Stromwechsel Meldung

Die Erfahrungen von 2.600 test-Lesern zeigen: Das Chaos auf dem Strommarkt hält viele vom Wechsel ab. Und wer es dennoch wagt, braucht starke Nerven.

Ich zahle zur Zeit doppelt. Mein neuer Stromanbieter kassiert, ohne dass er einen Durchleitungsvertrag mit dem alten Versorger hat", schreibt uns Bernd A. Und Jutta S. klagt: "Mein alter Anbieter wollte mir den Strom abdrehen. Später schickte er mir weiter Rechnungen, obwohl ich längst bei einem anderen Anbieter war."

Klagen über ewig lange Wartezeiten, besetzte Hotlines von Stromanbietern oder falsche Rechnungen erreichten die Stiftung Warentest in großer Zahl. Wir hatten im Februar-Heft die test-Leser aufgerufen, von ihren Erfahrungen mit dem freien Strommarkt zu berichten. Mit beachtlicher Resonanz: Rund 2.600 füllten den Fragebogen aus. Mehr als 20 Prozent hatten schon versucht, den Stromanbieter zu wechseln. Doch ihre Erfahrungen sind erschreckend: Fast jeder Zweite berichtet über Komplikationen beim Wechsel.

Keiner empfehlenswert

Stromwechsel Meldung

1) 2.356 gültige Anworten von test-Lesern auf diese Frage.
2) 699 gültige Antworten von test-Lesern auf diese Frage (Mehrfachnennungen waren möglich).
3) 2.064 gültige Antworten von test-Lesern auf diese Frage (Mehrfachnennungen waren möglich).

Und das, obwohl die Anbieter nicht müde werden, die Leichtigkeit des Wechsels in ihrer Werbung zu propagieren. Probleme gibts, wenn überhaupt, nur bei der Konkurrenz.

Von wegen. Die Befragung der Stiftung Warentest zeigt: Auch große Anbieter wie das Bayernwerk, PreussenElektra, RWE Energie und Yello Strom schaffen es längst nicht immer und überall, ihre neuen Kunden zum angekündigten Termin mit Strom zu beliefern. Oftmals der Grund: Alter und neuer Versorger sind nicht in der Lage, die Preise und Bedingungen für die "Durchleitung" des neuen Stroms durch die Netze des alten Anbieters in annehmbarer Zeit auszuhandeln.

Zwar ist die Untersuchung nicht repräsentativ und lässt keinen Rückschluss auf die tatsächliche Anzahl von Neukunden und Problemfällen zu. Sie zeigt aber, dass kein Anbieter derzeit einen problemfreien Wechsel garantieren kann. Und als Indiz dafür, wo Vorsicht geboten ist, sind die Zahlen nützlich ­ auf jeden Fall dann, wenn relativ viele test-Leser von Scherereien berichten. Lagen dagegen nur sehr wenige Antworten von test-Lesern vor - wie bei ares, den Elektrizitätswerken Schönau, RWE und dem Überlandwerk Groß-Gerau ­ist der Einfluss des Zufalls auf das Ergebnis sehr hoch.

Das schwärzeste Schaf der Branche, die Firma Vossnet, fällt auch in dieser Befragung negativ auf. Der Anbieter hat nie Strom geliefert. Gegen einen Geschäftsführer wurde Anklage wegen Betrugs erhoben. Viele Stromkunden hatten vorab eine Gebühr von 60 Mark gezahlt, die sie nicht wiedersahen.

Abschreckend

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1) Die Ergebnisse sind nicht repräsentativ. Wir haben Anbieter aufgeführt, zu denen test-Leser wechseln wollten.

Wen wundert es da, dass viele lieber noch bei ihrem alten Versorger bleiben, obwohl sie gern sparen würden oder auf mehr Umweltschutz Wert legen? Als Hauptgrund für ihr Verharren beim alten Anbieter gaben die Leser die Unsicherheiten beim Wechsel an. Aber auch die unübersichtlichen Tarife schrecken sie ab. Zufrieden mit dem derzeitigen Tarif äußerten sich aber nur sehr wenige - anders übrigens als eine kürzlich veröffentlichte Studie der Vereinigung Deutscher Elektrizitätswerke glauben macht. Dem Stromversorgerverband zufolge seien fast 90 Prozent der Bevölkerung mit ihrem gegenwärtigen Stromversorger zufrieden. Unsere Leser dagegen gaben ihrem derzeitigen Energieversorger eher schlechte Noten: Ein Drittel findet den Strompreis höchstens für ein "Ausreichend" würdig, zu "sehr gut" können sich nur wenige durchringen - noch etwas schlechter sind die Noten für den Umweltschutz.

Umweltschutz ist gefragt

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Dabei würden viele gern ein umweltschonendes Angebot wählen. Knapp ein Drittel derjenigen, die bisher noch nicht gewechselt haben, wären dazu bereit, wenn ein anderer Versorger mehr Wert auf Umweltschutz legt. Mehr als 40 Prozent der test-Leser würden dafür sogar mehr ausgeben. Für die meisten ist aber der Preis das Hauptargument: Etwas mehr als zwei Drittel der Befragten wollen wechseln, wenn der neue Stromversorger billiger ist.

Ähnlich die Gründe für den tatsächlichen Wechsel des Anbieters: Immerhin 21 Prozent aller Nennungen entfielen auf den Umweltschutz. Davon zeugt auch, dass als neuer Versorger oft ein Ökostromanbieter genannt wurde - etwa Greenpeace, die Naturstrom AG oder die Elektrizitätswerke Schönau. Doch der Hauptgrund für den tatsächlichen Wechsel des Stromanbieters war der Preis. Einige gaben auch zusätzliche sonstige Gründe an - zum Beispiel die Unzufriedenheit mit dem alten Versorger, der, so ein Leser, "jahrelang den Preis total überzogen hat".

Viele alte Versorger sind mit den Preisen heruntergegangen und haben neue Angebote auf den Markt gebracht. Die neuen Verträge haben aber oft lange Mindestlaufzeiten, um die Kunden weiterhin zu binden. Dennoch nehmen viele Kunden diese Angebote wahr. Hier ist weniger der Umweltschutz das Argument - nur sechs Prozent nannten ihn als Grund. Mehr als 80 Prozent wollten schlicht und einfach sparen. Und das geht mit einem neuen Vertrag beim alten Anbieter relativ schnell.

Im Osten nichts Neues

Dieses Argument könnten vor allem die alten Versorger in den neuen Bundesländern ins Feld führen. Denn hier gibt es beim Wechsel noch immer besonders viele Probleme: Zum Schutz der Stromproduktion aus ostdeutscher Braunkohle können die alten Monopolisten die Durchleitung von Fremdstrom durch die Netze verweigern. Das schlägt sich auch in der test-Leseraktion nieder: In den neuen Bundesländern hatten 70 Prozent aller abtrünnigen Kunden Probleme beim Wechsel des Stromanbieters, im Vergleich zu etwas mehr als 40 Prozent im Westen. Der Schutz eines Wirtschaftszweigs wird hier nur von einem Teil der Verbraucher bezahlt ­ eben von den ostdeutschen. Dabei wäre das eine Aufgabe der gesamten Gesellschaft.

Ordnung im Chaos nötig

Mit den chaotischen Zuständen auf dem Strommarkt haben auch die Energie- und Rechtsberater in den Verbraucherzentralen zu kämpfen. "Bei uns wurde sogar tatsächlich einmal jemandem der Strom abgedreht. Erst eine einstweilige Verfügung zwang den Versorger, den Strom wieder anzuschalten", berichtet Sabine Fritschka von der Verbraucherzentrale Brandenburg. Und Martin Steinestel von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen sagt: "Verbraucher wollen Rat zu den neuen Verträgen, die oft alles andere als kundenfreundlich sind. Wir spüren jetzt, was es bedeutet, wenn Entscheidungen undurchdacht umgesetzt werden." Für viele Verbraucherschützer die Wurzel des Übels: Der Staat hat es fast vollständig den Interessenverbänden der Wirtschaft überlassen, die Regeln für den Wettbewerb festzulegen. Allerdings mit sehr bescheidenem Erfolg, wie unsere Leseraktion zeigt. Wenn nicht bald etwas geschieht, bleibt der Wettbewerb in den Startlöchern stecken. Dann können sich die Altmonopolisten die Hände reiben - und den wechselwilligen Stromkunden stehen weiter die Haare zu Berge.

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