Termin beim Psycho­therapeuten Special

Allein oder in der Gruppe – beides ist möglich. Nur etwa 2 Prozent aller ambulanten Patienten machen eine Gruppen­therapie.

Schneller zum Augen­arzt oder Ortho­päden, das gilt seit Ende Januar. Länger als vier Wochen sollen gesetzlich Kranken­versicherte nicht auf einen Termin warten müssen, wenn sie ihn über eine Termin­service­stelle der Kassen­ärzt­lichen Vereinigung ihres Bundes­landes vereinbaren. Für einen Termin beim Psycho­therapeuten gilt dies bisher nicht. Doch auch hier kommt es oft auf schnelle Hilfe an. Finanztest beant­wortet die wichtigsten Fragen für gesetzlich Versicherte auf der Suche nach einer ambulanten Psycho­therapie.

Akut-Patienten werden oft nicht schnell genug behandelt

Warum ist es wichtig, dass psychisch Kranke schnell eine Behand­lung bekommen?

Je schneller eine Depression, eine Angst­störung oder eine andere psychische Krankheit behandelt wird, desto besser. Bekommt ein Kranker keine rasche und wirk­same Hilfe, kann dies lebens­gefähr­lich sein. Nach Angaben der Deutschen Depressions­hilfe passiert „die große Mehr­heit“ der jähr­lich 10 000 Suizide und rund 150 000 Suizid­versuche in Deutsch­land aufgrund „einer oft nicht optimal behandelten Depression“. Patienten mit akuten Problemen erhalten ihre psycho­therapeutische Behand­lung oftmals nicht schnell genug. Die Erkrankten müssen daher häufig unnötig, wieder­kehrend und zu lange ins Kranken­haus.

Wie lange müssen Kassenpatienten derzeit auf einen Termin beim Psycho­therapeuten warten?

Im Durch­schnitt drei Monate bis zum Erst­gespräch, durch­schnitt­lich drei weitere Monate bis zum Beginn der eigentlichen Therapie, so die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK).

Große regionale Unterschiede

Warum dauert das so lange?

Da gehen die Meinungen auseinander. Laut Kammer gibt es zu wenig Therapeuten mit Kassen­zulassung und „Defizite in der Bedarfs­planung“. Diese Planung stammt im Wesentlichen noch aus dem Jahr 1999. Seitdem ist die Zahl der Psycho­therapeuten zwar gestiegen. Aber auch die Zahl der Patienten hat erheblich zugenommen. Im Jahr 2004 waren es im Durch­schnitt noch rund 800 000 Patienten in einem Quartal. Inzwischen sind es mehr als 1,25 Millionen.

Nach Ansicht des Spitzen­verbandes der Gesetzlichen Kranken­versicherung (GKV) gibt es bundes­weit genug Psycho­therapeuten, jedoch unter­versorgte Regionen. In München kommen 73 Therapeuten auf 100 000 Einwohner, im bayerischen Kreis Schweinfurt nur 4.*

Ferner beklagt der GKV-Spitzenverband, dass „rund ein Fünftel der Psycho­therapeuten weniger als halb­tags arbeiten“, jedoch die volle Zulassung haben. Sprecher Florian Lanz sagt: „Dann müssen wir uns nicht wundern, wenn es trotz einer auf dem Papier ausreichenden Anzahl an Psycho­therapeuten zu Warte­zeiten kommt.“

Warum vermitteln denn die neuen Termin­service­stellen der Kassen­ärzt­lichen Vereinigungen keine Termine bei Psycho­therapeuten?

Vorher muss noch die Psycho­therapie-Richt­linie geändert werden. Dafür hat der Gemeinsame Bundesausschuss, in dem auch Ärzte, Psycho­therapeuten und Krankenkassen vertreten sind, bis zum 30. Juni Zeit. Ende 2016 sollen gesetzlich Versicherte dann auch inner­halb von vier Wochen über eine Termin­service­stelle einen Termin beim Psycho­therapeuten bekommen können. Bis dahin müssen aber Psycho­therapeuten noch regel­mäßige Sprech­stunden einrichten, in denen sie akut psychisch belastete Menschen schnell versorgen können. Dann können die Termin­service­stellen Termine vermitteln.

Viele Kassen helfen bei der Termin­suche

Was tun die Krankenkassen, um ihren Versicherten zu helfen?

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Der Podcast zum Thema „Termin beim Psycho­therapeuten“.

Viele gesetzliche Krankenkassen helfen ihren Versicherten bei der Termin­suche. Von den zehn größten haben immerhin fünf einen Termin­service. Einige Kassen ermöglichen ihren Versicherten eine bessere Versorgung per Fach­arzt­vertrag. Zum Beispiel haben die AOK Baden-Württem­berg, die DAK Gesundheit und die Bosch BKK über einen Medizi­nerverbund Verträge mit Psycho­therapeuten abge­schlossen, die ihren Versicherten in Baden-Württem­berg unter anderem ein breiteres Therapie­angebot und einen schnel­leren Behand­lungs­beginn garan­tieren sollen. Höchs­tens vier Wochen müssen Kranke warten. Im Gegen­zug bekommen am Vertrag teilnehmende Psycho­therapeuten 30 Prozent mehr Honorar. In Köln und Lever­kusen macht die Pronova BKK ein ähnliches Versorgungs­angebot.

Patienten auf Termin­suche sollten auf jeden Fall bei ihrer Krankenkasse fragen, ob sie spezielle Unterstüt­zung anbietet. Welche Krankenkasse bei der Termin­vergabe hilft, zeigt unser Produktfinder Gesetzliche Krankenkasse.

Können sich gesetzlich Versicherte auch privat behandeln lassen?

Ja, wenn ein Versicherter nach­weisen kann, dass er sich vergeblich um einen Termin bei einem Psycho­therapeuten mit Kassen­zulassung bemüht hat. Dann kann er sich laut Sozialgesetz­buch bei einem Therapeuten ohne Kassen­zulassung behandeln lassen. Ein solcher Antrag bei der Kasse ist möglich, wenn ein Kranker sich in drei bis fünf Praxen mit Kassen­zulassung vergeblich um einen Termin in einem „zumut­baren“ Zeitraum bemüht hat. Er muss Datum und Uhrzeit der vergeblichen Anrufe notieren und dies der Kasse mitteilen oder ihr die Absage-E-Mails der angefragten Praxen vorlegen. Darüber hinaus benötigt er eine Bescheinigung von seinem Haus­arzt oder einem Fachmediziner, dass die Psycho­therapie notwendig und unaufschieb­bar ist.

„Warte­zeiten über drei Monate gelten grund­sätzlich nicht als zumut­bar“, teilt die Bundes­psychotherapeutenkammer mit. „Aus fachlicher Sicht“ seien bereits mehr als drei Wochen Warte­zeit „nicht vertret­bar“.

Jeder zweite Patient macht eine Verhaltens­therapie

Welche psycho­therapeutischen Behand­lungen zahlt die Kasse?

Die Krankenkassen bezahlen in der ambulanten Psycho­therapie drei Therapie­verfahren: die Verhaltens­therapie, die tiefen­psychologisch fundierte Psycho­therapie und die analytische Psycho­therapie. Ein Therapeut klärt im Gespräch mit dem Patienten, welches Verfahren für ihn infrage kommt. Der Patient kann sich dann entscheiden. Gut die Hälfte aller Patienten machen eine Verhaltens­therapie. Wer in den ersten fünf Sitzungen merkt, dass die „Chemie“ zwischen ihm und dem Psycho­therapeuten nicht stimmt, kann einen anderen wählen.

Leser­aufruf

Haben Sie schon einmal einen Termin beim Psycho­therapeuten gesucht? Wie viele Versuche haben Sie gebraucht, um einen zu bekommen? Haben Sie auch ­einen privat abrechnenden Therapeuten gesucht? Hat Ihre gesetzliche Kranken­versicherung die Kosten problemlos erstattet? Welche anderen Erfahrungen haben Sie bei der Psycho­therapeuten­suche gemacht? Mailen Sie uns bitte. Sie helfen uns damit bei der Bericht­erstattung. Ihre Angaben behandeln wir vertraulich.

psychotherapie@stiftung-warentest.de

* Passage korrigiert am 21.06. 2016.

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