Ökostrom: Alles Öko oder was?

Sie beruhigen das Gewissen, sind nicht unbe­dingt teurer und stehen für die Energiewende – Ökostrom­tarife. Doch kommt am Ende auch wirk­lich Ökostrom aus der Steck­dose? Nicht alle Ökotarife halten das Versprechen. Mehr Trans­parenz schaffen Zertifikate und Labels. test.de klärt auf.

Was ist Ökostrom?

Problem Nummer eins: Es gibt keine einheitliche Definition von Ökostrom. Der Begriff Ökostrom ist keine geschützte Produktbezeichnung wie es diese zum Beispiel für Biolebens­mittel gibt. Problem Nummer zwei: Ökostrom wird nicht mit separater Leitung zum Verbraucher trans­portiert. Ob Kohle, Atom oder Wind, alle Strom­erzeuger speisen die Energie in das gleiche Netz ein. Resultat: Am Ende der Leitung lässt sich das Licht der Lampe physika­lisch keiner Produktions­art mehr zuordnen.

Das Erneuer­bare-Energien-Gesetz

Der größte Teil des in Deutsch­land von Sonne, Wind und Wasser produzierten Stroms wird bereits über das Erneuer­bare-Energien-Gesetz (EEG) gefördert. Mit einem Anteil von etwa 17 Prozent (2010) kommt dieser „grüne Strom“ beim Verbraucher bereits aus der Steck­dose. Die Strom­versorger sind gesetzlich dazu verpflichtet diesen Strom aufzukaufen und an die Verbraucher weiterzugeben. Die Kosten sind im Strom­preis bereits enthalten. 2010 betrug der Anteil etwa 2 Cent pro Kilowatt­stunde. Das Problem: Den bereits durch das EEG geförderten Strom dürfen die Anbieter nicht als Ökostrom verkaufen. Lösung: Sie kaufen Strom bevor­zugt aus Wasser­kraft­werken im europäischen Ausland und verkaufen diesen in Deutsch­land als Ökostrom weiter.

Guter Ökostrom hat Zusatz­nutzen

Doch ein zusätzlicher Nutzen für die Umwelt entsteht nur dann, wenn Ökostrom konventionell erzeugten Strom vom Markt verdrängt. Das geschieht mit Investitionen in neue umwelt­schonende Kraft­werke. Empfehlens­werte Ökostrom­tarife sind daher solche, die Sonne, Wind und Co. fördern – und zwar über die gesetzlichen Anforderungen des EEG hinaus. Beispiel: Der Strom­anbieter investiert in eine Wind­kraft- oder Solar­anlage, die ohne sein Zutun nicht gebaut würde oder wirt­schaftlich arbeiten könnte. Diesen Zusatz­nutzen können sich die Anbieter durch entsprechende Labels zertifizieren lassen.

OK-Power-Label

Strom Special

Der Verein Energie-Vision vergibt jähr­lich das Label für einzelne Tarife von Strom­versorgern. Derzeit sind 54 Tarife von 28 Anbietern damit ausgezeichnet. Im Mittel­punkt stehen das Händler- und das Fonds­modell. Beim Händ­lermodell kauft oder erzeugt der Anbieter den Ökostrom selbst. Dieser darf maximal zu 50 Prozent aus Kraft-Wärme gekoppelten Anlagen sein. Weitere Auflage: Jeweils zu einem Drittel dürfen die Anlagen nicht älter als sechs beziehungs­weise höchs­tens zwölf Jahre sein – ein ständiger Anreiz für den Bau von Neuanlagen. Beim Fonds­modell zahlt der Kunde einen Aufpreis. Das zusätzliche Geld soll direkt in den Bau neuer Anlagen fließen. Kritik am OK-Power-Label: Nur der einzelne Tarif steht im Vordergrund, nicht aber der komplette Strom­versorger. Ein Unternehmen kann sich einen Tarif mit dem ok-Power-Label versehen lassen, während es andere Tarife vertreibt, die haupt­sächlich auf Kern­kraft oder fossilen Energieträgern basieren.

TÜV-Zertifikate

Strom Special

Die Tech­nischen Über­wachungs­ver­eine (TÜV) Nord, Süd und Hessen vergeben keine einheitlichen Zertifikate für Ökostrom. So hat allein der TÜV Süddeutsch­land vier Kriterienmodelle. Beispiel: Der mit EE01 zertifizierte Strom stammt zu 100 Prozent aus Erneuer­baren Energien. Davon sind mindestens 25 Prozent aus Neuanlagen. Preis­aufschläge sollen in den Neubau von Anlagen fließen. Doch wie beim OK-Power-Label steht oft nur der einzelne Tarif im Vordergrund. Anderer­seits über­prüfte der TÜV-Nord 2005 auch gesamte Unternehmen wie Greenpeace Energy und die Elektrizitäts­werke Schönau auf deren selbst gesetzte hohen Anforderungen.

Grüner Strom Label (GSL)

Strom Special

Hinter dem Label stehen verschiedene Natur-, Umwelt- und Verbraucher­schutz­organisationen. Derzeit sind Ökostrom­produkte von mehr als 90 Energieversorgern mit dem GSL zertifiziert. Der Strom­anbieter investiert über einen Aufpreis einen fest­gelegten Teil der Kundengelder in Ökoanlagen. Für das GSL-Gold sind 100 Prozent regenerative Energiequellen nötig. Mindestens ein Prozent des Stromes müssen solar erzeugt werden. Der Handel mit RECS-Zertifikaten ist untersagt.

RECS-Zertifikate

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Mit den Renewable Energy Certificate System (RECS) ist es möglich, konventionellen Strom ganz legal in Ökostrom umzu­deklarieren. Und das geht so: In Skandinavien besitzt ein Energieunternehmen Wasser­kraft­werke. Für jede erzeugte Megawatt­stunde Strom erhält das Unternehmen ein RECS-Zertifikat. Unabhängig von der physika­lischen Lieferung des Stroms ist der Handel mit diesem Zertifikat europaweit erlaubt. Ein deutscher Strom­anbieter, der haupt­sächlich auf Kohle und Atom setzt, kann das Zertifikat aufkaufen und damit einen Ökostrom­tarif anbieten. Physika­lisch liefert er aber weiterhin den Atom- oder Kohle­strom. Nur auf dem Papier besitzt er den Ökostrom. An der Strom­zusammenset­zung insgesamt ändert sich aber nichts. Das Problem: Allein in Skandinavien wird so viel Strom aus Wasser­kraft gewonnen, dass mit dem zugehörigen Zertifikaten der gesamte deutsche Atom- und Kohle­strom für Haus­halts­kunden zu Ökostrom umdeklariert werden könnte. Das Angebot an Ökostrom liegt europaweit deutlich über der Nach­frage. Nur wenn diese steigt, können RECS-Zertifikate den Bau von umwelt­schonenden Kraft­werken ankurbeln.

Richtigen Ökostromanbieter finden

Generell empfehlens­wert sind unabhängige und bundes­weit verfügbare Ökostromanbieter, die ausschließ­lich grünen Strom produzieren. Das Öko-Institut Freiburg ermittelt regel­mäßig güns­tige Ökostrom­angebote, die ökologische Mindest­kriterien erfüllen. In der Tabelle Ökostromangebote sind 15 bundes­weit verfügbare Ökostromanbieter aufgelistet. Zusätzlich etwa 126 regionale Angebote finden Sie unter www.ecotopten.de. Bei der Suche nach dem richtigen Anbieter helfen Internet-Portale wie zum Beispiel Verivox. Dort erhält man nach Eingabe von Wohn­ort und voraus­sicht­lichem Strom­verbrauch eine Über­sicht aller Ökostrom-Tarife der verschiedenen Produzenten. Wichtige Kriterien: Achten Sie auf kurze Kündigungs­fristen und eine Erst­vertrags­dauer von maximal einem Jahr. Schauen Sie gezielt nach den Öko-Labeln von Grüner-Strom, Ok-Power und TÜV. Vermeiden Sie Paket­preise und Vorkasse. Auch eine Preis­garantie von bis zu einem Jahr ist empfehlens­wert.

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