Interview: „Selbstständigkeit bewahren“

Stürze im Alter Meldung

Dr. Ellen Freiberger leitet an der Universität Erlangen-Nürnberg das Forschungsprojekt „Standfest im Alter“.

Warum stürzen ältere Menschen häufiger als junge?

Durch das Altern und durch passiven Lebensstil verliert ein Erwachsener bis zum achtzigsten Lebensjahr fast die Hälfte seiner Muskelmasse. Auch Gleichgewichtsstörungen, die oft durch Medikamente verursacht werden, und nachlassende Sehkraft zählen zu den Ursachen. Ebenso erhöhen äußere Faktoren das Sturzrisiko, zum Beispiel schlecht markierte Treppenabsätze, zu kurze Schaltungen bei der Fußgängerampel, unebene Bürgersteige. Aber auch wer seine eigenen Fähigkeiten überschätzt oder in Angst vor Stürzen lebt, hat ein höheres Risiko.

Wie können Senioren vorbeugen?

Es gibt Präventionsangebote von Turnvereinen, von Krankenkassen oder vom Deutschen Roten Kreuz. Kurse haben gegenüber selbstständigem Training zuhause Vorteile: Es gibt eine professionelle Anleitung, es gibt feste Termine und soziale Kontakte. Sogar Frauen über 80 fangen bei uns an, Hanteln zu stemmen, und haben viel Spaß dabei.

Warum soll man im hohen Alter noch mal mit Turnen anfangen?

Jeder muss akzeptieren, dass er älter wird. Aber vor allem muss man die Chance sehen, länger körperlich fit zu bleiben und seine Selbstständigkeit zu bewahren. Wer gar nicht aktiv wird, riskiert viel eher, seine geliebte Selbstständigkeit zu verlieren. Und das sollten auch Angehörige ihren Eltern oder Großeltern klar sagen.

Warum sollte man in der eigenen Wohnung vertraute Abläufe ändern?

Da die körperlichen Veränderungen schleichend vonstatten gehen, lebt man in scheinbarer Sicherheit. Die vielen Stürze über die berühmte Teppichkante unterstützen dies, da der Teppich ja nicht von einem Augenblick auf den anderen dorthin gelegt worden ist. Aber wer eilig oder abgelenkt ist, hebt – bedingt durch den Muskelabbau – die Füße nicht mehr so hoch und stolpert über diese zwei Zentimeter hohe Kante.

Was macht das Leben zuhause einfacher?

Mit zunehmendem Alter sollte man lernen, sich gerne helfen zu lassen. Ich muss mit über 70 nicht mehr meine Gardinen aufhängen, um mir zu beweisen, wie fit ich bin. Denn dabei riskiert man einen Sturz von der Leiter, weil das Gleichgewicht dieser Aufgabe doch nicht mehr gewachsen ist. Wer sich bei Haus- und Gartenarbeiten helfen lässt, schränkt sich nicht ein, sondern erhöht seine Lebensqualität und seine Sicherheit. Wer älter wird, kann sich auch kleinere Wäschekörbe anschaffen, mit kleineren Töpfen kochen und sollte nicht mehr alles auf einmal die Treppe herauf- oder hinuntertragen.

Wie kann der Hausarzt helfen, das Sturzrisiko zu erkennen?

Der Hausarzt ist der erste Ansprechpartner für ältere Menschen. Zusätzlich zur Behandlung von Krankheiten wie Bluthochdruck oder Diabetes gibt es zum Beispiel das „Geriatrische Basis­assessment“, eine Untersuchung, bei der der Arzt mithilfe von Tests und Fragebögen Beweglichkeit, Sehen, Hören, Gedächtnisleistung und eben auch das Sturzrisiko seiner älteren Patienten beurteilen kann. Das machen Hausärzte aber nach unserer Erfahrung viel zu selten. Auch deshalb wollen wir unser Wissen aus der Forschung noch stärker in die Praxis zur alltäglichen Anwendung weitergeben, zum Beispiel auf dem Internationalen Symposium „Stürze im Alter“ Anfang April in Erlangen.

Sollte man nach einem Sturz seine Aktivitäten einschränken und zuhause bleiben?

Dies ist genau der falsche Weg. Denn durch zusätzliche Inaktivität wird der Muskelabbau noch beschleunigt. Damit wird die Wohnung zum Gefängnis.

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