StudiVZ und Co. Test

Viele Menschen geben im Internet Informationen von sich preis, die peinlich bis schädlich wirken können. Das Problem: Alle lesen mit – wahre Freunde und falsche, gebetene Gäste und ungebetene.

Schlagen Sie eigentlich jedes Wochenende so über die Stränge?“ Auf diese Frage war Ralf K. nicht vorbereitet. Sein Bewerbungsgespräch lief bis zu diesem Zeitpunkt recht gut. Doch offensichtlich hatte der Personalchef auch im Internet über den Bewerber recherchiert und war dabei auf die persönlichen Infos von Ralf gestoßen. In einem sozialen „Online-Netzwerk für Studenten berichtet Ralf mit vollem Namen über Trinkgelage und Partys am Wochenende. Jeder, der auf der Internet-Plattform angemeldet ist, kann die Informationen abrufen – so auch der Personalchef.

Privatsphäre freizügig präsentiert

Kein Einzelfall: Mehr als 8,6 Millionen Deutsche sind Mitglieder solcher Online-Kontaktnetzwerke wie StudiVZ, Xing oder Facebook, Tendenz steigend. Und die Nutzer geben hier wie Ralf freiwillig sehr persönliche Daten von sich preis. Wo Bürger zu Zeiten der Volkszählung vor 20 Jahren Datenaskese betrieben, sind heute im Internet über viele mehr Daten verfügbar, als in den Einwohnermeldeämtern vorliegen.

Um Mitglied eines dieser sozialen Netzwerke zu werden, muss sich der Nutzer zuerst im Internet auf der Homepage des jeweiligen Netzwerks anmelden. Dazu erstellt er ein Profil, also einen Steckbrief, von sich selbst. Notwendige Angaben sind meist Name, E-Mail-Adresse, ein ausgedachter Nutzername, der auf der Homepage erscheint, sowie ein Passwort. Eventuell müssen noch mehr Daten preisgegeben werden, das variiert von Plattform zu Plattform jedoch stark.

Auf seiner Seite stellt sich der Nutzer vor: Wie er heißt, was er macht, wo er wohnt. Meist kann er dort auch Fotos, Musik und Videos hochladen, die dann für andere Nutzer zugänglich sind. Außerdem hat er die Möglichkeit, andere Mitglieder in seine „Freundesliste“ einzutragen und Nachrichten auf Profilseiten der anderen Nutzer zu hinterlassen. Sie schicken sich untereinander persönliche Nachrichten oder verlinken die ins Internet gestellten Fotos.

Alle lesen mit

Diese Art der Kommunikation führt dazu, dass die Nutzer große Datenmengen von sich preisgeben. Sie schreiben, was sie lieben, was sie hassen, schwatzen über ihre Hobbys, klagen öffentlich ihr Leid und geben ihre politische Einstellung preis.

Was früher am Telefon, über Briefe oder per E-Mail stattfand, geschieht heute zum großen Teil für jeden angemeldeten Nutzer sichtbar auf den sozialen Plattformen im Netz. Hier werden Verabredungen für Kino, Grillabend oder Brunch getroffen. Welcher Club gerade angesagt ist, wird mit wenigen Zeilen auf die Profilseite des besten Freundes geschrieben. Bekannte berichten von ihren Wochenendaktivitäten, einige laden Fotos von Clubbesuchen oder der Geburtstagsfeier hoch. Geschäftspartner versenden Messe- und Kongresseinladungen über die Netzwerke und Schüler verraten in ihren Steckbriefen, welche Fächer oder Lehrer sie nicht mögen.

Dazugehören ist alles

Die Motivationen, sich in den sozialen Netzwerken anzumelden, sind sehr unterschiedlich: Neue Freunde finden, mit alten Bekannten wieder in Kontakt treten oder neue Geschäftsbeziehungen knüpfen. Gerade junge Erwachsene verbringen einen Großteil ihrer Zeit in den virtuellen Gemeinschaften. Sind Freunde oder Kollegen in den Netzwerken aktiv, wollen sie auch dabei sein – zum Mitmachen wie auch Mitreden. Dazugehören ist alles. Täglich meldet sich eine Vielzahl neuer Nutzer auf den Plattformen an. Rund 6,5 Milliarden Seitenabrufe gab es allein im März auf der Plattform „SchülerVZ“ (Schüler Verzeichnis). Im Vergleich dazu hatten Seiten wie „Spiegel Online“ oder „Yahoo!“ in diesem Zeitraum „nur“ etwa 160 bis 230 Millionen Abrufe.

In einigen Netzwerken können die Mitglieder selbst Diskussionsgruppen gründen oder diesen beitreten. In Businessnetzwerken wie Xing haben sie harmlose Namen wie „Hamburg@work“ oder „JungeWirtschaft“ und dienen meist der beruflichen Vernetzung. Bei Facebook, StudiVZ oder SchülerVZ sieht das schon etwas anders aus. Die öffentlichen Gruppen heißen beispielsweise „Wer tanzt, hat nur kein Geld zum Saufen“ oder „Ich bleibe lange wach und tue nichts Produktives“. Was für einige spaßig sein mag, ist für Personalchefs alles andere als witzig.

Blauäugige Nutzer

Für Datenschützer sind diese Netzwerke ein Horrorszenario, und gerade durch Pannen beim Datenschutz haben sie einen schlechten Ruf bekommen (siehe Text Beispiele von Schadensfällen). Nutzer geben hier ohne Umschweife Daten wie ihren echten Namen oder ihr echtes Geburtsdatum an, Ralf K. ist da kein Einzelfall.

Für Datendiebe ist es daher ein Kinderspiel, diese Informationen mit Daten aus anderen im Internet frei verfügbaren Quellen zu kombinieren. Sie erhalten auf diese Weise umfangreiche Datensätze, mit denen sie zum Beispiel weitere, nichtöffentliche Daten über Personen herausfinden können. Deshalb rücken soziale Netze immer mehr ins Visier von „Cyberkriminellen“.

So können sich die Täter persönliche Profile real existierender Personen zusammensuchen. Die Daten lassen sich weiterverkaufen, etwa die von Bewerbern an Rekrutierungsfirmen. Auf den Internetplattformen tummeln sich auch Personen, die nur zu gern erfahren würden, wann jemand in den Urlaub fährt. Die Adresse und der Wohnort der betreffenden Familie sind schnell herausgefunden. Und nach der erholsamen Reise ist im schlimmsten Fall die Wohnung leergeräumt. Doch nicht nur Kriminelle, auch legale Firmen, wie beispielsweise Auskunfteien, nutzen die Daten zur Bewertung der Kreditwürdigkeit.

Ebenfalls nicht zu vergessen ist, dass die meisten Plattformen kostenlos und die Netzwerkbetreiber somit auf Einnahmen aus der Werbung angewiesen sind. In Zukunft wird es deshalb immer mehr personalisierte Werbebanner auf den Profilseiten geben. Das Interesse der Werbeindus­trie an den Plattformen wächst und darf nicht unterschätzt werden. Es könnte zu einer Zweckentfremdung der Daten kommen: Profile über Einkaufsgewohnheiten oder Vorlieben können damit erstellt werden. Dann erhalten Geburtstagskinder von unbekannten Firmen Werbemails oder man wundert sich, weshalb spezielle Reiseprospekte im Briefkasten landen.

Gelöscht, aber nicht verschwunden

Einmal ins Netz gestellte Informationen sind nur schwer wieder zurückzuholen. So weiß der Nutzer nie, ob die Daten nicht in der Zwischenzeit kopiert wurden: Hacker können private Daten klauen, Netzwerkanbieter kopieren das Profil auf ihre Server oder der ungeliebte Klassenkamerad hat die Partyfotos schon längst auf seinem Rechner archiviert. Die Daten können also weiterexistieren, selbst wenn das eigene Profil längst komplett gelöscht wurde.

Mit Informationen geizen

Was also kann der Nutzer tun, um sich zu schützen? Gerade für Jugendliche sind die Onlineprofile ein wichtiges Mittel des Selbstausdrucks und der Identitätsdarstellung. Es wäre falsch, ihnen die Anmeldung in den Netzwerken zu verbieten, denn sie wollen dabei sein und mitreden.

Verbraucherschützer und Experten fordern, die Medienkompetenz der Nutzer zu fördern (siehe Interview). Wichtig ist, gerade Kinder und Jugendliche zuhause und in der Schule für das Thema Datenschutz zu sensibilisieren. Auch die Polizei hat eine Broschüre zum Thema herausgegeben, sie heißt „Im Netz der Neuen Medien“
www.polizei-beratung.de

Jeder sollte sich darüber im Klaren sein, dass sich seine Spuren im Netz nur schwer verwischen lassen. In den Profileinstellungen ist deshalb immer der Schutz der Privatsphäre zu aktivieren. Hier legt der Nutzer selbst fest, wer seine Seite sehen darf und welche Informationen angezeigt werden. Mitglieder sollten sich überlegen, wen sie in ihre Freundesliste aufnehmen. Persönliche Dinge sollten die Nutzer lieber per Mail austauschen als auf den Pinnwänden oder mit den Kommentarfunktionen der Netzwerke, die jeder lesen kann. Fotos und Videos sollten nur Freunden und nicht der Allgemeinheit zur Verfü­gung stehen. Auch sollten Nutzer keine fremden Fotos ins Netz stellen, wenn sie selbst nicht die Rechte an ihnen besitzen. Sonst flattert vielleicht eine Abmahnung ins Haus.

Kein Hort für Privates

Gerade Personalabteilungen verschaffen sich heute schon bei jedem vierten Bewerber über Onlinerecherche Informationen. Einmal ins Web gestellte private oder gar peinliche Inhalte können auch von Menschen eingesehen werden, die sie besser nicht sehen sollten. Das Internet ist eben kein sicherer Hort für Privates. Das hat Ralf K. nun auch verstanden: Er hat seinen Nutzerna­men bei StudiVZ geändert, sein Profil können nur noch seine Freunde bestaunen, alle Partyfotos sind hoffentlich nachhaltig gelöscht. Jetzt muss er nur zum nächsten Bewerbungsgespräch eingeladen werden.

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