Um an einer deutschen Hochschule zu studieren, braucht man nicht unbedingt Abitur oder Fachhochschulreife. Inzwischen gibt es in allen Bundesländern für Praktiker mit Berufserfahrung die Möglichkeit, an einer Hochschule entweder berufsbegleitend oder Vollzeit zu studieren und sich so weiterzubilden.

Bezug zur Praxis

Da ist die Erzieherin, die Sozialpädagogik studiert, der Elektriker, der sich zum Wirtschaftsingenieur qualifizieren möchte und die Bankkauffrau, die ein Diplom in Betriebswirtschaftslehre anpeilt. Trotz ihrer unterschiedlichen Ausbildungen haben sie eine Gemeinsamkeit: Sie haben sich ohne Abitur an einer Hochschule eingeschrieben. Das ist inzwischen seit rund zehn Jahren in allen Bundesländern möglich. Und die Lockerung des Hochschulzuganges habe sich bewährt, sagt Kerstin Mucke, Wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) in Bonn. „Die Studenten ohne Abitur studieren in der Regel sehr stringent und machen gute Abschlüsse“, so die BIBB-Weiterbildungsexpertin. Auch seien sie „oft motivierter, weil sie einfach reifer sind als viele Abiturienten“.

Doch nicht nur die hohe Motivation helfe den Studenten ohne Abitur sich an den Hochschulen durchzusetzen. „Dank ihrer Berufserfahrung können beispielsweise Handwerksmeister, die ein Ingenieurstudium beginnen, viel leichter Bezüge zur Praxis herstellen als Studenten ohne entsprechende Vorbildung“, sagt Reinhart Reiser von der Handwerkskammer Mittelfranken.

Vollzeit oder berufsbegleitend

Wie Studenten mit Abitur haben auch die Praktiker mit Berufserfahrung inzwischen „die Qual der Wahl“ des Studienfaches. Sie können sich zwischen Universitäts- und Fachhochschulstudium sowie zwischen Vollzeit und berufsbegleitenden Studiengängen entscheiden. „Das Angebot insgesamt ist in den vergangenen Jahren größer geworden. Vor allem gibt es immer mehr so genannte duale Studiengänge “, sagt BIBB-Expertin Kerstin Mucke. In dualen Studiengängen schlagen die Studenten „zwei Fliegen mit einer Klappe“: Sie erwerben oder vertiefen Praxiserfahrung und sichern sich zusätzlich eine wissenschaftlich fundierte Ausbildung indem sich Studien- und praktische Arbeitsperioden abwechseln. Einer Umfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) zufolge ist die Zahl dualer Studiengänge von 41 im Jahr 1995 auf 79 im Wintersemester 2001 angestiegen. An den meisten - besonders bei Studenten ohne Abitur beliebten - Hochschulen mit dualen Studiengängen koopererieren die Fachbereiche eng mit Unternehmen. Teilweise finanzieren einzelne Betriebe auch das Studium ihrer Mitarbeiter. Ist dies nicht der Fall, müssen die Studenten selbst für die Studienkosten aufkommen. Vollzeitstudenten können - sofern die Voraussetzungen vorliegen - auch Bafög beantragen. Für Fragen zum Bafög hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung gemeinsam mit dem Deutschen Studentenwerk eine kostenlose Telefon-Hotline unter der Nummer 0 800/2 23 63 41 eingerichtet.

Über die Zulassung informieren

Die Anforderungen an die Studienplatzbewerber ohne Abitur unterscheiden sich von Bundesland zu Bundesland, teilweise sogar von Hochschule zu Hochschule. So verlangt beispielsweise die Hamburger Universität für Wirtschaft und Politik das Bestehen einer Aufnahmeprüfung. Dabei werden wirtschaftliches, politisches und gesellschaftswissenschaftliches Allgemeinwissen geprüft.

Die Freie Universität Berlin fordert mindestens einen Realschulabschluss, eine abgeschlossene und für den Studiengang relevante Berufsausbildung sowie vier Jahre Berufserfahrung. Außerdem müssen die Bewerber ohne Abitur ihren Studienwunsch schriftlich begründen und werden zu einem Gespräch mit Professoren eingeladen.

Und an der bayerischen Fachhochschule Amberg–Weiden haben nur Handwerksmeister und Techniker in Elektroberufen Zugang zum Studium. Jeweils im Sommersemester können sie an einem so genannten Propädeutikum, einem intensiven Vorbereitungskursus, teilnehmen. „Dort lernen die Handwerker und Techniker zunächst das akademische Lernen und werden in kürzester Zeit fit für das eigentliche Studium gemacht“, betont Reinhart Reiser von der Handwerkskammer. Wegen der sehr unterschiedlichen Zulassungsvoraussetzungen in jedem Bundesland empfehlen Weiterbildungsexperten, dass sich Bewerber ohne Abitur an die Studienberatungsstellen der jeweiligen Wunschhochschule wenden.

Gefragte Absolventen

„Die Studenten ohne Abitur machen in der Regel sehr gute Abschlüsse“, so die Erfahrung von BIBB-Expertin Kerstin Mucke. Außerdem erhöhten sich nach dem Weiterbildungsstudium die Beschäftigungschancen. Das bestätigt auch Reinhart Reiser der von Handwerkskammer Mittelfranken. Ein praxisbezogenes Studium werde von den Arbeitgeber „sehr honoriert“, sagt Reiser. „Wer Meister und Ingenieur ist, kann später seine Mitarbeiter viel besser dazu anleiten, komplizierte technische Vorgänge in die Praxis umzusetzen“.

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