Sturm und Starkregen Special

Sommer 2016: Starke Regenfällen sorgten im Berliner Gleim-Tunnel für Blech­schäden.

Sint­flut­artige Regenfälle, Gewitter und Sturm: Das kann jeden treffen. Im Laufe des Jahres sind vieler­orts beträcht­liche Schäden durch Über­schwemmungen, Starkregen, umge­stürzte Bäume und verwehte Gegen­stände entstanden. test.de sagt, welche Versicherung welche Schäden zahlt.

Heftige Unwetter können jeden treffen

Dieses Jahr hatte es in sich. Erst die heftigen Über­schwemmungen in Süddeutsch­land, dann Gewitter, Starkregen, Hagel und Sturm in Hamburg und Nord­rhein-West­falen. Mehrere Menschen sind dabei ums Leben gekommen, viele wurden verletzt. Auch die materiellen Schäden waren immens. Theoretisch können solche Wetter­ereig­nisse über­all zuschlagen. Wie ein Starkregen im Juli in Berlin zeigte, sind auch Groß­städter nicht vor der Naturge­walt sicher (siehe Foto).

Wer kommt für die Schäden auf?

Durch Unwetter wie Stürme und Starkregen können an Häusern, Einrichtung und Autos hohe Schäden entstehen. Nicht immer kommen dafür die Wohn­gebäude-, Hausrat- oder Kfz-Versicherung auf. test.de erklärt im Folgenden, welche Versicherung für welche Schäden aufkommt und wo mögliche Lücken im Schutz sind.

Schäden am Gebäude

Wenn ein Sturm mindestens Wind­stärke acht erreicht, zahlt die Wohn­gebäude­versicherung, sofern der Kunde Schäden durch Sturm und Hagel in die Police aufgenommen hat. Ob es wirk­lich Stärke acht war, muss der Kunde nicht selber messen. Es reicht, wenn eine Wetter­station solche Sturm­stärken in der betreffenden Gegend gemessen hat, urteilte das Ober­landes­gericht Karls­ruhe (Az. 12 U 251/04). Die Versicherer ersetzen beispiels­weise die Kosten für abge­deckte Dächer, umge­stürzte Schorn­steine oder Schäden am Haus durch umge­knickte Bäume. Neben­gebäude wie Garten­haus oder Garage auf dem gleichen Grund­stück sind ebenfalls versichert, wenn sie in der Police vermerkt sind.

Wenn aber Starkregen trotz einer Rück­stau­sicherung einen Rück­stau in der Kanalisation verursacht und den Keller über­flutet, hilft nur eine Elementarschaden-Zusatz­versicherung weiter (siehe Elementarschäden versichern). Sie wird als Ergän­zung zur Gebäude­versicherung und zur Hausrat­versicherung angeboten. Leider bekommen Haus­besitzer, die in den vergangenen Jahren fünf oder zehn Jahren einen solchen Schaden hatten, oft keinen Vertrag. Unser aktueller Test von Gebäudeversicherungen zeigt empfehlens­werte Tarife, mit denen sich Haus­eigentümer schützen können. Für viele Versicherte lohnt sich ein Wechsel, denn die Unterschiede zwischen den einzelnen Tarifen sind enorm.

Wichtig: Wenn etwas passiert ist, muss der Haus­besitzer sich kümmern. Ihn trifft die so genannte Schaden­minderungs­pflicht. In der Praxis heißt das zum Beispiel, dass er ein durch herunter­gewehte Ziegel entstandenes Loch im Dach oder ein vom Sturm einge­drücktes Fenster mit einer Plane abdecken muss, damit nicht noch mehr Regen­wasser eindringt.

Häuser in der Bauphase

Rohbauten sind besonders sturmgefährdet. Das betrifft nicht nur halb­fertige Mauern, Gerüste oder Dach­sparren. Auch das Material auf der Baustelle kann von einem Sturm umher­geschleudert werden. Die Bauleistungs­versicherung über­nimmt die Kosten für Schäden, die der Sturm am Rohbau und auf der Baustelle anrichtet. Dazu zählen zerstörte Bauteile oder -stoffe sowie auch alle notwendigen Hand­werk­erleistungen, um den Zustand vor dem Sturm wieder­herzu­stellen.

Haus­eigentümer mit DDR-Police

Viele Haus­eigentümer in Ostdeutsch­land haben als Wohn­gebäude­versicherung noch eine alte DDR-Police. Damit sind sie gut versichert, denn darin sind auch Über­schwemmungs­schäden enthalten. Heute führt die Allianz diese Policen weiter.

Schäden an der Wohnungs­einrichtung

Hat ein Unwetter auch im Haus gewütet, zum Beispiel weil ein Sturm das Dach abge­deckt hat, ersetzt die Hausrat­versicherung Schäden an der Einrichtung. Allerdings: Wenn der Kunde einfach nur vergessen hat, die Fenster zu schließen und ein Regenguss Teppiche und Möbel beschädigt hat, gibt es kein Geld. Wohl aber, wenn ein Blitz ins Haus einschlägt und elektrische Geräte lahmlegt. Bei Kurz­schluss- oder Über­spannungs­schäden durch Blitz­einschlag in eine Über­land­leitung ist die Sache allerdings nicht so klar: Über­spannungs­schäden sind nicht in jedem Vertrag versichert, können aber einge­schlossen werden.

Nicht versichert sind hingegen Sachen, die sich außer­halb von Gebäuden befinden. Ein Kinder­wagen, der vor dem Haus steht, ist zum Beispiel nicht versichert, wenn eine Sturmböe einen Dachziegel herunter­weht und ihn beschädigt. Dasselbe gilt für Gartenmöbel, Blumen­kübel oder Skulpturen: Gegen­stände, die auf einer offenen Terrasse stehen, sind nicht durch die Hausrats­versicherung geschützt (Amts­gericht München, Az. 251 C 19971/06). Lediglich Markisen und Antennen, die zur Wohnung des Versicherungs­nehmers gehören, sind mit versichert.

Tipp: Welche Versicherer wofür leisten, zeigt unser aktueller Test Hausratversicherung.

Schäden an Fahr­zeugen

Sturm­schäden an Autos und Motorrädern begleicht die Teilkasko – wobei mindestens Wind­stärke acht die Voraus­setzung ist. Besser haben es Auto­fahrer mit einer Voll­kasko­versicherung: Hier sind auch wind­bedingte Schäden unter Wind­stärke 8 mitversichert. Der Versicherer ersetzt bei Teil- wie Voll­kasko auch Schäden durch herum­fliegende Gegen­stände wie Ziegel oder Äste. Wer allerdings wegen des Sturms einen Unfall verursacht, braucht schon eine Kfz-Voll­kasko, um den Schaden ersetzt zu bekommen. Bei Voll- und Teilkasko­versicherung müssen Betroffene Schäden bis zu der gewählten Höhe ihrer Selbst­beteiligung jedoch selbst tragen. Zurück­gestuft werden Geschädigte aber nur nach selbst verschuldeten Schäden.

Tipp: Güns­tige Tarife finden Sie über unsere aktuelle Analyse Autoversicherung.

Wenn Dachziegel, Äste oder Bäume von einem Grund­stück aufs Auto gefallen sind, kann sich der Auto­besitzer aber zunächst an den Grund­stücks­eigentümer wenden. Dieser muss aber nur Schaden­ersatz zahlen, wenn ihn auch eine Schuld trifft. Das heißt, er muss seine „Verkehrs­sicherungs­pflicht“ verletzt haben. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn ein Baum ganz offensicht­lich morsch oder ein Dach­stuhl ohnehin marode war. Ähnlich sieht es aus, wenn ein Verkehrs­schild aufs Auto stürzt. Wenn es sauber verankert und in Ordnung war, muss die Stadt keinen Schaden­ersatz leisten, denn auf extreme Wetterlagen müssen Schilder nicht ausgelegt sein (OLG Koblenz, Az. 12 U 11/03).

Wann die Haft­pflicht einspringt

Teuer kann ein Sturm aber nicht nur für Immobilien­eigentümer oder Auto­besitzer werden. Auch Mieter riskieren Kopf und Kragen, wenn sie keine Haft­pflicht­versicherung haben. Schon ein vom Balkon gewehter Blumentopf kann einen Fußgänger treffen. Wenn der dabei nicht nur eine Beule abbe­kommt, sondern lebens­lange Schäden erleidet, kann das zum finanziellen Ruin führen. Denn dem Geschädigten steht Schaden­ersatz zu. Die Haft­pflicht­versicherung greift auch, wenn Dachziegel zum Beispiel auf ein geparktes Auto fallen und der Besitzer Schaden­ersatz verlangt. Zumindest einem „normalen“ Sturm muss ein ordentlich gewartetes Dach standhalten (Land­gericht Koblenz, Az. 13 S 16/06).

Tipp: Dass sehr guter Schutz nicht teuer sein muss, zeigt unser Test Haftpflichtversicherung.

Bäume kontrollieren

Stehen Bäume im Garten, sollte der Eigentümer sie regel­mäßig kontrollieren. Eine Sicht­kontrolle zweimal im Jahr reicht: einmal in belaubtem und einmal in nicht belaubtem Zustand (Bundes­gerichts­hof, Az. III ZR 225/2003). Doch sobald etwas verdächtig erscheint, zum Beispiel abge­storbenes Laub, dürre Äste, Beschädigungen oder auffallende Schief­stel­lungen, oder wenn der Stamm erkenn­bar durch Sturm oder Blitz­schlag geschädigt ist oder Pilzbefall zeigt, muss er einge­hend untersucht werden (OLG Hamm, Az. 9 U 144/2002). Ist die Standsicherheit wegen des hohen Alters nicht mehr gegeben, muss der Besitzer den Baum fällen (BGH, Az. V ZR 319/02). Wer solche Schutz­maßnahmen unterlässt, verstößt gegen die Verkehrs­sicherungs­pflicht. Unter Umständen haftet er sogar dann, wenn dem Baum gar nicht anzu­sehen war, dass er marode war. Ein gesunder Baum wird bei Wind­stärke 7 bis 8 normaler­weise nicht entwurzelt, wenn er nicht ohnehin schadhaft war (OLG Düssel­dorf, Az. 4 U 73/01).

Sturm erst ab Wind­stärke 8

Die wichtigste Einschränkung für die Aussicht auf Ersatz: Wohn­gebäude-, Hausrat- und Teilkasko­versicherungen zahlen nur bei Sturm ab Wind­stärke acht, also 62 bis 74 Stundenkilo­meter Wind­geschwindig­keit. Ob diese Geschwindig­keiten erreicht wurden, lässt sich beim Deutschen Wetterdienst erfragen. In der Regel reicht es aber, wenn auch in der Nach­barschaft typische Sturm­schäden auftraten.

Pflicht zur Meldung

Generell gilt: Schäden sind der Versicherung unver­züglich zu melden. Betroffene sollten bei ihrem Versicherer anrufen oder eine E-Mail schi­cken. Beim ersten Anruf müssen sie meist noch keine genauen Angaben zu den Schäden machen. Sie sind aber verpflichtet, Schäden so gering wie möglich zu halten. Beispiel: Bei Schäden an Dach­fens­tern sind Betroffene verpflichtet, sie so schnell wie möglich mit einer provisorischen Plane abzu­decken. Sonst kann es sein, dass die Versicherung für etwaig entstehende Folgeschäden nicht zahlt.

Auch Bahn­kunden haben Anspruch auf Entschädigung

Sturm und Starkregen Special

Wenn der Zug nicht kommt, gibts in der Regel Geld zurück.

Eisenbahn­unternehmen müssen ihren Kunden bei Verspätungen auch dann Fahr­preise teil­weise erstatten, wenn der Verzug auf höhere Gewalt zurück­geht – wie Unwetter oder Erdrutsche. Reisende haben je nach Verspätung Anspruch auf eine anteilige Erstattung des Fahr­preises von bis zu 50 Prozent. Das hat der Europäische Gerichts­hof entschieden (Az. C-509/11). Klauseln in den Beför­derungs­bedingungen, die Entschädigungen bei höherer Gewalt ausschließen, sind demnach ungültig. Das Urteil betrifft alle Bahn­unternehmen in Europa. Es gilt aber nicht für Verspätungen im Flug-, Schiffs- oder Busfern­verkehr.

Tipp: Einen Über­blick über die aktuell gesperrten Bahn­stre­cken finden Sie auf der Website der Deutschen Bahn. Bei einer zu erwartenden Verspätung von mindestens 20 Minuten am Ziel­ort Ihrer Fahr­karte können Fahr­gäste

  • bei nächster Gelegenheit die Fahrt auf der gleichen Strecke oder über eine andere Strecke fortsetzen,
  • die Fahrt zu einem späteren Zeit­punkt fortsetzen, wenn dadurch die Ankunfts­verspätung am Zielbahnhof reduziert werden kann,
  • andere, nicht reser­vierungs­pflichtige Züge nutzen. Sie müssen eine eventuell erforderliche Fahr­karte (oder einen entsprechenden Aufpreis) zunächst bezahlen und können die Kosten anschließend geltend machen. Erheblich ermäßigte Fahr­karten (z.B. Schönes-Wochen­ende-Ticket, Quer-durchs-Land-Ticket, Länder-Tickets) sind von dieser Regelung ausgenommen.

Seit dem 6. September 2011 informieren wir an dieser Stelle über die versicherungs­recht­lichen Folgen von Unwetter-Katastrophen und geben Tipps für Betroffene. Nutzer­kommentare können sich auf ältere Fassungen beziehen. Letzte Aktualisierung: 24. Oktober 2016.

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