Telematik-Tarife in der Auto­versicherung Special

Nils Hartz hat die neueste Versicherungs­technik im Auto: eine Telematikbox.

Der neueste Clou in der Auto­versicherung heißt Telematik. Eine kleine Box sammelt Daten zum Fahr­verhalten und errechnet nach jeder Strecke einen Punkt­wert. Vorsichtiges Fahren honoriert der Versicherer dann mit einem Preis­nach­lass. Doch auch ohne dieses Zusatz­gerät sammeln moderne Autos jede Menge solcher Daten. test.de erklärt, was es mit den “Pay-as-you-drive“-Tarifen auf sich hat, und welche Konsequenzen die Daten­sammelwut für Auto­fahrer haben kann.

Rabatt für vorsichtige Fahrer

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Beim Auto­fahren hat Nils Hartz einen neuen Sport: Punkte jagen – aber nicht in der Flens­burger Datei. Der 48-Jährige hat sich eine elektronische Box in seinen Golf einbauen lassen. Das Gerät, groß wie eine Ziga­retten­schachtel, zeichnet seinen Fahr­stil auf. Es registriert Fahr­stre­cken und Geschwindig­keit, Voll­bremsungen, Kavalier­starts, Tempo­verstöße. Die Box funkt die Daten per Hand­ynetz an die Versicherung. Sie kann daraus ablesen, ob der Mann am Steuer vorsichtig fährt oder riskant und verspricht einen Rabatt auf die nächste Jahres­rechnung. Bei Hartz wirkt das: „Ich fahre vorsichtiger.“

Telematik-Tarife in der Auto­versicherung Special

S-Direkt bietet ersten Telematik­tarif in Deutsch­land

Telematik heißt das neue Verfahren. Damit können Versicherer das Risiko für jeden Kunden individuell kalkulieren. Wer vorsichtig fährt, zahlt weniger. Voll­bremsungen kosten. In Deutsch­land steckt die Technik noch in den Kinder­schuhen. Seit Anfang 2014 bietet die Sparkassen Direkt­versicherung (S-Direkt) Telematik an, vor­erst begrenzt auf 1 000 Kunden. Andere Versicherer testen noch, oft mit eigenen Mitarbeitern. In den USA, Groß­britannien, Italien ist die Technik bereits verbreitet, sagt Frank Sommer­feld von der Unter­nehmens­beratung Towers Watson.

„Pay as you drive“

Jeder siebte Neuvertrag in den USA laufe unter dem Motto „Pay as you drive“ (deutsch: Zahle, wie du fährst). Das Telematik­system errechnet für jede Fahrt einen Punkt­wert, den Score. Maximal sind 100 Punkte drin. „Aber die schafft niemand“, glaubt Nils Hartz. Denn Stadt­verkehr bringt Abzüge, „da zählen Orts­durch­fahrten in Dörfern mit“. Auch Nacht­fahrten zwischen 23 und 5 Uhr kosten Punkte. Hartz fährt täglich knapp 20 Kilo­meter von Werneuchen nach Berlin, mitunter auch nachts.

In den USA gibt es höhere Rabatte

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Am Ende zeigt der PC den Punkt­wert. Bei über 80 Punkten gibt der Versicherer Rabatt.

Am Ende zeigt der PC den Punkt­wert. Bei Nils Hartz sind es derzeit 94 von 100 Punkten. Bleibt er über 80, gibt der Versicherer Rabatt.

Der technik­interes­sierte Brandenburger nimmt es sport­lich: „Mir macht es Spaß, unterwegs darauf zu achten, dass mein Score hoch bleibt.“ Derzeit liegt er über alle Fahrten bei 94 Punkten. Bleibt er über 80, erhält er nächstes Jahr 5 Prozent Rabatt. Nach­zahlen muss er nicht, wenn er darunter­rutscht. Auf Dauer könnte Telematik größere Erspar­nisse bringen. In den USA gibt es Rabatte bis zu 30 Prozent, berichtet Sommer­feld. Das könnte vor allem Fahr­anfängern helfen. Sie zahlen oft extrem hohe Beiträge. Allerdings ist der Versicherer S-Direkt für Fahr­anfänger so teuer, dass auch der Telematikrabatt seine Tarife nicht wirk­lich attraktiv macht. Da sind andere Unternehmen güns­tiger, ganz ohne Telematik.

Vorteile des S-Tarif halten sich in Grenzen

Auch für gestandene Fahrer halten sich die möglichen Vorteile in Grenzen. Im Schnitt zahlen sie pro Jahr 236 Euro für die Haft­pflicht­versicherung, 291 Euro für Voll­kasko oder 86 Euro für Teilkasko. Bei 30 Prozent Ersparnis kämen knapp 100 bis gut 150 Euro zusammen. Allerdings kostet der Telematik­tarif der S-Direkt 71,40 Euro Aufpreis pro Jahr. Das ermäßigt sich auf 18,95 Euro, wenn der bisherige Beitrag über 600 Euro liegt. Die 5 Prozent Rabatt greifen erst im Folge­jahr, nachdem die Telematik eine vorsichtige Fahr­weise dokumentiert hat.

Jede Fahrt wird aufgezeichnet

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Die Telematikbox zeichnet jede einzelne Fahr­strecke auf. Der Kunde kann sie anschließend am Computer oder am Handy einsehen.

Die Telematikbox zeichnet jede einzelne Fahr­strecke auf. Der Kunde kann sie anschließend am Computer oder am Handy einsehen.

Außerdem muss der Kunde zusätzlich bezahlen: mit Daten. Die Telematikbox über­wacht ihn bei jeder Tour. Nils Hartz kann nach der Fahrt am Computer seine Stre­cken sehen. Er sieht, um welche Uhrzeit er wo gefahren ist, wo er das Tempolimit über­schritten oder stark gebremst hat. Ange­zeigt wird auch, welche Ziele er häufig ansteuert, etwa seinen Arbeits­platz oder private Adressen. Die Daten bieten eine Menge Kontroll­möglich­keiten und geben Aufschluss über Hobbys, Gewohn­heiten und Besonderheiten. Eltern können checken, wann, wo und wie Sohn oder Tochter mit dem Auto unterwegs waren. Firmenchefs können Außen­dienst­mit­arbeiter am Bild­schirm verfolgen. Sie können das Auto auch jeder­zeit orten, wenn der vorherige Nutzer nicht vermerkt hat, wo es geparkt ist.

Verbraucherschützer kritisieren Daten­sammelwut der Versicherer

„Das sind viele persönliche Daten“, kritisiert Rita Reichard, Versicherungs­expertin der Verbraucherzentrale Nord­rhein-West­falen. Dabei fragen Versicherer schon heute viel Privates: Was machen Sie beruflich? Haben Sie Wohn­eigentum? Eine Bahncard? Sind Sie verheiratet? Wie alt sind die Kinder? Haben Sie das Auto auf Kredit gekauft? Parkt es an der Straße oder in einer Garage?

S-Direkt nutzt anonymisiertes Verfahren

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Wo der Fahrer stark gebremst oder beschleunigt hat, wird auf einer Land­karte ange­zeigt.

Wo der Fahrer stark gebremst oder beschleunigt hat, wird auf einer Land­karte ange­zeigt. Dafür gibt es Punkt­abzüge, ebenso für Tempo­verstöße.

Die S-Direkt hat ihr System mit der Landes­daten­schutz­behörde in Nord­rhein-West­falen abge­stimmt. Die Daten gehen anonym an die Telecitygroup nach London, die europaweit Rechenzentren betreibt. Die Firma erfährt alle Details zur Fahr­weise, aber nicht die Identität des Fahrers. Die Telecitygroup errechnet einen Punkt­wert und gibt diesen monatlich an die S-Direkt weiter. Der Versicherer kennt nur die Zahl, aber keine Details der Fahrten. „Alle Daten werden am 30. Juni des Folge­jahres gelöscht“, versichert S-Direkt-Vorstand Jürgen Cramer.

Moderne Autos sind Daten­kraken

Was nur die wenigsten ahnen: Schon heute sind Autos wahre Daten­kraken – ganz ohne Telematikbox. Moderne Pkw sammeln jede Menge Informationen. Wer am Steuer sitzt, wird auto­matisch zum gläsernen Fahrer. Ist der Gurt angelegt? Das registriert das Gurt­schloss. Sitzt ein Erwachsener auf dem Beifahrersitz oder ein Kind? Das merkt ein Sensor im Polster. Legt der Beifahrer die Füße aufs Armaturenbrett? Infrarot- oder Ultra­schall­sensoren beob­achten laufend den Innenraum, um Gurt­straffer und Airbag passend einzustellen.

Airbag, ABS, ESP

Das Airbag­system registriert, ob der Fahrer Gas gibt oder bremst. Diese Daten benötigt es, um normales Fahr­verhalten von einem Unfall zu unterscheiden, sodass es im richtigen Moment den Airbag auslöst. Ähnliche Daten erfasst die ABS-Brems­hilfe. Stabilitäts­programme wie ESP messen das Tempo an jedem Rad, Drehzahl und Motorlast, die Beschleunigung in alle Richtungen, den Lenkwinkel und sie merken, wenn das Auto schleudert. Einige Pkw zeichnen Öl- und Wasser­temperatur auf. „Je nach Modell gibt es bis zu rund 80 Steuerungs­systeme, die teil­weise Daten nicht nur erfassen, sondern zumindest vorüber­gehend speichern“, berichtet der vereidigte Kfz-Sach­verständige Michael Weyde aus Berlin.

Auto­hersteller können Daten auslesen

Die Hersteller können diese Daten in der Werk­statt auslesen. Ob sie das tun und wie oft, davon erfahren Auto­halter nichts – obwohl das Daten­schutz­gesetz für die Erhebung personenbezogener Daten ihre Zustimmung verlangt. „Die Industrie mauert extrem“, berichtet die Hamburger Rechts­anwältin Daniela Mielchen, Vorstand in der Arbeits­gemeinschaft Verkehrs­recht des Deutschen Anwalt­ver­eins. „Aber wenn ein Kunde wegen Gewähr­leistung klagt, werden die Daten als Beweis gegen ihn präsentiert.“

Durch das eigene Auto verraten

Welche Daten das Auto erfasst, welche es speichert und wie lange, ist unterschiedlich. Vieles wird später über­schrieben und bleibt nur bei einem Unfall erhalten. Aber dann können die Spione an Bord den Fahrer richtig in den Schlamassel ziehen.

Beispiel: Ein Auto­fahrer nimmt an einer Rechts-vor-Links-Kreuzung einer Fahrerin die Vorfahrt. Ein Gericht gibt ihm die volle Schuld. Zwar erklärt der Mann, die Frau sei viel zu schnell gefahren, sodass er sie nicht recht­zeitig sehen konnte. Aber das kann er nicht beweisen. Würde das Gericht die Daten aus dem Auto der Frau anfordern, wäre ihr Tempo­verstoß beweisbar und sie bekäme zumindest eine Mitschuld. Dann ergäbe sich für die Fahrerin eine paradoxe Situation. Ihr Grund­recht zu schweigen, um sich nicht selbst zu belasten, würde ausgehöhlt. Ihr Auto würde sie verraten.

Richter könnten Heraus­gabe der Daten anordnen

Schon heute geben Versicherer den Behörden Auskunft darüber, was Kunden in ihre Schadenmeldung geschrieben haben. „Nach einem schweren Unfall könnte ein Richter anordnen, dass der Hersteller die Daten heraus­gibt“, sagt Anwältin Mielchen. Zusätzliche Brisanz bekommt das Thema durch das E-Call-System, das die Europäische Union (EU) ab Oktober 2015 einführen will. Dann muss jeder Neuwagen eine Art Telematikbox an Bord haben. Sie wählt bei einem Unfall auto­matisch über das Hand­ynetz den Notruf 112.

E-Call soll Leben retten

Das Gerät gibt Position und Fahrt­richtung des Fahr­zeugs durch (siehe Grafik oben). Es baut eine Sprech­verbindung auf, sodass Insassen oder Unfall­zeugen weitere Informationen durch­geben können. Das alles soll die Zeit bis zum Eintreffen von Rettungs­diensten deutlich verkürzen. Die EU schätzt, dass damit jähr­lich EU-weit 2 500 Menschen­leben gerettet werden können. Das E-Call-System soll den Preis von Neuwagen um etwa 100 Euro verteuern. Die Notrufe sollen kostenlos sein. Die Telematik­technik wäre dann ohnehin im Pkw – die Frage ist nur, ob die Versicherer die E-Call-Box mitnutzen dürfen. Bisher sieht die EU vor, dass die Daten ausschließ­lich für E-Call verwendet werden.

Telematikgegner zahlen mehr

Sollte sich Telematik durch­setzen, werden Kunden, die ihre Daten lieber für sich behalten, unter Zugzwang geraten. Denn in Telematik­tarife werden eher vorsichtige Fahrer wechseln, die selten nachts und in der Stadt fahren. In den Normal­tarifen bleiben dann Fahrer mit höherem Unfall­risiko. Das wird diese Tarife verteuern. Moderne Autos machen ihre Besitzer längst zum gläsernen Fahrer – auch ohne Telematik.

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