Strom- und Gaspreise Test

Der Wechsel des Stromanbieters ist einfach und ohne Risiko möglich. Wer es wagt, fördert den Wettbewerb im Energiemarkt.

Die Situation in Nordrhein-Westfalen ist symptomatisch für den deutschen Strommarkt: Ein Dreipersonenhaushalt, der im Jahr etwa 3 500 Kilowattstunden verbraucht, bezahlt beim günstigsten Anbieter, den Stadtwerken Gronau, gut 600 Euro im Jahr. Bei den Stadtwerken Krefeld kostet die gleiche Leistung knapp 200 Euro mehr. Diese Zahlen veröffentlichte das Wirtschaftsministerium des bevölkerungsreichsten Bundeslandes.

Und damit nicht genug. Seit Anfang Juli 2007 haben 20 der 119 nordrhein-westfälischen Stromversorger ihre Preise angehoben, mindestens um fast 2 Prozent, in der Spitze um 19 Prozent.

„Angesichts solcher Zahlen ist den Verbrauchern dringend zu raten, den für sie günstigsten Strompreis zu ermitteln und den Anbieter zu wechseln“, appelliert NRW-Wirtschaftsministerin Christa Thoben. Auch damit erreiche man mehr Wettbewerb auf dem Strommarkt.

Wechselbereitschaft steigt

Strom- und Gaspreise Test

Bisher waren die Stromkunden träge. Nur 6 Prozent der deutschen Haushalte haben seit der Öffnung des Strommarktes 1998 den Anbieter oder den Tarif gewechselt. Das ändert sich jetzt langsam. Matthias Kurth, Präsident der Bundesnetzagentur, rechnet damit, dass in diesem Jahr doppelt so viele Verbraucher wie 2006 ihre Sparchancen nutzen: „Im ersten Halbjahr haben schon etwa 520 000 Haushaltskunden den Anbieter gewechselt.“ Der Aufwand für den Umstieg ist gering. Dennoch brauchen viele Kunden einen Anstoß.

Beim Berliner Detlev Davids war Schluss, als Vattenfall zum 1. Juli 2007 eine „Preisanpassung“ ankündigte: Beim neuen Tarif Berlin Klassik Privatstrom sollte der Preis für eine Kilowattstunde um 0,75 Cent steigen, der Grundpreis um einen ganzen Euro im Monat. Statt rund 474 Euro hätte die Familie bei gleichem Verbrauch dann 503 Euro bezahlen müssen. „Hinzu kamen die Nachrichten über die Störfälle in den von Vattenfall betriebenen Atomkraftwerken Brunsbüttel und Krümmel und die verschleiernden Informationen darüber“, sagt der Familienvater.

Er hat sich dann, wie 100 000 andere Vattenfall-Kunden, einen günstigeren Anbieter gesucht. „Ich habe gleich im Internet das Anmeldeformular ausgefüllt und alles ging schneller, als ich dachte. Was der neue Anbieter wissen wollte, steht in der alten Jahresabrechnung.“ Künftig wird ihn der holländische Versorger Nuon beliefern, gut 30 Euro günstiger als der Berliner Großversorger. Die Einsparung ist noch bescheiden. Im Durchschnitt sind bundesweit Ersparnisse von rund 100 Euro drin.

Tarifvielfalt beachten

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Wer sich noch nicht zu einem Anbieterwechsel durchringen kann, sollte zumindest prüfen, ob der angestammte Versorger einen billigeren Tarif hat.

Bei Vattenfall wäre das der Onlinetarif Berlin Easy. Der Vertragsschluss erfolgt per PC und auch die Rechnung ist nur im Netz verfügbar. Hiermit könnte Familie Davids sogar 50 Euro sparen, doch sie wollte nicht mehr bei Vattenfall bleiben.

Eine kleine Hürde für den Tarifwechsel ist die Preisgestaltung. Der Strompreis setzt sich aus einem Grundpreis pro Monat und einem Verbrauchs- oder Arbeitspreis pro Kilowattstunde zusammen. Zudem bieten Versorger neben einem Grund- oder Basistarif, der meist der teuerste ist, bis zu vier verschiedene Tarife an, etwa für Singles, für Umweltbewusste, für Mehrpersonenhaushalte. Verbraucher können sich an eine Faustregel halten: Je niedriger der Grundpreis, desto besser ist der Tarif für Singles. Große Familien fahren besser mit kleinem Verbrauchspreis.

Vorsichtig sollten Stromkunden bei absoluten Billiganbietern sein. Sie verlangen oft Vorauskasse, zum Beispiel die Berliner Flexstrom. Wer den Tarif nutzen will, muss zum Teil den vollen Jahrespreis bezahlen. Wer weniger verbraucht, bekommt nichts wieder. Jede Kilowattstunde über der vereinbarten Menge kostet extra und ist bis zu 10 Cent teurer.

Ökostrom ist nicht viel teurer

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Anke Scheiber und Partnerin Sandra Hartig bekommen ab November günstigen und umweltfreundlichen Strom – für einen nur minimalen Aufschlag zum herkömmlichen Strompreis.

Ähnliche Gründe wie Detlev Davids, den Stromanbieter zu wechseln, hatten die Berlinerin Anke Scheiber und ihre Partnerin Sandra Hartig. „Wir haben uns aber nicht nur für einen neuen Lieferanten, sondern auch gleich für grünen Strom entschieden.“ Ab November wird nun Deutschlands größter Ökostromanbieter Lichtblick ihren Haushalt beliefern.

Die Stromrechnung wird dann zwar nicht günstiger, „aber wir bezahlen auch nur 10 Euro im Jahr mehr als beim teuren Vattenfall-Tarif. Das ist es uns wert“, sagt Anke Scheiber.

Woher der Versorger seinen Strom bezieht, muss er auf der Rechnung erläutern. Er muss mindestens den Anteil an Atomkraft, fossilen Energieträgern und erneuerbaren Energien sowie die Menge Atommüll und den Ausstoß an Kohlendioxid nennen. Oft ist die Darstellung nicht übersichtlich, und Kunden können nicht erkennen, wie hoch der Anteil an Kohle und Erdgas sowie an erneuerbaren Energien ist. Anke Scheiber und Sandra Hartig wissen, dass sie mit ihrer Wahl auch den Ausbau erneuerbarer Energie unterstützen. Das hat ihr Anbieter schriftlich. Lichtblick-Strom trägt das ok-Power-Label vom Verein Energie-Vision. Er wurde 2000 von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen, dem Ökoinstitut Freiburg und dem WWF Deutschland gegründet.

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