Telekom-Aktie Meldung

Immer mehr Aktionäre verklagen die Telekom auf Schadenersatz. Sie soll für die Verluste der Anleger geradestehen.

Vor gut einem Jahr ließ die Deutsche Telekom die erste Bombe platzen: Am 21. Februar 2001 gab das Unternehmen in einer Ad-hoc-Meldung "eine pauschale Wertberichtigung seiner Grundstücke im Wert von 2 Milliarden Euro bekannt". Gut zehn Monate später, am 19. Dezember kam für T-Aktionäre der 2. Schock. Der Konzern wertete die Immobilien um weitere 460 Millionen Euro ab.

Die Konsequenz: In der Bilanz der Telekom reduziert sich das Immobilienvermögen insgesamt um 2,46 Milliarden Euro. Diesen Betrag schreibt das Unternehmen nun ab, was zulasten des Gewinns geht. Die Börse reagierte prompt. Der Kurs der Aktie ist von seinem Hoch von 103,90 Euro weit entfernt und dümpelt zwischen 20 und 30 Euro. Mitverantwortlich hierfür ist die Immobilienabwertung.

Stinksauer über diese Entwicklung sind vor allem die T-Aktionäre. Sie müssen Verluste verschmerzen. Einer von ihnen ist Otto Uebelhör. Er hatte im Juni 2000 Wertpapiere für über 14.224 Euro aus der dritten Tranche der T-Aktie gekauft. Der Ausgabepreis betrug 66,50 Euro pro Aktie, der Schlusskurs 65,71 Euro.

Damals freute sich Otto Uebelhör noch über einen Bonus von drei Euro, den ihm seine Bank für jede Aktie einräumte. Heute kann dieser Rabatt seinen Verlust von etwa 10.000 Euro kaum mindern. Otto Uebelhör fühlt sich getäuscht. "Wenn ich damals gewusst hätte, dass der Wertansatz für die Immobilien falsch ist, hätte ich bestimmt keine Aktien gezeichnet", sagt der Münchener Optiker. Er ist davon überzeugt, dass die Telekom schon bei der dritten Tranche der T-Aktie den tatsächlichen Wert ihrer Immobilien kannte, und hat das Unternehmen auf Schadenersatz verklagt. Vertreten wird er von dem Münchener Anlegeranwalt Franz Braun von der Kanzlei Rotter. Er hat Klage gegen die Telekom wegen Falschangaben im Emissionsprospekt eingereicht.

"Die Telekom soll die Aktien zum Emissionspreis wieder zurücknehmen", fordert Franz Braun. Er beruft sich auf das Börsengesetz und auf das Strafgesetzbuch. Um mit der Prospekthaftungsklage Erfolg zu haben, muss er vor Gericht beweisen, dass die Angaben zum Wert der Immobilien im Prospekt "unrichtig und unvollständig sind". So steht es im Börsengesetz, Paragraph 45. Kann die Telekom aber belegen, dass sie den Prospektfehler nicht kannte und nicht grob fahrlässig gehandelt hat, verliert Otto Uebelhör seinen Prozess. Anwalt Braun meint allerdings, dass dieser Beweis der Telekom schwerfallen dürfte. Für ihn ist die Ad-hoc-Meldung vom Februar 2001 ein stichhaltiges Argument. Außerdem hat die Telekom in ihrem Prospekt verschwiegen, dass die Immobilienbewertungsmethodik und ihr Ergebnis im Konzern umstritten waren. Das will Anwalt Braun anhand von internen Unterlagen und Gutachten offen legen.

"Der Telekom-Vorstand hätte die Immobilien schon früher abwerten müssen", meint er und bezieht sich auf einen Brief, den der damalige Geschäftsführer Frerich Görts von DeTe Immobilien, einer Telekom-Tochtergesellschaft, 1998 an Ron Sommer geschrieben hat. Darin steht: "Ich habe im Rahmen meiner Geschäftstätigkeit feststellen müssen, dass die Buchwerte für Gebäude und Grundstücke drastisch von den wirklichen Verkehrswerten abweichen und die Tatsache dieser Abweichung und ihre Ursachen bereits vor Herausgabe des Börsenprospekts allen Verantwortlichen (...) bekannt bzw. erkennbar waren."

Über 200 Klagen

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Rechtsanwalt Braun steht nicht allein da. Mindestens fünf Anwaltskanzleien klagen gegen die Deutsche Telekom. "Bei uns sind bisher über 200 Klagen gegen die Telekom eingereicht worden", sagt Thomas Kehren, Pressesprecher des zuständigen Landgerichts in Frankfurt.

Hinter dieser Zahl verbergen sich weit mehr Anleger. Das liegt daran, dass sich einige Aktionäre im Rahmen der "subjektiven Klagehäufung", einer Art Sammelklage, zusammengetan haben. Eine solche Streitgenossenschaft gilt als eine einzige Klage. Sie ist im Vergleich zu Einzelklagen billiger. Die Klagehäufung kann allerdings vom zuständigen Richter per Beschluss wieder getrennt werden, wenn er der Auffassung ist, dass nicht alle die gleiche Forderung an den gleichen Beklagten haben. Ob sich dieses Rechtskonstrukt beim Verfahren gegen die Telekom durchsetzt, ist zurzeit noch offen. Denn bisher kam es zu keiner Verhandlung.

Die Telekom hatte bis zum 17. Dezember Zeit, auf die Klagen schriftlich zu erwidern. Im Frühjahr sollen die ersten Verhandlungen stattfinden. Mit einem schnellen Ende der Prozesse rechnet zurzeit keiner der Anlegeranwälte. "Ich gehe davon aus, dass sich die Telekom im Falle eines negativen Urteils vom Landgericht bis zum Bundesgerichtshof hochklagt. Und das kann Jahre dauern", sagt Anwalt Jens-Peter Gieschen aus Harpenstedt, der rund 200 Telekom-Aktionäre vertritt.

Einige Versicherer zahlen

Einige Rechtsschutzversicherer bezahlen die Prozesse ganz oder teilweise. Andere Versicherer lehnen ab. Sie schreiben ihren Versicherten Briefe, in denen sie auf ihre Ausschlussklauseln verweisen. Darin steht, dass sie bei Streitigkeiten, die das "Recht der Handelsgesellschaften" betreffen und bei "Spiel- und Wettverträgen sowie Termin- oder vergleichbaren Spekulationsgeschäften" nicht einspringen.

Die Tübinger Kanzlei Tilp & Kälberer will sich mit diesen Argumenten nicht abspeisen lassen. Sie vertritt 90 Kläger gegen die Telekom und hat jetzt eine Versicherung verklagt. Wenn sie den Prozess gewinnt, gäbe es erstmals ein Urteil, auf das sich andere Aktionäre berufen könnten, wenn die Versicherung Nein zur Kostenübernahme sagt.

Gute Karten haben T-Aktionäre, die bei Debeka, DEVK, Advo-Card und Gegenseitigkeit Rechtsschutz GmbH versichert sind. Sie haben in der Umfrage von Finanztest zugesagt, dass Telekom-Klagen bei ihnen nicht generell unter die Ausschlussklauseln zum "Wett- und Spekulationsgeschäft" sowie "Handelsrecht" fallen. Die Huk-Coburg und die Huk 24 übernehmen die Kosten bei einer Sammelklage.

Wer kann jetzt noch klagen?

Für Aktionäre, die klagen möchten, sind zwei Fristen wichtig: Erstens müssen sie innerhalb der ersten drei Jahre nach Erscheinen des Emissionsprospekts einen möglichen Fehler im Prospekt finden. Zweitens müssen sie dann innerhalb von sechs Monaten klagen. Unklar ist im Fall der Deutschen Telekom allerdings, wann diese Halbjahresfrist beginnt.

Das Börsengesetz schreibt vor: "ab dem Zeitpunkt, ab dem der Erwerber Kenntnis von den unvollständigen oder unrichtigen Angaben im Prospekt erhalten hat". Entscheidend ist nun, ob die Richter die erste Ad-Hoc-Meldung der Telekom von Februar 2001 als Kenntnis eines Prospektfehlers werten oder nicht. Dem Wortlaut nach hat die Telekom in der Meldung lediglich eine "Wertberichtigung ihrer Immobilien" zugegeben. "Für mich ist das erst ein Verdacht, aber noch keine Kenntnis", sagt Rechtsanwalt Werner A. Meier, der zahlreiche T-Aktionäre der Schutzgemeinschaft für Kleinaktionäre (SdK) vertritt. Werten die Richter die Ad-hoc-Meldung dagegen als "Kenntnis", ist die Frist für Aktionäre, die erst jetzt klagen wollen, schon verstrichen.

Es gibt jedoch gute Gründe dafür, dass noch ein anderer Termin das Rennen macht: Eine mögliche Anklage der Staatsanwaltschaft Bonn. Sie ermittelt gegen einige Vorstandsmitglieder des Konzerns wegen Bilanzfälschung. "Erst wenn die Staatsanwaltschaft Anklage erheben sollte, hat der Aktionär Kenntnis vom Prospektfehler", sagt Anwalt Werner A. Meier von der Münchener Kanzlei Marzillier & Meier. Er sitzt in den Startlöchern und wartet darauf, nach den Ermittlungen sein Recht auf vollständige Akteneinsicht wahrzunehmen.

"Mit der Telekom-Klage wird juristisches Neuland betreten", sagt Rechtsanwalt Franz Braun über das Fristenproblem. Er und Aktionär Otto Uebelhör sind auf Nummer Sicher gegangen und haben die Klage sechs Monate nach der Ad-Hoc-Meldung, also bis zum 21. August, eingereicht. Es gibt aber Chancen, dass spätere Klagen möglich sind.

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