Streubomben in Riester-Verträgen Test

Streubomben in Riester-Verträgen. Seit August 2010 ist Streumunition geächtet. Investieren Riester-Anbieter trotzdem in Herstellerfirmen? Wir haben nachgehakt.

Nie im Leben wäre ich auf die Idee gekommen, dass mein Geld in Waffen investiert werden könnte“, schreibt uns eine Leserin, die mit einem Riester-Banksparplan für ihr Alter vorsorgt. Sie ist nicht die einzige, die sich wundert.

„Wären Sie überrascht, wenn mit Ihrem Riester-Geld geächtete Waffen finanziert würden?“, haben wir Leser mit Riester-Sparvertrag gefragt. 78 Prozent wären das durchaus. Wir haben weiter gefragt, ob ihr Anbieter die Papiere verkaufen sollte – selbst wenn ihnen dadurch Gewinn entgingen. Das fordern 76 Prozent der Befragten. Das Thema stößt auf außergewöhnliches Interesse. Über 3 500 Leser haben sich beteiligt – ein Rekord für eine Finanztest-Umfrage. Rund die Hälfte hat einen Riester-Vertrag.

Streubomben in Riester-Verträgen Test

Streubomben bestehen aus einem großen Behälter und bis zu 1 000 kleinen Geschossen. Ein großes Problem sind die Blindgänger. Viele explodieren nicht sofort, sondern erst, wenn jemand sie aufhebt oder auf sie tritt.

Streubomben bestehen aus einem großen Behälter und bis zu 1 000 kleinen Geschossen. Ein großes Problem sind die Blindgänger. Viele explodieren nicht sofort, sondern erst, wenn jemand sie aufhebt oder auf sie tritt.

Tatsächlich könnte aus beinahe allen Arten von Riester-Verträgen Geld an Hersteller von Streumunition fließen. Banken könnten Kredite an diese Firmen vergeben oder deren Aktien und Anleihen kaufen. Auch Fondsgesellschaften und Versicherungen legen das Geld der Riester-Sparer direkt oder indirekt über Fonds in Aktien und Anleihen an.

Eine Streubombe besteht aus einem Metallbehälter, der bis zu 1 000 Geschosse birgt. Nach dem Abschuss verteilen sie sich über große Flächen und töten unterschiedslos Soldaten und Zivilisten. Zwischen 5 und 30 Prozent der Geschosse explodieren nicht sofort, bleiben aber noch jahrelang scharf. Erst wenn man sie aufhebt oder auf sie tritt, gehen sie los – ähnlich wie Landminen, die seit 1999 geächtet sind.

Seit dem 1. August 2010 ist auch Streumunition geächtet. 108 Länder haben das Osloer Übereinkommen über Streumunition unterzeichnet. 43 Länder haben es in nationales Recht umgesetzt. Sie verpflichten sich, keine Streubomben, wie Streumunition landläufig genannt wird, herzustellen und einzusetzen und das auch nicht zu unterstützen. In Deutschland gilt das Verbot bereits seit Juni 2009.

Auf dem falschen Fuß erwischt

Streubomben in Riester-Verträgen Test

Rekord: Auf unsere Leserumfrage haben 3 506 Leser geantwortet. Die Anbieter haben das Interesse bislang unterschätzt. Nur 12 von 174 schließen Investments in Streubomben nachweislich aus.

Rekord: Auf unsere Leserumfrage haben 3 506 Leser geantwortet. Die Anbieter haben das Interesse bislang unterschätzt. Nur 12 von 174 schließen Investments in Streubomben nachweislich aus.

Auf die große Resonanz unserer Leser hin haben wir alle uns bekannten Riester-Anbieter gefragt, wie sie mit der Ächtung der Streubomben umgehen. Dazu haben wir 6 Fondsgesellschaften, 86 Banken, 20 Bausparkassen und 62 Versicherungen angeschrieben.

Wir wollten wissen, ob sie ethische Leitlinien haben, nach denen sie nicht in die Hersteller geächteter Waffen investieren. Wir haben weiter gefragt, ob sie eine Liste der ausgeschlossenen Firmen erstellt haben.

Das Thema hat viele Institute auf dem falschen Fuß erwischt. Zahlreiche Anbieter wollten unsere Fragen nicht beantworten, viele gaben nur vage Auskünfte. Einer fragte am Telefon: „Ethik? Wieso denn Ethik?“

Zwölf Riester-Anbieter schließen Anlagen in Streubomben- oder Waffenproduzenten explizit aus, sie haben dazu nachweisbar Richtlinien erstellt, drei arbeiten daran.

Gute Ansätze bei Union und DWS

Streubomben in Riester-Verträgen Test

Die Fondsgesellschaft Union Investment hat bereits im Dezember 2009 eine Richtlinie erlassen, nach der die Fondsmanager unter anderem keine Aktien oder Anleihen von Streumunitionsproduzenten kaufen dürfen. „Wird ein Wert auf die Negativliste genommen, sind Neuanlagen verboten, vorhandene Aktien und Anleihen werden baldmöglichst verkauft“, sagt Markus Temme von Union Investment. Die Ausschlüsse gelten für alle Union-Fonds, nicht nur für den Riester-Sparplan UniProfirente.

Die Richtlinie nennt zurzeit elf Unternehmen, zum Beispiel den US-Rüstungskonzern Lockheed Martin, der Streumunition für das amerikanische Militär und die Vereinigten Arabischen Emirate herstellte.

Die Fondsgesellschaft DWS hat eine generelle Richtlinie für ethisches, soziales und ökologisches Investieren aufgestellt. Darin heißt es auch: „Unternehmen, die geächtete Produkte wie Streumunition oder Landminen herstellen, sind aus dem Investmentuniversum ausgeschlossen.“

Die Richtlinie ist seit dem 15. Oktober 2010 in Kraft und soll demnächst auf der Internetseite der DWS veröffentlicht werden. Welche Unternehmen genau die DWS ausschließt, wird dort aber nicht zu sehen sein. Die Richtlinie gilt außerdem nicht für die Konzernmutter Deutsche Bank.

Noch im Sommer dieses Jahres stand die DWS im Mittelpunkt mehrerer Berichte über Investitionen in Streumunition. Das Aktionsbündnis Landmine.de hatte Aktien des US-Streumunitionsherstellers Textron in Fonds der DWS gefunden.

Unter dem Namen Landmine.de setzten sich mehrere karitative Organisationen gegen Landminen ein und kämpften bis jetzt gegen den Einsatz von Streubomben.

Im Zusammenhang mit den Berichten über die DWS kam die Frage auf, ob derselbe Staat, der Streumunition geächtet hat, auf Umwegen über seine Riester-Förderung zu deren Finanzierung beitragen dürfe.

Die Aktien von Textron seien verkauft, versichert die DWS. Nachprüfen lässt sich das erst im nächsten Jahresbericht.

Ethisch nur im Einzelfall

Bei den anderen Anbietern von Riester-Fondssparplänen müssen die Anleger dagegen noch damit rechnen, dass ihr Geld auch in Papiere von Streubombenproduzenten fließt (siehe Tabelle Fonds). Die Deka sagt, sie treffe die Entscheidungen über einen Kauf entsprechender Papiere im Einzelfall. „Solange keine branchenweiten ethischen Standards zur Investition in Unternehmen oder gesetzliche Investitionsverbote existieren“, schreibt die Deka, halte sie diesen Ansatz für einen sinnvollen und guten Weg. In Fonds der Deka-Bonusrente haben wir im Juni dieses Jahres General Dynamics gefunden.

Auch bei Allianz Global Investors (AGI) sind wir in diesem Jahr auf Streubombenproduzenten gestoßen. AGI wollte an unserer Umfrage nicht teilnehmen, weil sie ihre Riester-Produkte nicht mehr vertreibt. Im Bestand sind sie aber noch.

Explosives Erbe

Streubomben in Riester-Verträgen Test

Im Vietnamkrieg warf die US-Luftwaffe allein über Laos rund 1,4 Millionen Tonnen Streubomben ab. Ein Drittel der rund 270 Millionen Geschosse liegt noch dort und gefährdet die Menschen bei der Feldarbeit. Mitte November trafen sich in Laos die 108 Unterzeichnerstaaten des Osloer Übereinkommens, um Hilfe für die Opfer zu organisieren. Die USA, die Streuwaffen weiter einsetzen, helfen bei der Räumung.

Außer Laos gelten etwa Afghanistan und Serbien als verseuchte Gebiete. Auch dort waren die USA am Werk, teils gemeinsam mit den Briten und den Niederländern. Die Israelis haben Streumunition im Libanon eingesetzt, die Russen in Tschetschenien.

Gebaut werden die Waffen überwiegend von US-Firmen: Außer Lockheed Martin, General Dynamics und Textron sind das Alliant Techsystems, L3 Communications und Raytheon. Dazu kommen noch Hanwha und Poongsan aus Südkorea (siehe Tabelle Streumunitionshersteller).

Die Firmen stehen alle auf der Ausschlussliste des norwegischen Pensionsfonds. Er legt die Einnahmen des Staates aus dem Ölgeschäft an. Seine ethischen Anlagerichtlinien gelten als vorbildlich. Außer Streubombenproduzenten stehen auf der Liste auch der Landminenhersteller Singapore Technologies und zehn Atomwaffenhersteller.

Die geheimen Geschäfte der Banken

Wenn Kritiker sich aufmachen, nach Bösewichten zu suchen, nehmen sie oft als erste die Fondsgesellschaften aufs Korn. Ihnen kann man am einfachsten auf die Finger schauen, weil sie zweimal jährlich sagen, welche Wertpapiere ihre Fonds besitzen.

Eine solche Offenheit ist ansonsten in der Finanzwelt nicht üblich. Die Banken machen ein Geheimnis aus ihren Geschäften. Sie vergeben Kredite, aber sagen nicht, an wen. Sie legen außerdem Geld bei anderen Banken an oder kaufen selbst Wertpapiere. Welche, das erfährt die Öffentlichkeit nicht. Je größer die Bank und je dichter ihre internationalen Verflechtungen, desto undurchsichtiger werden ihre Geschäfte. Die Anbieter von Riester-Sparplänen sind allerdings kleine, regional tätige Volksbanken und Sparkassen. Sie vergeben Kredite an Firmen vor Ort.

Sie gehe davon aus, dass das Thema „bei einem Kreditinstitut unserer Größenordnung weder aussagekräftig noch überhaupt von Relevanz“ sei, schreibt die Kreis- und Stadtsparkasse Dillingen an der Donau – offenbar stellvertretend für viele: 68 von 86 der befragten Banken wollten nicht an der Umfrage teilnehmen (siehe Tabelle Banken).

In Rastede bei Oldenburg steht man dem Thema Ethik aufgeschlossener gegenüber. Zwar weist auch die dortige Raiffeisenbank darauf hin, dass es aufgrund ihrer regionalen Tätigkeit kaum zu erwarten sei, dass sie Kredite an Streubombenproduzenten vergebe, fügt jedoch hinzu: „Wir unterstützen ausdrücklich diese Untersuchung.“ Kein Lippenbekenntnis: Die Bank hat sich bereits im Jahr 2000 ethische Leitlinien gegeben und schließt die acht Firmen, die der norwegische Pensionsfonds als Streumunitionshersteller listet, von der Anlage aus.

Zwei Institute haben ethische Fragen zur Grundlage ihres Geschäfts bestimmt: Für die Bank für Kirche und Caritas und die Ethikbank sind Kriegswaffen generell tabu.

Wo die kleine die große Welt berührt

Geld, das die Sparkassen und Volksbanken nicht als Kredit vergeben oder in Wertpapiere stecken, legen sie zum Teil bei ihren Zentralinstituten an. Über diesen Weg könnten Beiträge, die ursprünglich in einen Riester-Banksparplan eingezahlt wurden, in zweifelhafte Wertpapiere oder Kredite fließen.

Nach dem Bericht „Worldwide Investments in Cluster Munitions 2010“ hatten etwa die WestLB und die BayernLB im Juli 2007 gemeinsam mit 29 anderen Banken Lockheed Martin einen Kreditrahmen über 1,5 Milliarden Dollar eingeräumt.

Deshalb haben wir auch sechs Landesbanken und zwei Genossenschaftszentralbanken nach ihren ethischen Richtlinien gefragt. Sechs Institute haben geantwortet.

Die WestLB hat nachweislich 2008 festgelegt, dass sie keine Hersteller von Streumunition finanzieren will. Von älteren Engagements habe man sich seitdem getrennt, so die WestLB. Die BayernLB, die DZ Bank und die WGZ-Bank haben uns bestätigt, dass sie Streubombenhersteller ausschließen. Zu dem älteren Vertrag mit Lockheed Martin äußerte sich die BayernLB nicht. Die Nord LB und die LB Baden-Württemberg haben gesagt, dass sie zurzeit Richtlinien erarbeiten.

Der Alltag der Bausparkassen

Wie bei Volksbanken und Sparkassen hat auch das Alltagsgeschäft der Bausparkassen wenig mit der großen Welt zu tun. Es besteht darin, die Beiträge der Sparer an Leute auszuleihen, die bauen wollen. Viel bleibt zur Anlage nicht übrig. 12 von 20 Bausparkassen haben geantwortet. Einige haben uns auf das Bausparkassengesetz verwiesen, demzufolge Anlagen in Streubombenhersteller kaum möglich seien. Das Gesetz befasst sich aber gar nicht mit ethischen Aspekten.

Wo fängt man an, wo hört man auf?

Anleger machen sich normalerweise wenig Gedanken , was Anbieter mit ihrem Geld anstellen. Sie vertrauen darauf, dass diese sorgsam mit ihren Ersparnissen umgehen und die versprochenen Renditen erwirtschaften. Inwieweit Investments auch ethisch zweifelhaft sein können, ist kaum erkennbar.

Ein Leser sieht beim Thema Ethik gar unüberwindbare Probleme. Eigentlich dürfe man dann auch nicht in Urlaub fliegen, da man meist mit Boeing oder Airbus fliege – und beide Unternehmen Militärflugzeuge herstellen. „Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin gegen Krieg und Streubomben, aber wo fängt man an, wo hört man auf?“, schreibt er – und spricht damit vielen aus der Seele.

Die internationale Gemeinschaft ächtet – übrigens schon seit dem 19. Jahrhundert – Waffen, die übermäßiges Leid zufügen. Das mag zynisch klingen, schließlich bringt Krieg zwangsläufig Leid. Aber so wurden biologische und chemische Waffen aus Militäreinsätzen weitgehend verbannt, und die meisten Staaten setzen keine Landminen mehr ein. Auch der Atomwaffensperrvertrag kam so zustande.

Die Verschwiegenheit der Versicherer

Versicherer verraten generell nicht, welche Wertpapiere sie von den Beiträgen der Versicherten kaufen. Die Sparraten verschwinden meist in einer Blackbox. Das gilt im Wesentlichen auch für fondsgebundene Versicherungen. Nur ein Teil der Riester-Beiträge fließt in Fonds, deren Vermögensaufstellungen öffentlich zugänglich sind.

Uns hat deshalb vor allem interessiert, welche Anlageleitlinien die Versicherer für Wertpapiere haben, die sie selbst kaufen. Nichts mit Streumunition zu tun haben die Debeka und oeco capital. Beide haben Hersteller von Kriegswaffen ausgeschlossen.

Ethische Anlageregeln beachten außerdem zwei ausländische Konzerne. Die italienische Generali bekennt sich auf ihrer Homepage zu den Richtlinien des norwegischen Pensionsfonds. Zu Generali gehören die deutschen Töchter AachenMünchener und CosmosDirekt. Bereits seit 2008 investiert die französische Axa nicht mehr in Streubombenhersteller. Anders als Generali veröffentlicht sie aber keine Liste mit den gebannten Unternehmen.

Ethik ist oft noch Randthema

Streubomben in Riester-Verträgen Test

Sie sieht harmlos aus: Diese Streubombe auf einer Straße in Nadschaf im Irak ist ein gefährliches Überbleibsel aus dem Golfkrieg.

Sie sieht harmlos aus: Diese Streubombe auf einer Straße in Nadschaf im Irak ist ein gefährliches Überbleibsel aus dem Golfkrieg.

Einige Versicherer haben uns mitgeteilt, dass sie Richtlinien beachten, konnten oder wollten uns das aber nicht schriftlich nachweisen (siehe Tabelle Versicherer). In diese Rubrik haben wir auch Marktführerin Allianz einsortiert. Es sei gängige Praxis, nicht in Firmen zu investieren, die bekanntermaßen Geschäfte mit geächteten Waffen machen, schreibt uns die Allianz Leben. Das ist jener Teil des großen Konzerns, der die Riester-Versicherungen anbietet. „Wir sind gerade dabei, den Ausschluss von Streumunitionsproduzenten bei Investments aller Allianz-Gesellschaften zu erarbeiten und sicherzustellen“, sagt Sprecher Udo Rössler.

Auch die Ergo und die Ergo Direkt arbeiten zurzeit an einer Richtlinie.

Ein gutes Dutzend Versicherer hat uns gesagt, dass Streumunitionshersteller nicht in ihren Portfolios sein können, weil sie beispielsweise nur in große Indizes oder nur europaweit anlegen. In Europa gibt es keine Streubombenbauer. Doch die großen US-Rüstungskonzerne sind durchaus in großen Indizes wie dem S&P 500 oder dem MSCI Welt enthalten (siehe Tabelle Streumunitionshersteller).

Knapp die Hälfte der angeschriebenen 62 Versicherer hat nicht oder so schwammig geantwortet, dass wir die Antworten nicht verwenden konnten.

Ein Ausblick

Wir würden uns mehr Offenheit wünschen, nicht nur, weil unsere Leser so großes Interesse gezeigt haben. Selbst die Versicherungen, die Richtlinien haben, betreiben ihre Geschäfte weiter im Verborgenen. Welche Papiere sie tatsächlich kaufen, lässt sich nicht feststellen. Noch viel weniger Verlass ist auf Beteuerungen wie: „Wir machen nichts, was unethisch sein oder unseren Kunden missfallen könnte.“ Versicherungen müssen ihre Wertpapierbestände nicht veröffentlichen, auch die Banken nicht. Aber sie könnten es tun.

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