr Bruder sie, es gebe bereits einen Kauf­interes­senten für das Haus ihrer Eltern. Auch über den Preis sei man sich einig. „Wenn Du nicht unter­schreibst, bist Du dumm.“ Diesen Vorwurf wollte die Ärztin ungern auf sich sitzen lassen. Verkaufen kam aber noch weniger infrage, erst recht als sie bemerkte, dass ihr Bruder heimlich die Schlösser ausgetauscht hatte und ihr so den Zugang zu ihrem Eigentum verwehrte. Ein normales Gespräch ist seither nicht mehr möglich. Die Geschwister kommunizieren nur noch per Anwalt.

* Name von der Redak­tion geändert.

Konflikte oft programmiert

„Buddel­kastensyndrom“ nennen Anwälte dieses Phänomen, das unter Geschwistern häufig auftritt. „Über­spitzt ausgedrückt, rächt sich der kleine Bruder jetzt dafür, dass die Schwester ihm beim Sandkuchenba­cken immer das Förm­chen geklaut hat“, sagt Stefan Rißmann, Fach­anwalt für Erbrecht aus Potsdam. Doch nicht nur enge Verwandte streiten oft erbittert ums Tafel­silber: Wann immer es mehr als einen Erben, also eine Erben­gemeinschaft gibt, sind Konflikte programmiert.

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Wenn keiner allein entscheiden darf

„Eine Erben­gemeinschaft ist wie ein Bus, in dem es pro Fahr­gast ein Gaspedal und eine Bremse gibt“, sagt Nina Lenz-Brendel, Fach­anwältin für Erbrecht in Mann­heim. Weil alle Erben Miteigentümer jedes Nach­lass­gegen­standes werden, kann keiner selbst­ständig über das Vermögen oder Einzel­gegen­stände verfügen. Vielmehr müssen die Beteiligten das Erbe gemein­sam verwalten. „Schießt nur einer quer, droht der Still­stand oder eine verlust­reiche Auseinander­setzung“, warnt die Juristin.

Der Testaments­voll­stre­cker: Verlängerter Arm des Erblassers ...

In der Praxis sind solche Fälle eher die Regel denn die Ausnahme. Von Eifersüchteleien bis zu Differenzen darüber, wie die Firma des Vaters fort­zuführen ist: Gründe zum Streiten gibt es fast immer. Hat der Verstorbene seinen Hinterbliebenen einen Treuhänder zur Seite gestellt, kann dieser im Ideal­fall den Familien­frieden retten. „Der Testaments­voll­stre­cker agiert als verlängerter Arm des Erblassers. Er sorgt dafür, dass das Vermögen wunsch­gemäß verteilt wird und kann, wenn nötig, auch gegen den Willen einzelner Hinterbliebener Tatsachen schaffen“, sagt Anwalt Rißmann.

... mit weitreichenden Befug­nissen

Der Gesetz­geber hat das Amt mit weitreichenden Befug­nissen ausgestattet. Im Bürgerlichen Gesetz­buch steht in Paragraf 2205: „Der Testaments­voll­stre­cker hat den Nach­lass zu verwalten. Er ist insbesondere berechtigt, den Nach­lass in Besitz zu nehmen und über die Nach­lass­gegen­stände zu verfügen.“ Die Erben kommen erst einmal nicht heran. Bis der Voll­stre­cker ihnen ihren Anteil zuweist, können sie weder den Familien­schmuck verteilen, noch ihr Eltern­haus verkaufen oder vermieten.

Die Aufgaben des Anstands­wauwaus

Nicht jeder ist erbaut, wenn ihm ein solcher Anstands­wauwau vor die Nase gesetzt wird. Das gilt vor allem bei der Dauer­voll­stre­ckung. Erben müssen dann bis zu 30 Jahre – in Ausnahme­fällen sogar länger – damit klar­kommen, dass ein Dritter und nicht sie selbst den Nach­lass verwalten. Gebräuchlich ist diese Variante der Testaments­voll­stre­ckung, wenn Vermögen zum Beispiel für minderjäh­rige oder behinderte Erben zu verwalten ist. Oder wenn der Verstorbene ein Unternehmen hinterlässt und sicher­stellen will, dass ein geschäftlich unerfahrener Erbe das Zepter erst über­nimmt, wenn er ausreichend ausgebildet ist.

Versäum­nisse sanktionieren

Kurz­fristiger angelegt ist die zweite Variante, die Abwick­lungs­voll­stre­ckung. Der Treuhänder kümmert sich vor allem um Aufgaben, die sonst die Erben selbst erledigen müssten: Er verteilt Vermächt­nisse, bereitet die Erbschaft­steuererklärung vor oder kontrolliert, dass die Hinterbliebenen bestimmte Auflagen erfüllen, etwa bei der Grab­pflege. Es gehört ebenfalls zu seiner Pflicht, Versäum­nisse in diesem Bereich zu sanktionieren, wenn der Verstorbene das gewünscht hat.

Jeder bekommt das, was ihm zusteht

Im Wesentlichen hat der Amts­inhaber aber die Erben­gemeinschaft auseinander­zusetzen – also das Erbe aufzuteilen – und sicher­zustellen, dass am Ende jeder Nach­fahre das bekommt, was ihm zusteht.

Koope­ration zahlt sich meistens aus

„Ein guter Testaments­voll­stre­cker kann selbst bei großen Erben­gemeinschaften Zwietracht vermeiden und jedem Beteiligten zu seinem Recht verhelfen“, sagt Anwältin Lenz-Brendel. Das geht schneller und reibungs­loser, wenn alle an einem Strang ziehen. „Die Koope­ration mit dem Treuhänder ist meist eine gute Entscheidung, selbst wenn ein Erbe mit dessen Einsetzung nicht einverstanden ist.“

Seine Haupt­pflicht ist das Verzeichnis

Dennoch sollten Hinterbliebene dem Voll­stre­cker auf die Finger sehen. Wichtig ist etwa, dass er direkt nach Antritt seines Postens ein voll­ständiges Verzeichnis der Nach­lass­gegen­stände samt etwaiger Schulden anfertigt und den Erben vorlegt. Nur so erhalten sie einen Über­blick über ihre spätere Habe. „Das Erstellen des Nach­lass­verzeich­nisses gehört zu den Kardinal­pflichten jedes Testaments­voll­stre­ckers, sagt Lenz-Brendel. Erfüllt er sie nicht oder unvoll­ständig, können Erben beim Nach­lass­gericht seine Entlassung beantragen.“

Abberufung nur bei groben Pflicht­verstößen

Ob das Gericht dem Ersuchen entspricht, ist schwer vorherzusagen. Laut Gesetz recht­fertigen nur „grobe Pflicht­verstöße“ einen solchen Schritt. Wann ein solch unent­schuld­barer Schnitzer vorliegt, darüber lässt sich treff­lich streiten (Wann Erben ihren Aufpasser feuern dürfen). Die Tendenz der Recht­sprechung ist meist eher testaments­voll­stre­ckerfreundlich, so Juristin Lenz-Brendel. Das soll sicher­stellen, dass Erben lästige Über­wacher nicht einfach vom Hof jagen und so Anordnungen des Erblassers miss­achten können.

Treuhänder muss einmal im Jahr Rechenschaft ablegen

Umso wichtiger ist es, dass Erben ihre Kontroll­rechte wahr­nehmen. Bleibt der Treuhänder mehr als zwölf Monate im Amt, können sie zum Beispiel verlangen, dass er einmal pro Jahr über seine Tätig­keit Rechnung ablegt. Dieses Recht steht jedem Einzelnen zu – auch ohne die Zustimmung der Erben­gemeinschaft. Oft dürfte aber zumindest in diesem Punkt Einig­keit bestehen, da die Erben die Zahlen vielfach für ihre Einkommensteuererklärung brauchen.

„Angemessene Vergütung“

Schwieriger zu beant­worten ist wieder die Frage, welche Summen der Treuhänder für seine Dienste abrechnen darf. Laut Gesetz steht ihm eine „angemessene Vergütung“ zu, „sofern nicht der Erblasser ein anderes bestimmt hat“. Welche Summen als „angemessen“ gelten, hat der Gesetz­geber offengelassen. Das birgt großes Konflikt­potenzial. „Es gibt immer wieder Fälle, in denen ein Testaments­voll­stre­cker ein Vielfaches von dem verlangt, was ihm am Ende nach aufwendigen und kost­spieligen Gerichts­verfahren zugesprochen wird“, warnt Juristin Lenz-Brendel. Enthält das Testament keine klare Anordnung zum Honorar, sollten Erben deshalb so früh wie möglich eine schriftliche Regelung mit dem Voll­stre­cker treffen.

Tabelle des Deutschen Notar­ver­eins bietet Orientierung

Eine Möglich­keit ist es, sich auf die Empfehlungen zu beziehen, die der Deutsche Notar­ver­ein ausspricht. Sie orientieren sich an der Höhe des Nach­lasses und dem Aufwand, der mit dem Amt verbunden ist (siehe Tabelle). Bei großen Nach­lässen oder unklaren Vermögens­verhält­nissen ist auch eine Pauschale über­legens­wert. Nach der „Neuen Rhei­nischen Tabelle“ des Deutschen Notar­ver­eins erhalten Testaments­voll­stre­cker einen bestimmten Prozent­satz des Nach­lass­wertes als Grund­vergütung. Für besonders aufwendige Arbeiten wie den Verkauf von Immobilien im Ausland sind Zuschläge von bis zu 100 Prozent vorgesehen.

Wichtig: Viele Gerichte haben die Werte der Tabelle zwar schon gebil­ligt, bindend sind sie aber nicht. Je nach Fall sind deshalb – auch deutliche – Abweichungen möglich.

Wert des Nach­lasses (Euro) 1

Vergütungs­grund­betrag

Bis 250 000 Euro

4 Prozent

Bis 500 000 Euro

3 Prozent, mindestens aber der höchste Betrag der Vorstufe 2

Bis 2 500 000 Euro

2,5 Prozent, mindestens aber der höchste Betrag der Vorstufe

Bis 5 000 000 Euro

2 Prozent, mindestens aber der höchste Betrag der Vorstufe

Ab 5 000 000 Euro

1,5 Prozent, mindestens aber der höchste Betrag der Vorstufe

    Quelle: Neue Rhei­nische Tabelle des Deutschen Notar­ver­eins

    • 1 Brutto­werte (ohne Berück­sichtigung von Nach­lass­verbindlich­keiten).
    • 2 Beispiel: Hat der Nach­lass einen Wert von 260 000 Euro, kann der Testaments­voll­stre­cker 10 000 Euro verlangen (4 Prozent von 250 000 Euro), nicht 7 800 Euro (3 Prozent von 260 000 Euro).

    Die teuerste Variante, Erbstreitig­keiten anzu­gehen, wählten die Wiedmann-Geschwister – ohne Testaments­voll­stre­cker. Sie streiten bereits in der zweiten Instanz.

    Ratgeber der Stiftung Warentest: Das Nach­lass-Set

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